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Fusionen : Es funkt wieder bei Banken und Konzernen

Sanofi will Aventis. Carlsberg schluckt Holsten. 2004 wird ein Jahr der Fusionen und Übernahmen. Vor allem in Deutschland geht es jetzt richtig zur Sache.

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          Hinter verschlossenen Türen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Der Pharmakonzern Sanofi plant die feindliche Übernahme des Straßburger Wettbewerbers Aventis. Am Montag kann Sanofi zum Angriff blasen, trifft aber auf einen vorbereiteten Gegner - der Stimmung für die eigene Aktie macht. Wohl wissend: Nur ein sehr hoher Aktienkurs schützt wirksam gegen eine feindliche Übernahme. "Unsere ausgezeichneten Markt- und Wachstumschancen spiegeln sich in unserer Bewertung an der Börse noch nicht wider", sagte Aventis-Chef Igor Landau am Freitag der F.A.Z.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Aventis-Chef ist nicht der einzige, der aufgeschreckt ist. Große Konzerne werden wieder zu Übernahmezielen, Investoren suchen gezielt nach Anlagemöglichkeiten, Konzerne fusionieren. Den Anfang machten 2004 die beiden amerikanischen Großbanken J.P. Morgan Chase und Bank One. Deren angekündigter Zusammenschluß schürte sogleich Spekulationen um Commerzbank und Hypo-Vereinsbank. Die beiden deutschen Institute könnten aneinander Gefallen finden, fehlt jedem allein doch die notwendige Masse, um auf dem europäischen Bankenmarkt eine Rolle zu spielen. Dem deutschen Bankenmarkt wird eine Konsolidierung vorhergesagt, am Biermarkt ist sie schon in vollem Gange. Jetzt hat die stark expandierende Carlsberg-Gruppe die deutsche Holsten-Brauerei geschluckt.

          „Giftpillen“ haben Wirkung verloren

          Ob Banken oder Brauereien, vor allem in Deutschland wird sich noch mehr tun. Trotz der jüngsten Kurserholung sind viele attraktive Unternehmen an den Börsen niedrig bewertet. Einstige "Giftpillen", die Ausländern den Schritt nach Deutschland vermiesten, haben ihre Wirkung verloren. Die mächtigen deutschen Gewerkschaften, internationalen Investoren stets ein Dorn im Auge, werden zahmer - siehe Mannesmann-Prozeß. In Düsseldorf müssen sich seit der vergangenen Woche frühere Vorstände und Gewerkschaftsführer gemeinsam vor Gericht verantworten.

          Dazu kommt, daß sich die Deutschland AG mit ihren vielschichtigen engen Verflechtungen in der Wirtschaft langsam auflöst. So haben Allianz und Münchener Rück ihre Überkreuzbeteiligung gelöst, die Energieversorger Eon und RWE konzentrieren sich auf ihre Kerngeschäfte und verkaufen Randbeteiligungen. Davon profitieren private Investoren, die ihre frisch erworbenen Beteiligungsfirmen nach zwei, drei Jahren verkaufen, fusionieren oder an die Börse bringen wollen.

          „Zunehmendes Interesse“

          Das vergangene Jahr war zwar noch sehr mühsam für Finanzinvestoren. Große Firmenkäufe, die auf das Konto von internationalen Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) gehen, waren selten. Lange hat Daimler-Chrysler erfolglos versucht, seinen Flugzeugtriebwerkehersteller MTU zu verkaufen. Im Dezember hat schließlich Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) zugegriffen. Der amerikanische Finanzinvestor zahlte 1,45 Milliarden Euro. Es war 2003 die größte Übernahme eines privaten Investors.

          Fortsetzung folgt: "Wir sehen in jüngster Zeit bei unseren Kunden ein zunehmendes Interesse an größeren, strategisch ausgerichteten Akquisitionen", sagt Dieter Turowski, verantwortlich für Übernahmen und Fusionen (M&A) bei der Investmentbank Morgan Stanley. Jeden Preis zahlen die Firmenkäufer nicht. "Im Gegensatz zu den M&A-Boomjahren 1999 und 2000 wird auch ein größeres Augenmerk auf Vorsicht und Wertschöpfung gelegt."

          Größere Risikobereitschaft

          Doch gerade amerikanische Käufer treten sehr aggressiv auf. Unterstützung erhalten sie jetzt wieder von den vor kurzem noch übervorsichtigen Kreditinstituten. "Die Banken haben ihre Scheu vor Fremdkapital-Finanzierungen abgelegt", beobachtet Gregor Böhm, Managing Director beim Finanzinvestor Carlyle. Offenkundig sind Banken wie Investoren bereit, größere Risiken einzugehen beziehungsweise abzudecken. Es werden höhere "Multiples" bezahlt, heißt das im Fachjargon.

          Mit den Finanzinvestoren kommt auch der Markt für Unternehmensübernahmen und Fusionen in Schwung. Das Volumen der in Deutschland angekündigten Firmenkäufe und Fusionen war im ersten Halbjahr 2003 mit 32 Milliarden Euro auf das niedrige Niveau von 1997 zurückgefallen. Seit dem zweiten Halbjahr ist eine Belebung festzustellen.

          Wieder Börsengänge

          Und mit Spannung beobachten Investoren die Börsenaspiranten. Nicht einen einzigen Börsengang hatte es 2003 gegeben. Jetzt soll die Postbank den Stimmungsumschwung bringen. Die Deutsche Post will im Herbst etwa 50 Prozent der Aktien ihrer Tochter plazieren - geschätzter Wert: 2,5 Milliarden Euro. Damit wäre die Postbank sogar ein Kandidat für den Deutschen Aktienindex. Mit dem Autoteilehändler ATU, dem Schiffahrtsunternehmen Hapag-Lloyd oder dem Sanitärspezialisten Grohe stehen weitere Börsenkandidaten bereit.

          Erfolgreiche IPOs brächten Nachahmern Rückenwind. Umgekehrt wäre es ein fatales Signal, rutschten die neuen Aktien nach den Börsendebüts unter ihren Ausgabekurs. "Wenn der Aktienmarkt auch nur stabil bleibt, ist nicht auszuschließen, daß sich der IPO-Markt im zweiten Halbjahr wieder deutlich abschwächt", warnt Paul Lerbinger, bei der Citibank zuständig für das Investmentbanking.

          Doch damit rechnen Optimisten nicht - solange Fusions- oder Übernahmegerüchte wie bei Sanofi und Aventis die Kurse steil nach oben treiben.

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