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Fujifilm-Präsident Shigetaka Komori : „Wir haben dieses Geschäft neu definiert“

  • Aktualisiert am

Shigetaka Komori Bild: Edgar Schoepal

Japans großer Fotofilmhersteller steckt im Umbau. Das klassische Filmgeschäft spiele kaum noch eine Rolle, sagt Konzernchef Komori im Interview. Große Hoffnungen ruhen auf Kosmetik und Pharma.

          5 Min.

          Herr Komori, fotografieren Sie noch selbst?

          Aber sicher.

          Was für eine Kamera benutzen Sie?

          Derzeit ist die Finepix X-100 mein Favorit. Ich habe das Gerät mit der Seriennummer 1. Das wollte ich haben.

          Warum?

          Das ist eine der besten Kameras, die ich je in Händen hatte.

          Mit diesem Modell hat Fujifilm moderne Digitaltechnik in ein Design aus den fünfziger Jahren gepackt. Warum?

          Das kommt an.

          Hätten Sie da nicht gleich die deutsche Markenfirma Leica kaufen sollen, als diese vor einigen Jahren zum Verkauf stand?

          Wir haben ernsthaft darüber nachgedacht. Aber wir entschieden uns dagegen.

          Wieso?

          Weil es nicht in unsere Strategie gepasst hätte. Wir haben uns damals daran gemacht, Fujifilm umzubauen.

          Und da hätte die Nobelmarke Leica nicht in Ihr Portfolio gepasst?

          Leica ist eine erstklassige Marke, und ich gebe zu, wenn so etwas zum Verkauf steht, ist das verlockend. Aber Leica hat ein anderes Geschäftsmodell. Wir machen bei Fujifilm vom Sensor bis zur Software bei den wichtigen Komponenten alles selbst. Auch haben wir eine sehr gute Marke. Warum also sollten wir Fujifilm- Technik in eine Hülle von Leica stecken.

          Warum nicht? Das machen doch viele so! Die Computer von Apple werden von Foxconn gefertigt, die Fernsehgeräte von Sony kamen von Samsung.

          Ich finde unsere Entscheidung, den Kauf von Leica nicht anzustreben, sehr ehrlich. Auch haben wir dem Konzern damals neue Geschäftsfelder erschließen wollen, und das haben wir dann ja auch gemacht. Da passte Leica nicht wirklich hinein.

          Shigetaka Komori und der Schauspieler Masahiro Motoki präsentieren die Digitalkemera „X10“ aus dem Hause Fujifilm

          Mit Kodak ging gerade der Branchenprimus der Filmindustrie in die Insolvenz. Agfa ist ein Schatten seiner selbst ...

          ... Fujifilm aber ist auf Wachstumskurs.

          Doch japanische Firmen wie Sony, Matsushita und Olympus stecken in der Klemme zwischen einer starken Landeswährung und hohen Rohstoffpreisen?

          Exportorientierte japanische Unternehmen wie Sharp, Sony oder Olympus haben es derzeit schwer. Sie kämpfen mit einem starken Yen. Die Regierung muss hier einschreiten.

          Die Regierung?

          Ja. Tokio muss handeln. Der Markt scheint nicht mehr richtig zu funktionieren. Angebot und Nachfrage passen nicht mehr zusammen. Oder warum glauben Sie, warum die Schweizer ihren Franken gedeckelt haben?

          Weil riesige Mittelzuflüsse den Franken haben stark aufwerten lassen.

          Genau. Und das hatte wenig mit der wahren Schweizer Wirtschaft zu tun. Der Franken ist für die ausfuhrorientierten Firmen des Landes viel zu stark. Da kann viel kaputt gehen. Wir sind in einer ähnlichen Situation. Das ist fast schon wie Mitte der achtziger Jahre.

          Damals baten die Amerikaner an den Verhandlungstisch.

          Damals hielt Washington den Dollar für zu stark. Tokio sah sich gezwungen, den Yen deutlich aufzuwerten. Heute sehen wir wieder einen unverhältnismäßig starken Yen. Seit der Krise der amerikanischen Lehman Bank wertete der Yen 35 Prozent auf. Das können sie als Unternehmen nicht wegstemmen.

          Aber Firmen wie Sony oder Olympus haben auch hausgemachte Probleme?

          Natürlich müssen die Firmen ihre Hausaufgaben machen. Und zumindest bei Olympus ist da vieles in die falsche Richtung gelaufen. Die haben ein Problem mit ihrem Eigenkapital. Das ist mit 4 bis 5 Prozent der Bilanzsumme zu schwach.

          Das macht Olympus angreifbar. Deren Geschäft mit Endoskopen hätte gut zu Fujifilm gepasst. Warum nutzten Sie die Möglichkeit nicht?

          Wir waren bereit.

          Also wollte Olympus nicht verkaufen?

          Olympus ist nach wie vor eine börsennotierte Gesellschaft, die mit Tokyo Mitsubishi und Mitsui Sumitomo zwei starke Hausbanken hinter sich stehen hat. Wäre Olympus von der Börse gegangen, hätten wir eine andere Lage.

          Die Chance ist vorbei?

          Nun, wir haben Olympus ein Angebot zur Zusammenarbeit gemacht. Ende April haben sie ein neues Management ernannt. Das muss nun entscheiden.

          Wie sieht das Angebot aus?

          Darüber will ich jetzt nichts sagen.

          Eine Übernahme ist ausgeschlossen?

          Wenn ich im Management von Olympus wäre, würde ich auch alles daran setzen, selbständig zu bleiben.

          Sie haben Leica nicht kaufen wollen, Sie haben Olympus nicht kaufen können. Wo wollen Sie mit Fujifilm hin?

          Das Filmgeschäft ist unsere Wurzel, das wird es auch bleiben. Doch wir haben dieses Geschäft neu definiert. In Zeiten massenhafter Digitalfotografie sind klassische Fotofilme ja fast schon vom Markt verschwunden. Schauen Sie nur, was mit unseren einstigen Wettbewerbern passiert.

          Shigetaka Komori in der Fujifilm-Fabrik in Tilburg.

          Wohin wollen sie denn nun?

          Wir sind nach wie vor sehr erfolgreich im Geschäft mit Kameras, Objektiven und Fotobüchern. Dazu kommen Drucker und Bürotechnik. Wir sind schon vor Jahrzehnten mit Röntgenbildern in den Medizinbereich eingestiegen. Wir haben uns vor rund zehn Jahren dann aufgemacht, diese Entwicklungspfade weiterzugehen.

          Was genau haben Sie da gemacht?

          Wir haben das Unternehmen neu positioniert, haben uns vor sechs Jahren die Struktur einer Holding gegeben, haben gezielt zugekauft und über Jahre hinweg 6 und 8 Prozent unseres Erlöses in die Forschung und Entwicklung investiert. Das ist selbst für ein japanisches Unternehmen eine sehr hohe Quote.

          Und was ist das Ergebnis?

          Das Ergebnis ist, wir haben heute sechs Geschäftsfelder, in denen wir kräftig wachsen können: Medizinische Systeme, Grafische Systeme, Optische Geräte, Büro-Kommunikation, Digital Imaging und Funktionale Materialien. Alle diese Bereiche haben in irgendeiner Art und Weise mit Filmtechnologie zu tun.

          Inwiefern?

          Nun, das Geschäft mit Fotofilmen ist ein sehr komplexes und ein sehr kompliziertes. Schauen Sie sich nur mal an, was für Techniken und Technologie in so einen Film stecken. Sie müssen mehr als ein Dutzend Farbschichten auf ein Trägermaterial auftragen und keine darf in die andere übergehen, das bedeutet Präzisionsarbeit mit rund hundert hochfunktionalen Materialien. Das ist eine technische Höchstleistung. Das braucht Erfahrung, Methoden und Patente, die sie auch jenseits der Fotofilme einsetzen können.

          Diese technischen Höchstleistungen aber haben andere auch vollbracht.

          Sicher, aber wir haben sie konsequent weiterentwickelt. Wir sind in das Geschäft mit Kosmetik eingestiegen, wir sind in der Nano- und Biotechnologie tätig, und auch im Pharmageschäft.

          Was bringt das?

          Was das bringt? Das gibt uns Spielraum. Das stellt unser Geschäft auf eine breite Basis. Heute machen wir vielleicht noch 1 Prozent unseres Umsatzes mit traditionellen Fotofilmen.

          Was machen Sie im Pharmageschäft?

          Wir haben derzeit zwei vielversprechende Medikamente in der Entwicklung. Eins gegen Influenza und eins gegen Alzheimer.

          Gegen Alzheimer? Niemand hat ein Medikament gegen Alzheimer.

          Alzheimer ist eine schlimme Krankheit. Auf der Welt leiden rund 65 Millionen Menschen darunter. Und Sie haben Recht, keiner hat heute ein nachhaltiges Mittel dagegen. Aber wir versuchen es, wir kämpfen dagegen und wir haben jetzt ein Medikament, das in Amerika in der zweiten klinischen Testphase ist. Das Mittel ist in der Lage, im Gehirn Synapsen wieder miteinander zu verbinden. Das könnte zu einem Entwicklungssprung in der Behandlung von Alzheimer führen.

          Wann werden Sie das Medikament auf den Markt bringen?

          Wie gesagt, wir müssen noch in die dritte klinische Testphase und dann sind auch noch weitere Tests notwendig. Wenn alles gut läuft, sind wir damit in einigen Jahren auf dem Markt.

          Dann wird Fujifilm ein Pharmaunternehmen sein?

          Nicht notwendigerweise.

          Aber wenn Sie dann doch Medikamente anbieten?

          Wir bieten heute schon Medikamente an. Wir arbeiten unter anderem als Auftragsfertiger für verschiedene Pharmaunternehmen. Darüber hinaus führen wir derzeit gerade unsere Hautpflegeserie unter der Marke Astalift in Europa ein.

          Wo ist denn nun Ihr geschäftlicher Schwerpunkt?

          Unsere Kernkompetenz liegt in der Forschung, Entwicklung und Technologie. Wir kommen vom Filmgeschäft, und wir sind ein Filmunternehmen.

          Komori leitete die Neuausrichtung von Fujifilm ein, als er 2006 zwei neue Produktlinien rund um Kosmetik und Ernährung des Unternehmens vorstellte.

          Was hat das Filmgeschäft mit Kosmetik zu tun?

          Sehr viel. Das verbindende Element ist die Feinchemie. Wir verfügen dank des Filmgeschäfts in unserer Datenbank über rund 200000 chemische Komponenten. So haben wir uns 75 Jahre lang mit Kollagen beschäftigt. Dieses Protein spielt nicht nur als Gelatine bei Fotofilmen, sondern auch als Bindegewebe in der menschlichen Haut eine wichtige Rolle. Auch haben wir Erfahrungen mit Antioxidantien, die nicht nur das Verblassen von Fotos verhindern, sondern mit denen auch Alterungsprozessen der Haut entgegensteuert werden können.

          Und daraus haben Sie dann Hautcremes gemacht?

          Ganz so einfach ist das nicht.

          Wie schwer ist es denn?

          Sie müssen beispielsweise mit den Antioxidantien richtig umgehen.

          Das können Sie und andere nicht?

          Wir haben rund 4000 dieser chemischen Verbindungen. Wir haben uns für unsere Hautpflegeserie für Astaxanthin entschieden, es ist das stärkste natürliche Antioxidans, ein natürlicher Farbstoff, der zum Beispiel die Rotfärbung von Krebstieren bewirkt.

          Vermutlich setzen andere es auch ein...

          Ein Kilogramm kostet rund 7000 Dollar. Und wenn man es hat, muss man es noch verarbeiten, und das ist bei Astaxanthin sehr schwierig. Hier kommt unsere Erfahrung mit Nanopartikeln ins Spiel. Was wir bei der Herstellung von Filmen gelernt haben, können wir nun auch bei Antioxidantien anwenden, nämlich diese Substanzen in winzigste Bestandteile zerkleinern und die dann mit einer Schicht umgeben. So kann diese Substanz überhaupt erst ihre Wirkung entfalten.

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