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Zeiten des Skandals : Für Boschs große Pläne ist Dieselgate ein Bremsklotz

  • -Aktualisiert am

Das Bosch-Logo am Entwicklungszentrum des Unternehmens in Renningen. Bild: Reuters

Mit smarten Geräten will Bosch zu einem Rundum-Versorger im nächsten digitalen Zeitalter werden. Die Unsicherheit, die der Abgasskandal mit sich bringt, könnte diese Pläne behindern.

          Bosch hat schnell das Unvermeidliche getan. Als vor einem Jahr der VW-Skandal ruchbar wurde, hat sich der Stuttgarter Konzern als Lieferant der Motorsteuerung zu erkennen gegeben, die das Täuschungsmanöver von VW überhaupt erst möglich gemacht hat. Danach jedoch ist Bosch auf Tauchstation gegangen, auf dass der Name Bosch gar nicht erst mit Begriffen wie Verantwortung, Schuld oder Betrug in Verbindung gebracht werde. Immer stärker zeigt sich, dass dieses Verhalten dem Dieselproblem nicht gerecht wird, auch wenn nach wie vor unklar ist, welchen Anteil Bosch daran hat. Hätte nicht Bosch-Chef Volkmar Denner persönlich erklären müssen, dass solches Fehlverhalten nicht zu dem werteorientierten Stiftungsunternehmen Bosch passt, dass man alles daran setzen werde, die Schuldigen zu finden und dass man dafür sorgen werde, dass so etwas nie wieder vorkommen kann?

          Er hätte müssen. Er hat aber nicht. Umso begieriger werden jetzt Details aus Unterlagen von VW und Bosch aufgenommen, die in Amerika verbreitet werden. Sie kommen von Klägern, denen es darum geht, möglichst hohen Schadensersatz zu bekommen. Selbstredend stellen sie deswegen Bosch in einem möglichst schlechten Licht dar, vermeintlich so eindeutig, dass mancher sich fragt, ob Bosch so schweigsam war, weil die Wahrheit so schmerzlich ist. Den 375.000 Bosch-Mitarbeitern, die man bisher im Unklaren gelassen hat, wird jetzt im Intranet erklärt, dass Denner auch in früheren Jahren keine „fachliche Verantwortung“ für die Motorsteuerung gehabt habe, dass man nicht alles glauben solle, was amerikanische Anwälte verbreiten und dass Medienberichte teilweise irreführend seien.

          Vom sauberen Auto zum schmutzigen Skandal: Hier geht es zur FAZ.NET Übersichts-Chronik zum Abgasskandal

          Denner will Bosch zu Google-Konkurrent machen

          Es brodelt im Konzern. Dabei brauchte Bosch dringender denn je eine motivierte Belegschaft, die vertrauensvoll die Zukunftsthemen anpackt. Der Konzern ist im Umbruch, muss sich seinen Platz suchen in der Welt der Industrie 4.0. Nach allem, was zu erkennen ist, hat Denner eine ziemlich genaue Vorstellung von dieser Zukunft. Bosch soll eine Art Google-Konkurrent werden, in allen Lebensbereichen der Verbraucher präsent, eine Anwendung unweigerlich mit der anderen verknüpfend, um neue Ertragschancen zu erschließen.

          Denkverbote hat sich Denner nicht gegeben; sogar die Bekämpfung von Krebs hat er als Vision schon formuliert. Während Google sich Einfluss auf die Konsumenten durch immer neue, hilfreiche Internet-Anwendungen sichert, kommt Bosch von den Dingen her. Bosch hat die Heizung, die Mikrowelle und die Bohrmaschine im Angebot und für das Auto ohnehin fast alles, dazu die Sensoren, die es braucht, um alles zu kontrollieren und zu verknüpfen. Wie das vollintegrierte Bosch-Leben aussehen könnte, hat Denner vorgeführt, als er sich im April anlässlich der Bilanzpressekonferenz in ein Concept Car setzte, das ihm das Fahren abnahm, während er mit dem Paketboten per Video Kontakt hatte, der so eine vom Kühlschrank selbständig bestellte Lieferung im Haus deponieren konnte – all das, während der Roboter-Rasenmäher nebenan seine Arbeit tat.

          Boschs Position in der „neuen Autowelt“ ist noch nicht entschieden

          Abwegig ist es nicht, dass Bosch zum Super-Versorger seiner Kundschaft werden könnte. Die Stuttgarter haben nicht nur die Produkte, sondern hat auch schon einige Geschäftsmodelle präsentiert, die zeigen, wie man aus den Annehmlichkeiten für die Kundschaft Geld machen könnte. Doch es reicht nicht, das Ziel festzulegen, man muss auch den Weg dahin schaffen. Dieser sieht ziemlich mühsam aus, weil es so viele Unwägbarkeiten gibt und einige jetzt schon deutlich erkennbar große Hürden. Das wohl größte Problem liegt darin, dass Bosch nicht nur die Digitalisierung bewältigen will, muss und prinzipiell auch kann, sondern dass zugleich der Abschied vom Verbrennungsmotor bevorsteht. Die ganze Autoindustrie arbeitet an alternativen Antrieben, seit Bekanntwerden der Dieselmanipulationen intensiver als je zuvor. Ob Bosch es schafft, sich in der neuen Autowelt wieder so eine dominante Position zu erarbeiten wie im Diesel-Sektor, ist keineswegs sicher. Selbst wenn das gelänge, bliebe noch die Zeit dazwischen zu managen. Allein im Dieselbereich hat Bosch 50000 Beschäftigte, die nicht von heute auf morgen etwas anderes, vergleichbar Ertragreiches leisten können.

          Stand heute kann Bosch für den Umbau des Konzerns problemlos Milliarden ausgeben, hohe Investitionen in die Entwicklung stemme, den einen oder anderen Zukauf tätigen, neue Produktionsstrukturen aufbauen und dort großzügige Sozialprogramme auflegen, wo es nicht mehr anders geht, weil manche Arbeit schlicht überflüssig wird. Doch der Spielraum wird kleiner, denn der Dieselskandal wird Milliarden verschlingen, ganz unabhängig von erwiesener Schuld oder Unschuld. Selbst ein Vergleich geht ins Geld, wie man am Beispiel Volkswagen sieht. Deshalb ist „Dieselgate“ zum Bremsklotz für einen Konzern geworden, der große Pläne hat. Vielleicht noch schädlicher als das sind die Unsicherheit und Unruhe, die sich im Unternehmen breit machen. Auf solchem Boden gedeihen die Kreativität und der Pioniergeist schlecht, die Bosch für einen Aufbruch ins nächste Industriezeitalter dringend braucht.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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