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Führungskräfte : Politiker in der Wirtschaft - ein Ausflug in unbekanntes Gebiet

  • -Aktualisiert am

Mosdorf und Müller - aus der Wirtschaft, in die Wirtschaft Bild: dpa

Mit Siegmar Mosdorf wechselt ein SPD-Spitzenpolitiker in die Wirtschaft. In Deutschland ein ungewöhnlicher Schritt, der selten erfolgreich verläuft.

          Gunda Röstel hat es getan, Volker Hauff ebenso, Martin Bangemann verursachte einen Skandal, bei Preussag-Chef Michael Frenzel liegt es schon Jahrzehnte zurück und Siegmar Mosdorf steht nun kurz davor. Was all diese Menschen eint? Sie haben ihre Jobs als Politiker gegen eine Managementkarriere getauscht.

          Für viele heißt das in erster Linie raus aus dem Rampenlicht. Um die ehemalige Grünen-Spitze Röstel wurde es seit ihrem Wechsel zu Gelsenwasser spürbar ruhig, FDP-Politiker Bangemann ist in der spanischen Telefónica-Zentrale verschollen und wer kennt schon noch den ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsminister Dieter Spöri?

          "Lebensbiographische Entscheidung"

          Auch Mosdorf erwartet ein ähnliches Schicksal. Er steigt als Vorstand bei der neu gegründeten Unernehmensberatung The Communications & Network Consulting (CNC) ein. Dabei galt der parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium lange als einer der Hoffnungsträger der SPD, jemand der der Partei einen moderneren wirtschaftspolitischen Anstrich verpassen könnte. Ist es ein Zeichen der Resignation, dass Mosdorf nun in die Wirtschaft wechselt? Eine Vorahnung der drohenden Niederlage seiner Partei im Herbst? Er selber nennt es eine „lebensbiographische Entscheidung“ und bleibt damit ähnlich vage wie die meisten anderen Politiker, die die Fronten wechseln.

          Geld, Ärger oder Frust

          Dass häufig die Verdienstmöglichkeiten eine Rolle spielen, dürfte unbestritten sein. Nur wenige werden über den möglichen Gehaltssprung so staunen wie Röstel, die erst im Zuge ihrer Einstellungsgespräche herausgefunden haben will, wie viel mehr sich in der Wirtschaft verdienen lässt. Doch wenn sich ein vollblutiges „political animal“ von der politischen Bühne verabschiedet, dann spielt meist auch die Unzufriedenheit mit der eigenen Lage eine Rolle. Mal bremst die eigene Partei, mal hatten andere mehr Ellbogen.

          Hamburgs Ex-Umweltsenator Fritz Vahrenholt schmiss aus Verärgerung darüber, dass die Genossen ihn nicht zum Nachfolger des zurückgetretenen SPD-Vorsitzenden Henning Voscherau wählten, die Brocken hin. Vahrenholt wechselte zur Deutschen Shell, wo er für Öffentlichkeitsarbeit und Umweltschutz verantwortlich wurde. Die ehemalige rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini galt schon vor ihrem Wechsel zu Opel im vergangenen Sommer als stark wechselwillig. Zehn Jahre dröge Landespolitik waren dann doch genug für die ambitionierte Juristin, da schien der Job als Vorstand für Unternehmenskommunikation beim kriselnden Autokonzern nicht nur lukrativer, sondern auch herausfordernder.

          Gefragte Netzwerke

          Unternehmenskommunikation, Medienbetreuung und politischer Lobbyismus sind dann auch die häufigsten Jobs ausgemusterter Politiker. „Leute mit betriebswirtschaftlichem Sachverstand gibt es außerhalb der Politik zur Genüge“, sagt Tiemo Kracht von der Personalberatung Ray & Berndtson. Interessant für die Unternehmen seien die Netzwerke der Politiker. Auch Mosdorf soll für CNC die Verbindungen zur Politik pflegen und seine speziellen Kontakte in den EU-Beitrittsländern einbringen.

          Vor allem die Beziehungen und das Insider-Wissen der ehemaligen Politiker sind gefragt. Selten war das so offenkundig wie im Fall Bangemann. Als Brüsseler Kommissar war der FDP-Politiker viereinhalb Jahre lang für die EU-Telekommunikationspolitik zuständig - und wechselte ausgerechnet zur spanischen Telefonica. Ein Gehalt von gerüchteweise zwei Millionen Mark versüßten die harsche Kritik, die auch von Parteifreunden kam. Ein ähnliches Legitimationsproblem hatte übrigens der frühere Frankfurter SPD-Oberbürgermeister Volker Hauff, dessen Seitenwechsel zum Axel-Springer-Verlag von vielen Genossen mit einem Naserümpfen quittiert wurde. Immerhin ein Arbeitsloser weniger, kommentierte lakonisch ein CDU-Stadtverordneter.

          Selten erfolgreich

          Richtig reüssieren in ihrem neuen Job können allerdings die Wenigsten, meist verschwinden sie doch in der Vergessenheit. Der Takt der Wirtschaft sei viel höher, erklärt Kracht: „Es gibt einen ganz anderen Erfolgsdruck, eine fast tägliche Messbarkeit der Handlungen.“ Damit komme nicht jeder zurecht, der an die schwerfälligeren Entscheidungsprozesse der Politik gewohnt sei. Hinzu kommt die spezifisch deutsche Elitenrekrutierung. Während in Amerika Quereinsteiger in der Politik nicht ungewöhnlich sind, macht der Personalberater hierzulande eine ausgeprägte „Kultur der Berufspolitiker“ aus: „Hier finden Sie viele Leute, die vom Hörsaal direkt in den Landtag und weiter in den Bundestag wechseln." Ein Leben lang Politiker, das qualifiziert nicht unbedingt für den Chefsessel.

          Eine Ausnahme soll hier doch genannt sein. Lothar Späths Karriere erhielt einen empfindlichen Rückschlag, als er über eine Dienstreisenaffäre stolperte und als baden-württembergischer Ministerpräsident zurücktrat. Doch das „Kleverle“ rappelte sich schnell wieder auf und übernahm die Sanierung der konkursreifen Jenoptik. Was ihm eindrucksvoll gelang. Späth verließ die öffentliche Bühne jedoch nie vollends. Auch heute noch gehört der umtriebige Manager und mehrfache Buchautor zu den gefragteren Talk-Show-Gästen.

          Wer weiß, vielleicht macht Siegmar Mosdorf auch außerhalb der Politik von sich reden. Immerhin gibt es eine auffällige Parallele zwischen den beiden: auch Mosdorf ist Schwabe.

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