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Neuer Vorstand : Führungschaos in der Bahn

Bei der Deutschen Bahn ist derzeit einiges aus dem Lot. Bild: dpa

Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bahn scheitert abermals mit der Besetzung des Vorstands. Die für Donnerstag anberaumte Aufsichtsratssitzung ist abgesagt, Cargo-Chef Jürgen Wilder gibt auf.

          Bahnchef Richard Lutz muss bei der Führung des Bahnkonzerns bis auf weiteres mit einem Rumpf-Vorstand auskommen. Die Neubesetzung der drei vakanten Vorstandsressorts der Deutschen Bahn für Güterverkehr, für Technik/Digitalisierung sowie für Personal ist abermals gescheitert. Die für Donnerstag anberaumte Aufsichtsratssitzung ist abgesagt. „Der Aufsichtsrat wird diese Woche nicht zusammenkommen“, hieß es in Aufsichtsratskreisen am Dienstag in Berlin. „Eine neue Sondersitzung wird voraussichtlich frühestens Mitte November stattfinden.“ Wichtige Zukunftsfelder liegen damit weiter brach. Zur operativen Führung gehören neben Lutz zurzeit Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla, Personenverkehrsvorstand Berthold Huber sowie der scheidende Personalvorstand Ulrich Weber.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der Aufschub der Entscheidung wirft ein Licht auf die schwierige Besetzung der Vorstandssparte Güterverkehr, die seit Monaten kommissarisch von Huber geleitet wird. Schon vor Monaten hatten der Bahn-Aufsichtsratsvorsitzende Utz-Hellmuth Felcht und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) Unterstützung für die Absicht von Bahnchef Lutz signalisiert, den Chef der Güterbahn DB Cargo, Jürgen Wilder, auf den Vorstandsposten zu befördern. Dobrindts Anregung gemäß sollen darin künftig die schwächelnde Güterbahn und das Logistikgeschäft der Tochtergesellschaft DB Schenker wieder aus einer Hand geführt werden. Gegen den ehemaligen Siemens-Manager Wilder regte sich indes früh starker Widerstand aus dem Arbeitnehmerlager. Die Betriebsräte von DB Cargo machten unverhohlen Front gegen Wilder und seinen harten Kurs, der die Güterbahn wieder profitabel machen soll. Trotz einer formalen Einigung zwischen Management und Belegschaft warf der Gesamtbetriebsrat der DB Cargo dem Vorstand im Sommer vor, die Umstrukturierung sei eine „absolute Bankrotterklärung“.

          Um den Streit zu befrieden, befasste sich auf Wunsch der Arbeitnehmer und der SPD-Vertreter im Aufsichtsrat eine Findungskommission mit den Vorstands-Personalia. Ihr gehörten als Arbeitnehmervertreter der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner, seine Stellvertreterin Regina Rusch-Ziemba und der Konzernbetriebsratsvorsitzende Jens Schwarz an, für die Anteilseigner waren Aufsichtsratschef Felcht, Verkehrsstaatssekretär Michael Odenwald und die SPD-Abgeordnete Kirsten Lühmann dabei. Sie einigten sich im Paket auf Wilder sowie die Aachener Maschinenbau-Professorin Sabina Jeschke, die den Vorstandsposten Technik/Digitalisierung besetzen sollte. Kurz vor der Sitzung am 20. Juli wollten sich jedoch Wirtschaftsstaatssekretär Uwe Beckmeyer (auf Druck von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries) und Lühmann (alle SPD) nicht mehr an die Vereinbarung halten. Zypries und Lühmann versuchten, anstelle von Wilder die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, durchzusetzen. Nikutta aber fehlte das Vertrauen des Vorstands. Die Sitzung wurde vertagt.

          Felcht versuchte daraufhin, eine Dreierlösung zu schmieden. Denn derweil hatten die Arbeitnehmervertreter den bisherigen Personalvorstand von Telekom Deutschland, Martin Seiler, zum neuen Bahn-Personalvorstand benannt. Doch Felcht gelang es nicht, das Dreier-Paket im Aufsichtsrat durchzusetzen. Eine Mehrheit für Wilder war wegen der Weigerung der SPD ausgeschlossen, die sich jetzt in der Oppositionsrolle sieht. In logischer Konsequenz wurde die Sitzung am Donnerstag abgesagt. Jeschke und Seiler müssen auf ihre Bestellung weiter warten. Ob die beiden angesichts der Hängepartie weiter an ihren Bewerbungen festhalten, blieb vorerst unbekannt. Die Bahn teilte aber am Dienstag mit, Wilder stehe nicht mehr zur Verfügung und werde die Bahn Ende Oktober verlassen. Lutz muss also in schwieriger Lage nun auch noch einen neuen Chef für die problematische Güterbahn suchen, an der in den vergangenen Jahren viele Manager scheiterten.

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