https://www.faz.net/-gqe-8flz0

Führung und Digitalisierung : Mein Chef, der Roboter

  • Aktualisiert am

Rob Nail, CEO der Singularity University beim Vortrag über seine eigene Abschaffung als Chef. Bild: dpa

Die Singularity University im Silicon Valley ist ein Think Tank, der sich mit den globalen Zukunftsherausforderungen beschäftigt. Derzeit treffen sich dort Manager, und brainstormen über die digitale Arbeitswelt. Zuweilen wird das ziemlich unheimlich.

          2 Min.

          98 Führungskräfte aus 44 Ländern sitzen dicht gedrängt im großen Schulungsraum der kalifornischen Singularity University. Auf den Tischen liegt Lego und anderes Spielzeug. Jeder hat 14.000 Dollar dafür bezahlt, sich sechs Tage lang für die Zukunft vorbereiten zu lassen. Sie hören Pläne von der eigenen Abschaffung.

          „Ich als CEO träume davon, dass eines Tages eine Form von künstlicher Intelligenz den Großteil meines Jobs erledigt“, sagt Rob Nail, Chef der Singularity University. Die Institution hat sich im Jahr 2008 unter anderem mit dem Geld von Google, Autodesk und Genentech auf dem
          NASA-Forschungsgelände gegründet. Eine Art Thinktank, der Herausforderungen der Zukunft im Bereich Energie, Arbeitsmarkt, Bildung, Weltraum und Medizin angehen will. In diesen Tagen treffen sich die Manager hier, um die Digitalisierung und andere künftige Herausforderungen der Arbeitswelt zu diskutieren. „Executive Program“ nennt sich die Veranstaltung.

          „Ich glaube, dass 70 bis 80 Prozent der Entscheidungen, die ich jeden Tag treffe, auch von einem Algorithmus getroffen werden könnten“, sagt Nail. „Wir könnten die Plattform so programmieren, dass sie genauso gut entscheidet wie ich, wenn nicht sogar besser.“ Manchmal vergesse er zum Beispiel, zu Mittag zu essen. Er treffe dann sehr kurzentschlossen und hungrig Entscheidungen. Und besonders nett sei er auch nicht. „Jeder Roboter würde das sehr viel konsistenter machen."

          Immer wieder werden die Teilnehmer des „Executive Programs“ aufgefordert: „Denkt zehnmal größer! Wie sieht Euer Flug zum Mond aus?“ Und bitte keine Angst vor neuer Technik. Ein Ratschlag: „Kaufen Sie sich einen Telepräsenz-Roboter, damit Sie von überall auf der Welt mit ihrem Team kommunizieren können, als wären Sie selbst im Raum.“ Oder: „Hören Sie auf, die Nachrichten zu schauen. Die Welt ist viel besser als uns die Medien weismachen wollen. Wer eine negative Weltsicht hat, investiert nicht in die Zukunft“, sagt Peter Diamandis, Luftfahrtingenieur und Mitbegründer der University.

          „Disruption“ und ein „Erweckungserlebnis“

          Die Manager erfahren, wie sehr jede Industrie im Moment anfällig ist für Disruption, was soviel heißt wie Störung, Unterbrechung und für das Prinzip steht, Märkte anzugreifen und Marktführer zu verdrängen. Die immer wiederkehrende Warnung: „Entweder Ihr disrupted Euch selbst oder Ihr werdet disrupted.“

          Auch ein deutscher Manager nimmt an dieser Brainstorming-Woche im Silicon Valley teil: Martin Hofmann, IT-Chef bei Volkswagen. „Die ganze Autobranche erfährt gerade Disruption, da müssen wir jetzt in den Angriffsmodus gehen, auch wenn viele Angst haben vor Veränderung.“ Hofmann nennt die digitale Einstellung hier vor Ort ein „Erweckungserlebnis“.

          Am 20. und 21. April hält die Singularity University ihren ersten deutschen Gipfel ab. Blumig wird ein „Happening mit hoher Lernkurve“ versprochen, die meisten der 500 Tickets á 1999 Euro sind schon verkauft. Viele wollen Silicon Valley-Luft schnuppern, ohne dafür die Reise an die amerikanische Westküste machen zu müssen. Die Singularity-Vordenker fliegen ein, um die Deutschen auf den letzten Stand zu bringen: Mobilität, Robotik, 3D-Druck, maschinelles Lernen und Design Thinking.

          Google im Kopf

          Neil Jacobstein, Guru für Künstliche Intelligenz an der Singularity University, rechnet etwa für das Jahr 2030 mit dem Erreichen der Superintelligenz. Das wird eine ganz neue Arbeitswelt, verspricht er den Managern: „Künstliche Intelligenz ist rund um die Uhr verfügbar, wird nie krank, braucht keinen Urlaub und jammert nicht.“

          Nachteile wie den Wegfall mancher Jobs würden rasch ausgeglichen. „Der Mensch ist anpassungsfähig“, sagt Jacobstein. „Wir werden neue Jobs erfinden.“ Die Menschheit auf diese Umbrüche vorzubereiten, darin sehen die Experten um Jacobstein ihre Mission.

          Zum Schluss geht während des Workshops doch noch ein Schaudern durch den Raum. Irgendwann könnte der Mensch das gesamte Google-Wissen im Kopf haben: Die Rede ist davon, dass das menschliche Gehirn sich in absehbarer Zeit mit der Cloud verbinden lassen wird. In etwa 15 Jahren soll es angeblich so weit sein.

          Weitere Themen

          Die wild Entschlossenen in der EU

          FAZ Plus Artikel: Standpunkt : Die wild Entschlossenen in der EU

          Alle bisherigen Krisen in der EU verliefen in ähnlichen Kurven: Krise, Problemdruck, Lernprozess, Lösung. Warum gelingt es nicht, diese Routine ein weiteres Mal umzusetzen? Unser Autor gibt Antworten.

          Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika

          Der Autobauer Daimler will in den Vereinigten Staaten mit mehr als zwei Milliarden Dollar Streitigkeiten im Dieselskandal beilegen. Für Vergleiche mit mehreren amerikanischen Behörden werden nach Konzernangaben rund 1,5 Milliarden Dollar fällig, für die Beilegung einer Sammelklage von Verbrauchern etwa 700 Millionen Dollar.

          Topmeldungen

          Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

          Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

          Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
          Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

          Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

          In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.