https://www.faz.net/-gqe-97x8n

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, gemalt ungefähr 1870. Bild: Archiv

Friedrich Wilhelm Raiffeisen : „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“

Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat das Genossenschaftswesen mit gegründet. Heute wäre er 200 Jahre alt geworden. Doch er hat Deutschland heute noch einiges zu sagen.

          Nur vier Prozent der Deutschen verknüpfen „Raiffeisen“ mit einer Person. Immerhin 14 Prozent verbinden den Begriff „Raiffeisen“ spontan mit „Genossenschaften“. Fragt man genauer nach, wie es das Meinungsforschungsunternehmen Forsa unter 1010 Bundesbürgern getan hat, bringen 16 Prozent den Begriff „Raiffeisen“ mit den genossenschaftlich organisierten Volks- und Raiffeisenbanken in Zusammenhang. Und für 23 Prozent der Befragten hat „Raiffeisen“ etwas mit der Landwirtschaft, mit Agrargenossenschaften zu tun. Das alles ist nicht falsch, doch zuallererst steht der Name Raiffeisen für einen Sozialreformer, dessen Geburtstag sich am 30. März zum 200. Mal jährt.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Land Rheinland-Pfalz ehrte Friedrich Wilhelm Raiffeisen in einem Festakt am 11. März in Mainz. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft für die von der Deutschen Raiffeisen-Gesellschaft ausgerufene Kampagne zum „Raiffeisenjahr 2018“ übernommen. Wer war dieser Mann? Und wie aktuell sind Friedrich Wilhelm Raiffeisens Ideen heute noch?

          Eine Einkaufsgenossenschaft für Schüler

          Für Werner Böhnke, den Vorsitzenden der Raiffeisengesellschaft, sollten die genossenschaftlichen Ideen für unsere heutige Gesellschaft vorbildlich sein. Gerade Schülern sucht Böhnke im Sinne Raiffeisens zu vermitteln, dass sich Anstrengung lohnt. Begeistert erzählt Böhnke etwa vom privaten Gymnasium namens Raiffeisen-Campus in Dernbach (Westerwald), wo Schüler in einer Einkaufsgenossenschaft lernen, wie man vernünftige, gesunde Lebensmittel erwirbt und vor allem auch, wie man die Einkäufe bucht und einen Jahresabschluss für das Unternehmen erstellt. „Das ist keine Spielerei, sondern eine wichtige Vorbereitung fürs Wirtschaftsleben“, ist der in diesem Jahr 67 Jahre alt werdende Böhnke am Ende seines Berufslebens überzeugt. Er hat 13 Jahre die WGZ-Bank geleitet und ist derzeit stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der DZ Bank.

          Im Gespräch mit der F.A.Z. zeigt sich Böhnke unzufrieden darüber, dass „die Umverteiler in unserer Gesellschaft dominieren“. Um überhaupt „Wohltaten“verteilen zu können, müsse erst einmal etwas erwirtschaftet werden. Dieser Grundsatz werde zu oft missachtet. Und nicht immer zeigten Wohltaten ohne Gegenleistung eine gute Wirkung, denn die Menschen verlernten, sich anzustrengen. Dabei sei es eine wertvolle Erfahrung, sich etwas zu trauen und dann etwas zu schaffen, was andere einem nicht zugetraut haben. Daraus lasse sich Selbstachtung und Selbstvertrauen ziehen.

          Tief berührt haben Böhnke auch Gespräche mit der Schwester von Barack Obama. Die gebürtige Kenianerin Auma Obama sei eine starke Gegnerin der in Deutschland und Amerika oft in Kirchengemeinden angebotenen Tafeln für Bedürftige. Auma Obama empfinde die Tafeln als entwürdigend und erniedrigend, weil man dort Produkte erhalte, ohne dass eine Gegenleistung verlangt werde. Auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen habe Almosen sehr kritisch gesehen, schlägt Böhnke den Bogen zu einem der beiden Gründerväter der Genossenschaften. Böhnke bringt es so auf den Punkt: „Raiffeisen verteilte kein Brot, sondern er baute ein Bankhaus.“

          Zunächst war Raiffeisen Bürgermeister

          Tatsächlich forcierte Raiffeisen von 1848 an zunächst als Bürgermeister von Flammersfeld und dann von Heddesdorf (heute ein Stadtteil von Neuwied im Westerwald) die Gründung von „Hülfsvereinen“ und „Wohltätigkeitsvereinen“. Die Vereine bieten der weithin armen Bevölkerung Hilfe zur Selbsthilfe: Sie vergeben Darlehen an Landwirte, kümmern sich um Kindererziehung und vermitteln Arbeitsstellen. 1864 wird der Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein in einen Darlehensverein umgewandt, der als Urtyp der modernen Genossenschaftsbank (Volks- und Raiffeisenbank) gilt. 1866 dann veröffentlicht Raiffeisen sein Buch „Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“. Damit bekam die ursprünglich wohl aus England stammende genossenschaftliche Idee Kraft und verbreitete sich. Denn die Prinzipien überzeugen: Menschen treten in ein genossenschaftlich organisiertes Unternehmen als Mitglied ein, um gleichzeitig als Kunde sich und andere mit einem dringenden Bedarf lokal selbst zu versorgen. So werden Raiffeisens Worte zum Antrieb: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“

          Nach der aktuellen Forsa-Umfrage finden immerhin 66 Prozent der Deutschen Genossenschaften persönlich ansprechend und trauen ihnen heute noch zu, für mehr Gerechtigkeit sorgen zu können (64 Prozent). Schließlich bestimmen in einer Genossenschaft alle demokratisch darüber, wie der „Gewinn“ auf die Mitglieder verteilt oder investiert wird. Geschäftszweck ist die Förderung der Mitglieder, nicht die Maximierung des Gewinns. Es geht also, anders als in Aktiengesellschaften, nicht nur um möglichst hohe Dividenden für Aktionäre, sondern um einen breiteren Nutzen, den Genossenschaften für ihre Mitglieder als Eigentümer und Kunden schaffen.

          Allerdings lässt sich aus der Forsa-Umfrage auch schließen, dass dieser Mitgliedernutzen nicht immer eingelöst wird. Das fängt schon damit an, dass immerhin 27 Prozent der Deutschen meinen, dass Genossenschaften heute nur wenigen Leuten zugutekommen, weil es schwer sei, als Mitglied aufgenommen zu werden. Anscheinend gibt es auch unterschiedliche Erfahrungen zwischen West- und Ostdeutschen: Im Westen sind die bekanntesten Genossenschaften die Volks- und Raiffeisenbanken (80 Prozent haben von ihnen schon gehört oder gelesen), im Osten sind es die Wohnungsgenossenschaften (87 Prozent).

          Raiffeisen ist von vielen vereinnahmt worden

          Tatsächlich ist es nicht so einfach, Mitgliedsanteile einer VR-Bank zu erhalten. Denn nicht alle Banken brauchen zusätzliches Eigenkapital. Es macht die Bank zwar stabiler, aber der Vorstand muss darauf eine oft relativ hohe Dividende zahlen. Deshalb ist der Erwerb von Anteilen in der Satzung der Bankgenossenschaft meist beschränkt. Und auch die derzeit boomenden Energiegenossenschaften prüfen oft lange, wen sie aufnehmen. „Wir sind nicht an Dividendenjägern interessiert, sondern an Eigentümern, die mit uns gemeinschaftliches Geschäft machen“, erklärt Böhnke, der selbst 16 Jahre Vorstand einer Volksbank war. Als Vorsitzender der Raiffeisen-Gesellschaft gibt Böhnke aber auch zu: „Wir müssen die Vorteile der Mitgliedschaft in einer Genossenschaft noch erlebbarer machen.“ Dies sei etwa in Zeiten knappen Wohnraums gut in Wohngenossenschaften möglich, die oft günstiger seien als auf dem freien Markt. Denn die Mieter seien dort eben gleichzeitig auch die Eigentümer, ein Interessenkonflikt damit gelöst.

          Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist schon von vielen in Beschlag genommen worden. Die Nationalsozialisten behaupteten, er habe gegen die Juden gekämpft, als er den Bauern zur Selbstversorgung Kredite an die Hand gab. Tatsächlich habe Raiffeisen gegen den Wucher gekämpft, aber er sei kein Antisemit gewesen, betont Böhnke. Auch wer den Blick 50 Jahre zurückwirft, findet Bemerkenswertes. Damals feierte sich die sozialistische DDR als den wahren Vollstrecker der genossenschaftlichen Idee („Kooperative“). Die DDR verbreitete, Raiffeisen stamme aus einer verarmten Bauernfamilie, sei ein „bedeutender Humanist“ gewesen und habe unbewusst dem Marxismus-Leninismus angehangen. Richtig ist, dass auch Raiffeisens Vater schon Bürgermeister war, seine Mutter aus der angesehensten Familie des Dorfes stammte und er – anstatt eines Studiums, das er sich nicht leisten konnte – viel Bildung von einem evangelischen Pfarrer erhielt. Professor Michael Kopsidis (Universität Halle-Wittenberg) vermutet deshalb, dass Raiffeisen schon früh und damit prägend erfahren hat, welche Bedeutung lokale Eliten haben können.

          Allerdings steht Raiffeisen selbst in diesem Jahr im Schatten eines anderen Ökonomen und rheinland-pfälzischen Landsmannes, dessen Geburtstag sich 2018 ebenfalls zum 200. Mal jährt: Karl Marx. Das Verhältnis von Raiffeisen zu Marx bringt Böhnke so auf den Punkt: „Raiffeisen schrieb nicht das Kapital, er nahm es in die Pflicht.“ Raiffeisen war eben kein Theoretiker wie Marx, sondern ein Macher, der die Eigenverantwortung gerade der armen ländlichen Bevölkerung förderte: Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele. Manchmal zumindest: Immerhin 22 Millionen Deutsche sind Mitglied einer Genossenschaft. Zum Vergleich: Nicht einmal 5 Millionen sind Aktionäre.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Amerikas Botschafter Richard Grenell kritisiert eine neue EU-Verordnung zu Medizinprodukten.

          F.A.Z. exklusiv : Richard Grenell kritisiert neue EU-Verordnung

          Die EU sorgt mit neuen Verordnungen für Medizinprodukte für neuen bürokratischen Aufwand. Der amerikanische Botschafter Grenell meint: „Viele werden sich für die Patienten nicht positiv auswirken.“ Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.