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Friedrich Wilhelm Raiffeisen : „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“

Nach der aktuellen Forsa-Umfrage finden immerhin 66 Prozent der Deutschen Genossenschaften persönlich ansprechend und trauen ihnen heute noch zu, für mehr Gerechtigkeit sorgen zu können (64 Prozent). Schließlich bestimmen in einer Genossenschaft alle demokratisch darüber, wie der „Gewinn“ auf die Mitglieder verteilt oder investiert wird. Geschäftszweck ist die Förderung der Mitglieder, nicht die Maximierung des Gewinns. Es geht also, anders als in Aktiengesellschaften, nicht nur um möglichst hohe Dividenden für Aktionäre, sondern um einen breiteren Nutzen, den Genossenschaften für ihre Mitglieder als Eigentümer und Kunden schaffen.

Allerdings lässt sich aus der Forsa-Umfrage auch schließen, dass dieser Mitgliedernutzen nicht immer eingelöst wird. Das fängt schon damit an, dass immerhin 27 Prozent der Deutschen meinen, dass Genossenschaften heute nur wenigen Leuten zugutekommen, weil es schwer sei, als Mitglied aufgenommen zu werden. Anscheinend gibt es auch unterschiedliche Erfahrungen zwischen West- und Ostdeutschen: Im Westen sind die bekanntesten Genossenschaften die Volks- und Raiffeisenbanken (80 Prozent haben von ihnen schon gehört oder gelesen), im Osten sind es die Wohnungsgenossenschaften (87 Prozent).

Raiffeisen ist von vielen vereinnahmt worden

Tatsächlich ist es nicht so einfach, Mitgliedsanteile einer VR-Bank zu erhalten. Denn nicht alle Banken brauchen zusätzliches Eigenkapital. Es macht die Bank zwar stabiler, aber der Vorstand muss darauf eine oft relativ hohe Dividende zahlen. Deshalb ist der Erwerb von Anteilen in der Satzung der Bankgenossenschaft meist beschränkt. Und auch die derzeit boomenden Energiegenossenschaften prüfen oft lange, wen sie aufnehmen. „Wir sind nicht an Dividendenjägern interessiert, sondern an Eigentümern, die mit uns gemeinschaftliches Geschäft machen“, erklärt Böhnke, der selbst 16 Jahre Vorstand einer Volksbank war. Als Vorsitzender der Raiffeisen-Gesellschaft gibt Böhnke aber auch zu: „Wir müssen die Vorteile der Mitgliedschaft in einer Genossenschaft noch erlebbarer machen.“ Dies sei etwa in Zeiten knappen Wohnraums gut in Wohngenossenschaften möglich, die oft günstiger seien als auf dem freien Markt. Denn die Mieter seien dort eben gleichzeitig auch die Eigentümer, ein Interessenkonflikt damit gelöst.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist schon von vielen in Beschlag genommen worden. Die Nationalsozialisten behaupteten, er habe gegen die Juden gekämpft, als er den Bauern zur Selbstversorgung Kredite an die Hand gab. Tatsächlich habe Raiffeisen gegen den Wucher gekämpft, aber er sei kein Antisemit gewesen, betont Böhnke. Auch wer den Blick 50 Jahre zurückwirft, findet Bemerkenswertes. Damals feierte sich die sozialistische DDR als den wahren Vollstrecker der genossenschaftlichen Idee („Kooperative“). Die DDR verbreitete, Raiffeisen stamme aus einer verarmten Bauernfamilie, sei ein „bedeutender Humanist“ gewesen und habe unbewusst dem Marxismus-Leninismus angehangen. Richtig ist, dass auch Raiffeisens Vater schon Bürgermeister war, seine Mutter aus der angesehensten Familie des Dorfes stammte und er – anstatt eines Studiums, das er sich nicht leisten konnte – viel Bildung von einem evangelischen Pfarrer erhielt. Professor Michael Kopsidis (Universität Halle-Wittenberg) vermutet deshalb, dass Raiffeisen schon früh und damit prägend erfahren hat, welche Bedeutung lokale Eliten haben können.

Allerdings steht Raiffeisen selbst in diesem Jahr im Schatten eines anderen Ökonomen und rheinland-pfälzischen Landsmannes, dessen Geburtstag sich 2018 ebenfalls zum 200. Mal jährt: Karl Marx. Das Verhältnis von Raiffeisen zu Marx bringt Böhnke so auf den Punkt: „Raiffeisen schrieb nicht das Kapital, er nahm es in die Pflicht.“ Raiffeisen war eben kein Theoretiker wie Marx, sondern ein Macher, der die Eigenverantwortung gerade der armen ländlichen Bevölkerung förderte: Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele. Manchmal zumindest: Immerhin 22 Millionen Deutsche sind Mitglied einer Genossenschaft. Zum Vergleich: Nicht einmal 5 Millionen sind Aktionäre.

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