https://www.faz.net/-gqe-9vrtm

Friedensnobelpreisträger Yunus : „Wir müssen Opfer bringen, um uns zu retten“

Muhammad Yunus auf der Tech-Konferenz DLD in München. Bild: dpa

Die Welt steuert auf eine Klimakatastrophe zu, sagt Muhammad Yunus im Interview mit der F.A.Z. – und fordert Verzicht und klare Regeln für die Künstliche Intelligenz.

          5 Min.

          Herr Yunus, für Ihr Konzept der Mikrofinanzierung haben Sie im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis erhalten. Wo steht die Welt in der Armutsbekämpfung heute?

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der Reichtum der Welt konzentriert sich auf immer weniger Menschen. Und dieser Reichtum wächst sehr schnell, zum Beispiel aufgrund neuer Technologien. Die Konsequenz wird sein: Menschen werden auf die Straße gehen und sich gegen jedes Gesetz, gegen jede Regierung wenden. Sie werden wütend sein und dabei ihre Wut gar nicht genau beschreiben können. Die Gesellschaft wird auseinander fallen.

          In den vergangenen Jahrzehnten wurden Zig Millionen Menschen rund um den Globus aus der Armut befreit.

          Ja, das stimmt – und zwar in gewaltigem Ausmaß. Die Menschen steigen schneller aus der Armut auf, als jemals zuvor. Aber während die Armen einen Zentimeter aufrücken, schreiten die Reichen Kilometer weit voran. Der Abstand wird immer größer. Wir beobachten doch schon massive Fluchtbewegungen. Das wird zunehmen. Und die wohlhabenden Nationen werden versuchen, sich zu schützen. Sie werden Mauern bauen, wie es der amerikanische Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko vorhat, oder sich von anderen Ländern isolieren, wie sich am Beispiel des Brexits zeigt.  

          Was schlagen Sie vor, den Reichen noch mehr Geld wegnehmen?

          Nein und übrigens sind das auch keine blutsaugenden Kapitalisten oder schlechten Menschen. Wir alle kennen viele von ihnen aus dem öffentlichen Leben und es sind phantastische Persönlichkeiten darunter, die man gar nicht hassen kann. Das System hat sie reich gemacht. Die Reichen stärker zu besteuern, würde bedeuten, jemand anderen darum zu bitten, das System zu ändern. Das müssen die Menschen selbst tun.

          Sie schlagen ein neues Wirtschaftssystem vor, würden Sie es demokratischen Sozialismus oder sozialen Kapitalismus nennen?

          Das können Sie sich selbst aussuchen. Alles, was ich sage, ist, dass unser jetziges Wirtschaftssystem falsch konzipiert ist. Ich sage nicht, dass es abgeschafft werden muss, sondern erweitert.

          Um was?

          Um Optionen für die Menschen. Der Kapitalismus rühmt sich dafür, den Menschen Auswahlmöglichkeiten gegeben zu haben. Aber wenn es um die Karriere geht, gibt es keine Wahl. Das System hat den Menschen beigebracht, sich in der Schule anzustrengen, Bewerbungen zu schreiben, einen guten Job zu finden, ein gutes Gehalt zu verdienen – als ob der Job über ihr Schicksal entscheiden würde. Ich finde, der Mensch ist nicht dazu geboren, für jemand anderen zu arbeiten. Das nimmt ihm Kreativität und Freiheit.

          Sondern?

          Der Mensch wird als Unternehmer geboren. Man sollte ihm die Wahl lassen: Willst du Unternehmer sein oder für ein Unternehmen arbeiten. Es sollte auch eine echte Option sein, ein „social business“ zu gründen. Beides – mehr Unternehmer generell und mehr „social business“ – würde den Wohlstand gleichmäßig auf die Weltbevölkerung verteilen.

          Aber die Menschen können doch schon Unternehmungen mit einem sozialen Zweck gründen. Und sie tun das auch.

          Erfolg wird aber immer noch viel zu stark danach gemessen, wie viel Geld man verdient. Ob jemand als erfolgreich gilt, das sollte jedoch vielmehr davon abhängen, was er oder sie zur Gesellschaft beiträgt. Und ob dieser Beitrag das Leben anderer Menschen berührt.

          Ihr Beitrag zur Gesellschaft – die Idee der Mikrokredite zur Armutsbekämpfung – ist in den vergangenen Jahren stark in die Kritik geraten, zum Beispiel, weil sie die Darlehensnehmer in eine Schuldenspirale führen können.

          Mikrokredite haben die Welt von Anfang an begeistert, weil sie das Leben von Familien dramatisch zum Besseren verändern können. Aber es gibt auch Menschen, die darin eine Gelegenheit sehen, Profit zu machen. Wir haben Mikrokredite erfunden, um Finanzhaie zu bekämpfen. Sie sollten ein Nullsummengeschäft für den Darlehensgeber sein, ein soziales Unterfangen. Aber die ganze Idee wurde ad absurdum geführt.

          Auch die Wirtschaftsnobelpreisträger des vergangenen Jahres, Michael Kremer, Abhijit Banerjee und Esther Duflo, halten die Wirkung von Mikrokrediten für überbewertet.

          Die Preisträger haben nicht zwischen den verschiedenen Ausprägungen von Mikrofinanzierung unterschieden – zwischen aufrichtigen Kreditgebern und all jenen Fällen, in denen das System missbraucht wird.

          Seit einer Weile interessieren Sie sich nicht mehr nur für die Armutsbekämpfung, sondern setzen sich auch für den Kampf gegen den Klimawandel ein. 

          Weitere Themen

          „Es gibt keinen globalen Konsumenten“

          Procter & Gamble : „Es gibt keinen globalen Konsumenten“

          Alex Keith ist die Vorsitzende von Procter & Gamble Beauty. Im Gespräch spricht Sie über Konkurrenten Coty, die zukünftige Strategie – und warum Sie nicht unbedingt mit Influencerin Kylie Jenner zusammenarbeiten würde.

          Topmeldungen

          F.A.Z. Exklusiv : Hanauer Attentäter suchte Hilfe bei Detektei

          Der Attentäter von Hanau hat sich im Oktober 2019 mit einem Detektiv getroffen. Er bat ihn um Hilfe, weil er sich von einem Geheimdienst beschattet sah. Die Aussagen, die Tobias R. damals machte, stützen das Bild eines geisteskranken Täters.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.