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Frauenquote : Der Club

  • -Aktualisiert am

In deutschen Unternehmen haben Männer lange die Karriereregeln bestimmt. Nun neue Sitten einzuführen, ist für Frauen nicht leicht.

          3 Min.

          Insbesondere in Führungspositionen solle ein höherer Frauenanteil erreicht werden, heißt es in der „Vereinbarung zur Förderung der Chancengleichheit“. Die Unterzeichner sind Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt - und Gerhard Schröder. Denn das sechsseitige Papier stammt aus dem Jahr 2001. Damals war Schröder Bundeskanzler, und das Familienministerium verortete er gönnerhaft unter „Frauen und Gedöns“. Heute würde das kein Regierungschef mehr wagen. Elterngeld, Vätermonate, Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren und Frauenförderprogramme in den Unternehmen: Der Spagat zwischen Arbeit und Familie und die stärkere Beteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt haben einen deutlich höheren Stellenwert bekommen.

          Frauen in Führungspositionen: Frauenministerin Schröder (zweite von rechts) und Arbeitsministerin von der Leyen (dritte von rechts)
          Frauen in Führungspositionen: Frauenministerin Schröder (zweite von rechts) und Arbeitsministerin von der Leyen (dritte von rechts) : Bild: dapd

          Aber: Auch zehn Jahre nach dem ersten Frauen-Schwur der Wirtschaft sind Frauen auf den obersten Führungsetagen noch immer eine seltene Spezies. Deshalb saßen sie diese Woche abermals zusammen, Minister und Personalvorstände. Wieder ist eine freiwillige Selbstverpflichtung dabei herausgekommen, ein neues Versprechen nach dem Motto: Diesmal meinen wir es ernst. Wer skeptisch ist, kann gute Gründe dafür anführen. Zehn Jahre nach der ersten Selbstverpflichtung sind immer noch nur 3,7 Prozent der Dax-Vorstände Frauen, damals waren es 2,5 Prozent. „Unterirdisch“ nennt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen das. Und sie hat Recht.

          Denn es ist keine Werbung für den Standort, wenn Frauen es auch im 21. Jahrhundert nur selten nach ganz oben schaffen. Das ist kein ermutigendes Signal an talentierte Frauen im In- und Ausland. Genau diese Frauen aber brauchen die Firmen - nicht nur wegen des Fachkräftemangels, sondern auch, weil gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Die meisten Betriebe haben das begriffen. Warum hat sich trotzdem so wenig getan? Frauen haben heute die besseren Schulabschlüsse und stellen mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventen. Ihre Ausgangslage ist hervorragend. Irgendetwas also scheint unterwegs schiefzugehen.

          Eine starre Frauenquote ist absurd

          Der erste Karriereknick droht klassischerweise mit der Geburt eines Kindes. Der Königsweg ist daher eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Elterngeld setzt den Anreiz, nach einem Jahr in den Job zurückzukehren, gleichzeitig soll der Krippenausbau diese raschere Rückkehr ermöglichen. Viele Unternehmen haben eigene Kitas, bieten den Frauen an, auch mal von zu Hause zu arbeiten, und binden sie in der Familienphase in die Weiterbildung ein.

          Wenn sie erklären sollen, warum ihre Vorstände dennoch frauenfreie Zonen sind, dann sagen sie häufig, dass es nicht genügend Frauen mit den richtigen Fachrichtungen gebe. In der Tat: In den technischen Fächern sind Frauen unterrepräsentiert, in Industriekonzernen aber machen Ingenieure Karriere. Deshalb ist eine starre Frauenquote für alle Betriebe, egal aus welcher Branche, absurd. Richtig aber ist es, Mädchen schon früh für technische Berufe zu begeistern.

          Niemand will eine Quotenfrau sein

          Immer mal wieder muss noch ein weiteres Argument als Begründung für den Frauenmangel herhalten. Die Frauen, heißt es dann mit einem entschuldigenden Achselzucken, wollten eben gar nicht dorthin, wo die Luft dünner wird. Sicher gibt es Frauen, die keine Führungsposition anstreben (was übrigens auch auf viele Männer zutrifft). Die Behauptung geht aber trotzdem am Kern des Problems vorbei. Denn viel mehr Frauen lehnen nicht eine Karriere ab, sondern bloß eine Karriere nach den üblichen Spielregeln. Diese Regeln, zu denen Dauerpräsenz, ständige Erreichbarkeit, eine 70-Stunden-Woche und Konferenzen nach 19 Uhr gehören, haben sich in einer jahrzehntelang von Männern dominierten Unternehmenswelt etabliert. Zumindest wenn sie auch noch Familie möchten, wollen Frauen zu diesen Regeln nicht mitspielen. Sie können es auch gar nicht, schon alleine, weil ihnen die Männer fehlen, die ihnen so den Rücken freihalten, wie es ihre Mütter umgekehrt noch getan haben. Die eigentliche Herausforderung für die Frauen ist es deshalb, auf neue Regeln zu pochen und zu beweisen, dass Führung auch anders geht.

          Die Avantgarde der Personalchefs müssen sie davon nicht überzeugen; für sie sind Teilzeitführungsposten und Blackberry freie Wochenenden längst nichts Exotisches mehr. Für viele Unternehmen aber gilt: Wenn Frauen einen anderen Karrierefahrplan durchsetzen wollen, müssen sie erst einmal hineingelassen werden in den Club. Denn es sind die Mitglieder, die die Vereinssatzung festlegen - und bislang waren das eben Herren.

          Die Verbündeten der ehrgeizigen Frauen sind zum einen jene Männer, die selbst nicht mehr alles dem Beruf opfern wollen, die Manager und Vater sein möchten und für die eine gleichberechtigte Partnerschaft eine Selbstverständlichkeit ist. Doch auch öffentlicher Druck im Namen der Chancengerechtigkeit nutzt den Frauen. Niemand will eine Quotenfrau sein, und natürlich sollen Spitzenpositionen an die Besten vergeben werden. Doch schon allein das bloße Vorzeigen des Damoklesschwerts Frauenquote dürfte die Betriebsamkeit in den Chefetagen durchaus gesteigert haben. Die neu zu vergebenen Aufsichtsratsmandate jedenfalls gingen zuletzt schon mal zu 40 Prozent an Frauen.

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