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Frauen in Führungspositionen : Der neidische Blick auf die norwegische Quote

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in Deutschland weiter problematisch, zeigt eine neue Studie. Die Managerinnen vieler Länder blicken daher neidisch nach Norwegen - dort gibt es jetzt eine Frauenquote für die Chefetage.

          Elisabeth Harstad war gerade ein Jahr Trainee bei der norwegischen Risikomanagement-Beratung DNV, als es plötzlich ein Hindernis für sie wurde, dass sie eine Frau ist. „Die Trainees sollten ein Jahr lang ins Ausland gehen, aber das Unternehmen hatte Schwierigkeiten, mich unterzubringen.“ Damals beschäftigte DNV sich vor allem mit der Schiffs- und Ölindustrie. Mit Frauen wusste man nicht viel anzufangen in den Auslandsbüros. „Ich wollte nach London gehen, nach Houston, Singapur. Am Ende habe ich es geschafft, von Oslo aus nach Kopenhagen zu kommen“, erzählt Harstad.

          Das war in den achtziger Jahren. Harstad hat nicht aufgegeben und ist seitdem kontinuierlich aufgestiegen. Heute ist sie Managerin des Unternehmensbereichs DNV Research & Innovation - und seit 2006 zusätzlich noch Aufsichtsrätin des großen norwegischen Chemie- und Düngemittelunternehmens Yara. Bei der Wahl in den Aufsichtsrat dürfte ihr zum ersten Mal in ihrer Karriere zugutegekommen sein, dass sie eine Frau ist. Denn von 2008 an gilt für viele norwegische Unternehmen eine Frauenquote: vierzig Prozent weibliche Mitglieder im Aufsichtsrat sind vorgeschrieben - sonst droht die Zwangsauflösung. Elisabeth Harstad ist Teil eines Experiments, in das sich ein ganzes Land begeben hat. Wenn die Frauen nicht von alleine oben ankommen, wird eben politisch nachgeholfen.

          Gerade eine Frau gibt es in einem Dax-Vorstand

          Im Rest der Welt wartet man lieber ab und hofft, dass die Frauen sich aus eigener Kraft durchsetzen. Das geht nur langsam voran. In den meisten Ländern sind Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten der großen Unternehmen kaum vertreten; die Hälfte der Mitglieder in Führungsgremien stellen sie in keinem Land.

          In deutschen Vorständen sieht es besonders schlecht aus. Gerade eine Frau gibt es in einem Dax-Vorstand: Bettina von Oesterreich, Leiterin der Risikoabteilung bei dem Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate Holding. In den Aufsichtsräten der größten deutschen Unternehmen sieht es mit einem Frauenanteil von 7,2 Prozent auf den ersten Blick besser aus. Doch die meisten dieser Frauen gehören zu den Arbeitnehmervertretern. Die Aktionäre ernennen bis auf wenige Ausnahmen stets Männer.

          „Das Problem ist überall das gleiche“

          In Amerika sind die Frauen schon weiter - ganz ohne Quotenregelung. Dort gibt es nicht nur deutlich mehr Frauen in Führungspositionen (siehe Grafik) als in Deutschland. Sie sind auch häufiger auf der Management-Ebene zu finden. Unter den ersten zehn der hundert mächtigsten Frauen der Welt, die die Zeitschrift „Forbes“ jedes Jahr kürt, gibt es sechs Geschäftsfrauen. Vier davon arbeiten in amerikanischen Unternehmen.

          Trotz dieser Erfolge monieren aber auch die Amerikanerinnen, dass es nicht schnell genug vorangehe mit Frauen in der Geschäftswelt. „Das Problem ist überall das gleiche“, sagt Corinna Kleinert, Forscherin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfoschung. „Frauen sind immer weniger vertreten, je weiter oben in der Hierarchie man schaut. Da kommen wir unglaublich langsam voran.“

          „Männer haben Männernetzwerke, Frauen haben Frauennetzwerke“

          Der Grund dafür ist heute weniger direkte und absichtliche Benachteiligung, wie sie Elisabeth Harstad zu Beginn ihrer Karriere erlebt hat. Vielmehr gibt es viele indirekte Effekte. So wählen Frauen andere Berufe, die oft nicht in Großkonzernen ausgeübt werden und weniger Karrierechancen bieten, sagt Forscherin Kleinert. „Außerdem gibt es wenige Vorbilder für Frauen, die Karriere machen wollen, wenige Frauen, an denen sie sich orientieren können.“ Wichtig seien auch die Netzwerke der vor allem männlichen Führungskräfte, in denen Frauen häufig keine Rolle spielten.

          Die Soziologin Jutta Allmendinger drückt es so aus: „Männer haben Männernetzwerke, Frauen haben Frauennetzwerke. Und da es wenig Frauen in Führungspositionen gibt, sind die Frauennetzwerke kleiner und schlechter.“ Außerdem gebe so manche Führungskraft sich keine Mühe, die guten Frauen, die es gebe, aufzufinden.

          Um das zu lösen, appelliert Allmendinger auch an die Frauen. „Sie sollten mehr Mut zeigen und sich auf anspruchsvolle Positionen, die ausgeschrieben sind, auch bewerben.“ Des Weiteren rät sie dazu, Netzwerke gezielt auf Männer auszuweiten. Corinna Kleinert hofft darauf, dass das Denken der Deutschen sich ändert, wenn der Fachkräftebedarf weiter steigt. „Frauen bieten ein großes ungenutztes Potential, gerade weil viele von ihnen sehr gut ausgebildet sind.“

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