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Französischer Bankenskandal : Jérôme Kerviel auf der Anklagebank

Versierte Anwälte und einen PR-Profi an seiner Seite: Kerviel freilte früh an seinem Image des kleinen Unschuldigen Bild: AP

Die Société Générale hofft auf eine exemplarische Strafe: Gegen ihren einstigen Händler Jérôme Kerviel beginnt heute in Paris der Prozess. Kerviel hat seine Handelslimits überschritten, Absicherungs-Transaktionen erfunden und fast 50 Milliarden Euro ohne Gegengeschäfte aufs Spiel gesetzt.

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          Heute führt er nach eigenen Angaben ein einfaches Leben, verdient bei einer Computerfirma in einem Pariser Vorort 2300 Euro im Monat und fährt nicht einmal in Urlaub. "Mein Leben ist ein Ruinenfeld. Ich kann es nicht wiederaufbauen, bevor der Prozess zu Ende ist", schrieb der Exhändler Jérôme Kerviel in seinen vor wenigen Wochen erschienenen "Memoiren". Am heutigen Dienstag hat das lange Warten ein Ende - für ihn sowie für seinen ehemaligen Arbeitgeber, die Großbank Société Générale, die ebenso ungeduldig dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte abschließen will.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Vor einem Pariser Strafgericht muss sich der heute 33 Jahre alte Kerviel unter der Anklage von Untreue, Dokumentenfälschung sowie der betrügerischen Manipulation von Computersystemen verantworten. Als Höchststrafe drohen ihm fünf Jahre Gefängnis sowie eine Geldstrafe von 375.000 Euro. Kerviel hat über einen Zeitraum von etwa drei Jahren seine Handelslimits überschritten, Absicherungs-Transaktionen erfunden und auf dem Höhepunkt seines Treibens im Januar 2008 fast 50 Milliarden Euro ohne Gegengeschäfte aufs Spiel gesetzt.

          Lange Zeit machte er Gewinn mit seiner höchst unkonventionellen Handelsstrategie, doch 2008 rutschte er tief in die Verlustzone. Ein Anruf bei einem Mitarbeiter der Deutschen Bank am 19. Januar brachte sein Kartenhaus zum Einsturz. Kerviel hatte mit einer gefälschten E-Mail ein Absicherungsgeschäft mit der Deutschen Bank vorgetäuscht, das gar nicht existierte. Nachdem die Société Générale über ein gutes Jahr lang 75 erfolglose, weil oberflächliche Kontrollen durchgeführt hatte, kam sie ihrem Mitarbeiter somit endlich auf die Schliche und machte eine erstaunliche Entdeckung: Der Händler hatte bis zum 18. Januar 2008 fast 100.000 Terminkontrakte auf den Aktienindex Dax gekauft, zudem rund 740.000 Terminkontrakte auf den Eurostoxx und 14.000 Kontrakte auf den FTSE-100. Damit setzte er mehr als das Eigenkapital der Bank aufs Spiel. Der Société-Générale-Chef Daniel Bouton, der später über die Affäre stolpern sollte (Société Générale wechselt Chef ), entschied sofort, dass die Position schnellstmöglich abgebaut werden müsse. Innerhalb von drei Tagen verkaufte die Bank den Großteil der Kontrakte und erlitt dabei einen Verlust von 6,3 Milliarden Euro. Abzüglich der 1,4 Milliarden Euro, die Kerviel 2007 an seinen Risikogeschäften verdient hatte, ergab sich ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro (Serie Finanzskandale: Jérôme Kerviel und die Société Générale).

          Sein Buch scheint eine unaufhaltbare Entwicklung zu unterstellen: „Die Spirale - Erinnerungen eines Händlers”

          Kerviel will von Vorgesetzten ermuntert worden sein

          Die Société Générale hofft nun auf eine "exemplarische Strafe, damit sich solche Machenschaften niemals wiederholen", wie das Unternehmen mitteilt. Kerviel und sein berühmter Anwalt Olivier Metzner setzen dagegen auf Freispruch, weil sie der Bank permanentes Wegschauen und damit implizit eine Mitwisserschaft unterstellen. Kerviel streitet dabei nicht ab, Geschäfte verschleiert und erfunden zu haben, behauptet aber, von seinen Vorgesetzten so lange ermutigt worden zu sein, wie er Gewinne einfuhr. In der Tat mutet es auch heute noch erstaunlich an, dass die Mitarbeiter und Vorgesetzten angesichts der hohen Einsätze nichts gewusst haben wollen. Kerviels unmittelbarer Vorgesetzter räumte ein, vom Handel wenig zu verstehen und allgemein überfordert gewesen zu sein. Die Kontrolleure der Bank stellten den jungen Franzosen immer mal wieder zur Rede, gaben sich aber mit ausweichenden Antworten zufrieden. Die umfangreichen hausinternen Umbauten nach der Entdeckung des Skandals sind nur ein Beweis für die vorherigen Missstände. 100 Millionen Euro hat die Société Générale in die Reformen investiert, schuf eine neue Einheit zur Produktkontrolle mit 600 Mitarbeitern, zentralisierte alle möglichen Kontrolldaten, tauschte Passwörter aus, schrieb Handbücher neu und prüft heute bestimmte Geschäfte wie die Benutzung hauseigener Gegenparteien gründlicher.

          Den Vorwurf von weiten Teilen der Öffentlichkeit, die Großbanken seien nichts anderes als Casinos mit Spielsüchtigen in Nadelstreifen, kann die Société Générale freilich nicht ausräumen. Die Stimmung gegenüber der Finanzbranche könnte in dem Strafverfahren als Plus für Kerviel wirken. Eine Welle der Sympathie schlug dem gutaussehenden Franzosen schon kurz nach seinem Auffliegen entgegen. Im Internet gründete sich ein Fanclub, und es waren T-Shirts mit der Aufschrift "Ich bin die Freundin von Jérôme Kerviel" zu kaufen. Der Franzose griff auch rasch auf versierte Anwälte zurück, ließ sich von einem PR-Profi beraten und feilte an seinem Image des kleinen Unschuldigen. Zudem stand der Welt der Höhepunkt der Finanzkrise noch bevor, als Kerviels Machenschaften bekannt wurden. Die Auswüchse in der Bankenbranche bis hin zum Zusammenbruch von Lehman Brothers haben den Eindruck von grundsätzlichen Fehlentwicklungen verstärkt. Ob sich die Richter davon beeinflussen lassen, wird sich in dem für den 25. Juni erwarteten Urteil zeigen.

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