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Corona und die Folgen : Frankreichs Verbraucher meiden die Frischtheke

Ob in Deutschland oder Frankreich: Die Käsetheke ist aktuell weniger begehrt. Bild: dpa

Die Nahrungsmittelbranche steht unter Spannung. Das Personal bleibt teilweise weg, und die Restaurants fallen als Abnehmer aus.

          2 Min.

          Vor 45 Jahren hat Gérard Canavese den Gemüsehandel mit  seinem Familiennamen in Aubagne bei Marseille gegründet. Über die Jahre lief das Geschäft meistens gut, das Unternehmen wuchs, expandierte in die Gemüseproduktion und kam 2019 auf einen Umsatz von 150 Millionen Euro, den 410 Beschäftigte mit acht Lagerstätten und 120 Lastwagen erwirtschafteten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Doch die Corona-Krise ist eine Herausforderung zu viel: In der vergangenen Woche musste das Unternehmen  Gläubigerschutz beantragen. Dabei befand sich Canavese  gerade auf dem Weg der Besserung. Die Expansion in die Bananenproduktion mit zeitweise 2500 Beschäftigten an der Elfenbeinküste hatte sich wegen der geringen Weltmarktpreise als Sackgasse erwiesen. Daher trennte sich man wieder davon und konzentrierte sich auf die Belieferung von Restaurants und Kantinen – bis es am 17. März zur Ausgangssperre kam. „Bei den geringen Margen in unserer Branche kann schon der kleinste Vorfall schwere Auswirkungen haben“, klagt der Unternehmenschef.  

          20 bis 40 Prozent der Mitarbeiter fehlen

          Die Nahrungsmittelbranche, die einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Frankreichs ist, steckt in der Krise. Wie anderswo essen die Menschen trotz Ausgangssperre weiter, doch die Lieferketten haben sich geändert, Teile des Exports sind blockiert, es fehlen Arbeitskräfte, und die Restaurants fallen als Abnehmer aus.  Nach einer Umfrage des Branchenverbandes Ania müssen die Unternehmen in Frankreich derzeit mit durchschnittlich rund 20 Prozent weniger Mitarbeitern auskommen als üblich. Entweder sind sie krankgeschrieben, sie bleiben wegen fehlender Kinderbetreuung  zuhause, was derzeit erlaubt ist, oder sie machen von ihrem Recht Gebrauch, dem Arbeitsplatz fernzubleiben, wenn der Arbeitgeber nicht für die notwendigen sanitären Vorkehrungen sorgt.

          Im Großraum Paris beläuft sich die Abwesenheitsrate sogar auf 40 Prozent. Ein großer Teil der befragten Unternehmen (40 Prozent) klagt zudem über fehlende Zulieferungen wie Verpackungsmaterial und Rohwaren. 70 Prozent berichten von Kostensteigerungen wegen Schwierigkeiten bei Logistik und Transport. Die Bilanzen der Unternehmen leiden entsprechend: Fast vier Fünftel der befragten Betriebe haben mit Umsatzrückgängen zu kämpfen, ein gutes Viertel rechnet mit Einnahmeverlusten von mehr als 50 Prozent.  

          Supermarkt statt Restaurant

          Regierung und Verbandsfunktionäre betonen indes, dass die  Lebensmittel in keiner Weise knapp werden – eine Feststellung, die sich beim Einkaufen täglich bestätigt. Die Lieferketten hin zu den Supermärkten funktionieren; „In unserer Branche, die zwei Millionen Menschen beschäftigt, sind alle Akteure außerordentlich mobilisiert“, berichtet Ania-Präsidentin Catherine Chapalain. Die üblichen Streitereien zwischen Landwirten und den großen Einzelhandelskonzernen seien zurückgestellt.  

          Kurz vor der Franzosen der Ausgangssperre hatten die Hamsterkäufe deutlich zugenommen, doch inzwischen normalisiert sich die Lage wieder. In den Supermärkten nehmen die Umsätze zu, weil die Leute nicht mehr in den Restaurants essen. Mancher Restaurant-Betreiber setzt jetzt auch auf Lieferung nachhause. Doch die Spannungen sind weiter groß. Manche Kooperative hat die Preise für ihre Getreidelieferungen trotz der gestiegenen Nachfrage aus Solidarität stabil gehalten. Doch das sei nicht überall so: Einige Transportunternehmen versuchen, die Preise zu erhöhen, nicht zuletzt mit der Begründung erhöhter Risiken für die Mitarbeiter.  

          Gemeinsam rufen die Unternehmen daher die Regierung an, für mehr Gesichtsmasken und Schutzbekleidung zu sorgen. Besonders hart getroffen ist die Fischindustrie. An den französischen Küsten fahren jene Boote nicht mehr aus, die Restaurants beliefern. Und in den Supermärkten sind oft die Fischstände verwaist, weil die verunsicherten Konsumenten derzeit Frischprodukte verschmähen. Das gilt auch an der Wurst- und an der Käsetheke. „Man muss frische Lebensmittel essen“, das sei gut für die Gesundheit, appellierte der Landwirtschaftsminister Didier Guillaume an die Franzosen. Der hohe Konsum von allerlei Konserven hat ihm alarmiert. 

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