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Steigende Strompreise : Frankreichs strauchelnde Energieriesen

Das französische Atomkraftwerk Cattennom: Die französische Energiewirtschaft ist weitgehend renditefrei. Bild: dapd

Die günstigen Strompreise könnten für Frankreich nun ein teures Nachspiel haben. Die energiepolitische Unabhängigkeit steht auf dem Spiel – eine Bankrotterklärung.

          3 Min.

          Freunde der Nuklearenergie deuten in der Debatte um die richtigen Energieträger gerne auf Frankreich. Das Nachbarland genießt günstige Strompreise, auch wenn man lange darüber streiten kann, ob den Kunden die wahren Kosten der Kernenergie einschließlich staatlicher Forschung und Entsorgung in Rechnung gestellt werden. Die längst abgeschriebenen 58 Nuklearreaktoren des Landes stellen jedenfalls kostengünstig Elektrizität her. Nach den jüngsten Eurostat-Daten zahlte ein mittelgroßer Haushalt in Frankreich 2014 durchschnittlich 17,5 Cent je Kilowattstunde, während es in Deutschland 29,7 Cent waren.

          Die Zeiten des billigen Stroms gehen jedoch auch in Frankreich zu Ende. Beide Sondermerkmale der französischen Energiepolitik – der besonders hohe Nuklearanteil von 75 Prozent der Stromproduktion sowie ihre Umsetzung durch große Staatsunternehmen – geraten an ihre Finanzierungsgrenzen. Schlimmer noch: Der Kraftwerkskonstrukteur Areva ist mit seinem ganzen Geschäftsmodell gescheitert. Wie kein anderer Konzern auf der Welt hat er die gesamte Bandbreite der Wertschöpfung besetzt: Von der Uranförderung in eigenen Minen und der Anreicherung über den Reaktorbau bis zur Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe in La Hague. Schwere Managementfehler wie der Kauf einer wertlosen Uranmine in Namibia sowie die Selbstüberschätzung beim Bau eines finnischen Kernkraftwerks haben fast zum Zusammenbruch geführt. Die mit dem früheren Partner Siemens entwickelte neue Generation des Reaktortyps EPR-3 hat mehr als Kinderkrankheiten.

          Im finnischen Olkiluoto und im französischen Flamanville treten daher seit Jahren erschreckende Bauverzögerungen und Budgetüberschreitungen auf. Das liegt nicht nur an den verschärften Sicherheitsvorschriften, sondern auch an der Überforderung des französischen Generalunternehmers. In den siebziger Jahren haben die Areva-Vorgänger die 58 französischen Kernreaktoren noch in vorbildlicher Manier aus dem Boden gestampft; heute ist Areva der Übergang zu einer neuen Reaktorgeneration kräftig misslungen.

          Zu lange weggesehen

          Die staatlichen Verwaltungsräte sahen jahrelang weg oder ließen sich blenden, wenn die langjährige Vorstandsvorsitzende Anne Lauvergeon („Atomic Anne“) in ihrer energischen Art die Pläne vorstellte. An anderer Stelle hat die öffentliche Hand wiederum Mittel blockiert, wenn sinnvolle Investitionen anstanden. Areva ist somit ein klarer Fall von Staatsversagen. Ohne dass es viele wussten, war das Unternehmen schon in einem kritischen Zustand, bevor die Katastrophe von Fukushima die ganze Nuklearbranche in Misskredit brachte. Dieser Herausforderung war Areva dann nicht mehr gewachsen.

          Als Retter muss der französische Staat nun 5 Milliarden Euro zuschießen und gleichzeitig den Stromlieferanten Electricité de France (EdF) mobilisieren. Der staatliche Energieriese soll das Areva-Kerngeschäft, den Reaktorbau, übernehmen. Doch befindet sich EdF selbst in schlechter Verfassung. Der Stromproduzent ist hoch verschuldet, die aktuell niedrigen Großhandelspreise unterschreiten seine Kosten. Die Konkurrenz kommt in den französischen Haushalten zwar nur langsam voran; EdF hat immer noch einen Marktanteil von 91 Prozent. Doch bei den Unternehmen verlor der Ex-Monopolist seit der Marktöffnung schon rund ein Viertel seiner Kunden. An der Börse machen die Anleger einen weiten Bogen um EdF. Nachdem der Konzern 2007 noch das teuerste Unternehmen Frankreichs und nach Shell der zweitteuerste Konzern Europas war, wurden seine Aktien im vergangenen Dezember von einer kleinen Immobiliengesellschaft aus dem Börsenindex CAC-40 gedrängt.

          Brüchige Grundlage

          EdF ist, anders als Areva, zwar nicht in der Existenz gefährdet, doch der Stromproduzent steht ebenso vor grundlegenden Fragen. Konzernchef Jean-Bernard Lévy gab kürzlich zu, dass EdF Finanzhilfen von industriellen Partnern brauche, um die Energieversorgung der Franzosen langfristig sicherzustellen. Das gilt vor allem für den Bau Dutzender neuer Reaktoren in Frankreich, die von 2030 an erforderlich werden. Im britischen Hinkley Point kann EdF schon nur mit einem chinesischen Partner einsteigen, und auch das ist trotz der von Großbritannien gebotenen hohen Garantiepreise nicht sicher.

          Die französische Energiepolitik kann somit nicht mehr allein für ihren Fortbestand sorgen. Das ist eine Bankrotterklärung für ein Land, das lange Zeit stolz war auf seine energiepolitische Unabhängigkeit. Wechselnde Regierungen tragen dafür die Hauptverantwortung: Sie schotteten EdF zu lange vom Wettbewerb ab, verhinderten Arbeitsplatzabbau und missbrauchten das Unternehmen als Selbstbedienungsladen für Dividendenzahlungen und Wählergeschenke. Strompreiserhöhungen blockierten sie, um die Kaufkraft der Franzosen zu schonen. Die privaten Minderheitsaktionäre haben nur draufgezahlt, mitreden durften sie nie.

          Die französische Energiewirtschaft ist zu Recht stolz darauf, weitgehend CO2-frei zu sein. Allerdings ist sie auch renditefrei. Auf dieser brüchigen Grundlage lässt sich keine Nachhaltigkeit aufbauen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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