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Frankreich wählt : Verlorener Mittelstand

Bild: Bloomberg

Frankreich wählt an diesem Sonntag einen neuen Präsidenten. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen hoffen endlich auf bessere Rahmenbedingungen. Doch Optimismus verbreiten sie nicht.

          6 Min.

          Gemächlich zieht das Wasser im Kanal von Saint Quentin seine Bahn. Karpfen, Barsche, Zander und Hechte finden in dem nordfranzösischen Strom mit seiner üppigen Ufer-Vegetation reichlich Lebensraum, berichten die örtlichen Fischer. Selbst im Industriegebiet der Kleinstadt Saint Quentin im Departement Aisne macht sich am Rand des Gewässers idyllische Stimmung breit. Nur einmal im Monat wird sie etwas gestört. Dann hält an der Rue Maurice Bellonte ein Lastkahn aus Rotterdam, Antwerpen oder Amsterdam und bringt Mineralien aus aller Welt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Ein Kran greift sich die Fracht und lässt sie über einem Lastwagen ab, der das Rohmaterial in die Werkshalle der Firma CMMP am Kanalufer fährt. Dort wird es für eine breite Palette von Abnehmern zu feinen Pulverstoffen klein gemalen: Die Autoindustrie braucht sie für Bremsen, die Kosmetikhersteller für Lippenstifte, die Farbenindustrie für den Verputz und die Bauunternehmen für die Isolierung.

          Joëlle Briot führt die 1932 gegründete Firma in dritter Generation. 29 Personen beschäftigt sie - genau vier mehr als 1997, ihrem ersten Jahr als Geschäftsführerin. Sie pflegt damit ein Dasein, das typisch ist für viele französische Unternehmen: Sie sind klein, und sie bleiben klein. „Ein, zwei oder drei Leute einzustellen, ist schon viel für uns“, sagt die ausgebildete Ingenieurin. „Mein Problem ist die Finanzierung durch die Banken. In Frankreich wird den Großen geholfen, nicht aber den Kleinen“.

          Politiker als glühende Verehrer des Mittelstandes

          Im französischen Wahlkampf ist mehr denn je über klein- und mittelständische Unternehmen gesprochen worden. Wenn am morgigen Sonntag die Franzosen den neuen Hausherren im Elysée-Palast bestimmen oder den alten bestätigen, dann haben ihnen zuvor alle Kandidaten die uneingeschränkte Unterstützung des Mittelstandes versprochen. Denn dort wurzelt letztlich die Wettbewerbsschwäche des Landes, die in einem Rekord-Außenhandelsdefizit von 70 Milliarden Euro im vergangenen Jahr zum Ausdruck kommt.

          Frankreich hat kein Problem mit seiner unternehmerischen Speerspitze, den überwiegend gut aufgestellten Konzernen im Börsenindex CAC-40 - abgesehen davon, dass sie in Frankreich immer weniger Arbeitsplätze schaffen. Doch für das Gros der Beschäftigung und des Außenhandels sorgt immer der unternehmerische Unterbau, der Mittelstand. Frankreich ist da eine Wüste in weiten Strecken des Landes, wie gerade der Vergleich mit Deutschland und Italien zeigt.

          Nur gut 90.000 mittelständische Unternehmen (bis 250 Mitarbeiter) sind nach Angaben des Handelsministers Pierre Lellouche in Frankreich im Export tätig. In Deutschland sind es mehr als viermal so viele. Noch schlechter fällt der Vergleich bei großen Mittelständlern aus. Im Wahlkampf sind die französischen Politiker daher in jeder Rede zu glühenden Verehrern des Mittelstandes geworden.

          Schere zwischen Wahlkampfreden und Realität

          Eine Dreiviertel Autostunde nördlich von Saint Quentin, im Örtchen Mericourt des Departement Pas-de-Calais, hätte der Tüftler Dominique Chaumont diese Zuneigung gerne einmal am eigenen Leibe gespürt. Der 65 Jahre alte Ingenieur sitzt in einem ärmlichen Büro, wo sich die Papierstapel türmen und der Schimmel an den Wänden nicht zu übersehen ist. Nebenan ragt einer jener Kohleberge in die Höhe, der noch aus der Zeit stammt, als Nordfrankreich eine Bergbauregion war.

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          Chaumont will das „Solex“, jene typisch französische Mischung aus Fahrrad und Mofa, um jeden Preis wiederbeleben. Schon 2005 sagte er dieser Zeitung: „Ich führe gerade den achten Krieg um das Zweirad“. Der Franzose kämpfte jahrelang um Namensrechte, Produktionslizenzen, Investoren und technische Zulassungen. Auf seinem Höhepunkt beschäftigte er 15 Mitarbeiter und lieferte seine Solex, die er „Black ’n Roll“ nennen musste, ins ganze europäische Ausland.

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