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Frankreich : Die heimlichen Eliten hinter dem Front National

Marine Le Pen erhielt im ersten Urnengang 21,3 Prozent der Stimmen. Bild: Reuters

Nicht nur tumbe Rechte, auch Spitzenmanager und hohe Beamte fördern die Partei Marine Le Pens. Sie treffen sich meist an geheim gehaltenen Orten in Zirkeln, deren Mitgliederlisten unter Verschluss bleiben.

          Marine Le Pen kann für die französische Präsidentenwahl am 7. Mai mit einem Stimmpotential von rund 40 Prozent rechnen, berichten die Umfrageinstitute. Dennoch wollen die Front-National-Anhänger in höhergestellten Positionen kaum aus ihrer Deckung kommen. Doch es gibt sie, versichern die Rechtspopulisten. Hohe Beamte und Spitzenmanager treffen sich meist an geheim gehaltenen Orten in Zirkeln, deren Mitgliederlisten unter Verschluss bleiben. Die Vereinigung „Les Horaces“ beispielsweise, benannt nach einer Gestalt aus der Antike, kommt einmal im Monat diskret zusammen, meist in einem Restaurant. „Die Neutralitätspflicht der Beamten erfordert diese Vertraulichkeit“, sagt Jean Messiha. Er, der Beamter des Verteidigungsministeriums ist, tritt offen als Sprecher der „Horaces“ auf.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          155 Mitglieder zähle sein Kreis. „Nach unserem Sieg am vergangenen Sonntag sind mehr als zwanzig neue Bewerbungen eingetroffen“, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und spricht tatsächlich von einem „Sieg“, obwohl Le Pen nach dem offiziellen Endergebnis im ersten Urnengang nur 21,30 Prozent, Emmanuel Macron dagegen 24,01 Prozent der Stimmen erhielt. Der Front National will beweisen, dass er das Zeug zum Regieren hat, die Unterstützung durch Eliten ist Gold wert. Nachprüfen kann die Angaben über die FN-Förderer aber niemand.

          „Wir bereiten die ersten 100 Regierungstage von Marine Le Pen vor“

          „Rund 60 Prozent sind hohe Beamte, etwa Richter oder frühere Kabinettsmitglieder von Ministern der bürgerlichen Rechten, und 40 Prozent sind Anwälte oder Führungskräfte aus der Wirtschaft“, meint Messiha. Selbst Vorstandsmitglieder von Konzernen des Börsenindex CAC-40 wie Finanz- oder Personalvorstände seien darunter. „Wir bereiten die ersten 100 Regierungstage von Marine Le Pen vor“, sagt Messiha siegesgewiss. Kandidaten für Ministeriumsposten und Beraterstellen würden identifiziert und geprüft. Außerdem belieferten die „Horaces“ Marine Le Pen mit Arbeitspapieren zu einer breiten Themenpalette von der Geldpolitik bis zur inneren Sicherheit.

          Messiha sitzt mit seinem Expertenkreis damit an einer programmatischen Schlüsselposition. Nach eigenen Angaben ist er kein Parteimitglied, doch in seiner Heimat Mulhouse will er sich im Juni zu den Parlamentswahlen als FN-Kandidat aufstellen lassen. Messiha wurde 1970 in Kairo geboren, mit 8 Jahren kam er nach Frankreich, wo er sich im Erwachsenenalter von Hossam auf Jean umbenannte. Mit seiner ausländischen Abstammung ist er eine Ausnahmeerscheinung beim FN, doch politisch blickt er auf einen nicht untypischen Werdegang im Wechselspiel von links nach rechts. Nach dem Diplom in Wirtschaftswissenschaften, nach seinem Doktor über „Haushaltspolitik im Angesicht des Maastricht-Vertrages“ und nach dem Abschluss der Elitehochschule Ena sympathisierte er mit der Stiftung Marc Bloch, die bürgerlich-konservative sowie linke „Souveränisten“ anzog. Messiha stimmte im Jahr 1992 für den Maastricht-Vertrag und damit für den Euro – eine Position, die er heute bereut. Eine Weile stand er dem sozialistischen Politiker Jean-Pierre Chevènement nahe.

          Eines der Lieblingsprojekte ist der „intelligente Protektionismus“

          Seit 2014 arbeitet er aktiv für den FN. Dem Vater der Präsidentschaftskandidatin, Jean-Marie Le Pen, warf Messiha noch „faschistoide“ Tendenzen vor, dagegen teilt er den sozialstaatlichen und dirigistischen Wirtschaftskurs, den seine Tochter und ihr Stellvertreter Florian Philippot fordern.

          Während die „Horaces“ vor allem Beamte und Konzernmanager anziehen, fühlt sich der Mittelstand bei der Organisation „Croissance Bleu Marine“ zu Hause. Mikael Sala, ihr Leiter, ist ein Serien-Unternehmer. In jungen Jahren war er im Musikgeschäft tätig. Heute bildet er in der Kleinstadt Taverny Vertriebsleute aus. Der 52 Jahre alte Franzose bezeichnet sich als stolzen Sohn einer Einzelhändler-Familie – „so wie Margaret Thatcher“, sagt er der F.A.Z. Sala betont, wie eng der FN an der Seite der Klein- und Mittelstandsunternehmer stehe.

          Sozialabgaben und Steuern wolle die Partei systematisch für diese Betriebsgrößen senken, nicht für die Konzerne, „die das nicht brauchen“. Die Rentenbedingungen für französische Selbständige würde der FN ebenfalls verbessern, und er würde öffentliche Aufträge systematisch für französische Unternehmen reservieren, statt sie ausländischen Konkurrenten „zu schenken“. Große Versicherer und Fondsgesellschaften würde der FN zwingen, 2 Prozent ihrer Anlegergelder in Risikokapitalgesellschaften zu stecken, damit sie den Unternehmensgründern zugutekommen. Ansonsten werden Euro- und EU-Ausstieg sowie ein „intelligenter Protektionismus“ im Fall des FN-Wahlsieges den Mittelstand vor der Globalisierung schützen. Importsteuern sollen etwa nur für Produkte gelten, die Frankreich selbst herstelle. „Das oft gebrauchte Argument, die Handys würden teurer, ist also falsch. Wir werden die Kaufkraft der Franzosen nicht senken“, sagt Sala.

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          Mit seiner Organisation hat sich der Franzose im Februar auf eine „Tour de France“ begeben. Jeden dritten Donnerstag eines Monats wirbt er in einer anderen französischen Stadt bei einem „Abendessen im Dialog“ für die FN-Positionen wie den „Kampf gegen unfaire Konkurrenz oder für den ökonomischen Patriotismus“. Der Zuspruch nehme zu, sagt er: „Heute haben wir schon mehr als 500 Mitglieder, und verstecken wollen sich davon immer weniger“. Ins Licht der Öffentlichkeit tritt dennoch kaum jemand."

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