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Neue Seidenstraße : Das Zentrum der Welt hat sich verschoben

  • -Aktualisiert am

Chinesische Lokführer auf der Jungfernfahrt der neuen ostafrikanischen Zugverbindung zwischen Addis Abeba und Dschibuti. Bild: Reuters

China ist auf dem Vormarsch. Wir leben bereits im „asiatischen Jahrhundert“, sagt der Oxford-Historiker Peter Frankopan. Was bedeutet das für Europa?

          An China führt für Europa kein Weg mehr vorbei. Die EU-Länder arbeiten an einer neuen Strategie im Umgang mit der Volksrepublik, der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping ist gerade in Rom, um ein Rahmenabkommen mit Italien zu unterzeichnen. In Deutschland stellt sich derzeit zum Beispiel die Frage, wie der chinesische Tech-Konzern Huawei Zulieferer für den nächsten Mobilfunkstandard 5G sein kann – die amerikanische Regierung übt Druck aus und macht sicherheitspolitische Bedenken geltend, nicht nur in Berlin. Und nicht alleine Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warb für die versuchte Fusion zwischen Siemens und Alstom mit dem Argument, gegen Konkurrenz aus Fernost gewappnet zu sein.

          Für Peter Frankopan ist das wenig überraschend. Seiner Ansicht nach leben wir längst im „asiatischen Jahrhundert“. Die wichtigsten Fragen unserer Zeit, so glaubt er, werden zunehmend in Peking beantwortet. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. „Manche Projektionen gehen davon aus, dass bis 2050 das Pro-Kopf-Einkommen in Asien um das Sechsfache wachsen könnte“, sagt er. „Damit währen zusätzliche drei Milliarden Asiaten wohlhabend.“

          Frankopan ist Professor für Weltgeschichte und Leiter des Zentrums für byzantinische Forschung der Universität Oxford, sein Buch „Die neuen Seidenstraßen“ ist gerade auf Deutsch erschienen. Er unterlegt seine These mit vielen Bespielen. Westliche Markenhersteller etwa schneiden ihre Produkte schon lange auf asiatischen Abnehmer zu – vom „KOBE X Seidenschuh“ des Sportartikelunternehmens Nike bis zum Hermès-Parfum „Samarcande“ findet man überall Namen, die an die alten Handelsmetropolen Zentralasiens erinnern und Kunden in Fernost ansprechen sollen. Der Immobilienunternehmer Donald Trump ließ sich schon im Jahr 2007 in mehreren zentralasiatischen Ländern seinen Namen als Markenzeichen eintragen.

          China ist längst überall

          Verändert hat sich nicht nur das. Vor noch nicht allzu langer Zeit bedeutete Globalisierung vor allem, dass westliche Unternehmen in Asien investieren. Heute fließt Geld oft in die andere Richtung. Frankopan zählt das Basketballteam „Brooklyn Nets“ auf, die „New York Post“, das Waldorf-Astoria-Hotel und den Musikkonzern Warner Music als Beispiele für große Unternehmen und Marken, deren Besitzer heute, ganz oder teilweise, in Asien sitzen.

          Das Filmstudio, das einst Jurassic Park produzierte? Ist heute in chinesischer Hand. Der Inhaber der exklusiven Fernsehrechte an der Fußballweltmeisterschaft 2022? – Ebenfalls. Gerade der chinesische Markt ist in den vergangenen 30 Jahren enorm gewachsen. Im Jahr 2008 betrug das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch 62 Prozent des amerikanischen, 2016 waren es schon 114 Prozent, wenn man diese Zahlen um die tatsächliche Kaufkraft anpasst. Und der Abstand wird größer, trotz zuletzt schwächerer Wachstumszahlen.

          Peter Frankopan ist der Leiter des Zentrums für byzantinische Studien an der Universität Oxford.

          Das führt so weit, das auch sehr traditionelle Unternehmen wie französische Weingüter inzwischen Produkte mit Namen wie „Château Antilope Tibetaine“ („tibetische Antilope“) im Angebot haben. Frankopan rechnet damit, dass in fünf Jahren Wein im Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar nach China verkauft wird; der europäische Markt spiele da nur noch eine nachgeordnete Rolle.

          Die vielfältige Vernetzung zwischen West und Ost führt bisweilen zu bemerkenswerten Verbindungen. Der berühmte Carrara-Marmor aus Italien wird schon seit römischer Zeit in Großbauten auf der ganzen Welt verwendet. Dazu zählt auch das One World Trade Center in New York. Heute ist der Steinbruch in Besitz einer saudi-arabischen Bauunternehmer-Dynastie: der Bin-Laden-Familie.

          Und weil in China die Haut von Eseln als alternatives Heilmittel gilt, ist die Nachfrage nach den Tieren stark gestiegen auch andernorts. In Tadschikistan vervierfachte sich der Eselpreis, auch in Afrika stieg er stark an. Frankopan beschreibt, was das für Auswirkungen hat. „Esel werden als Lasttiere benötigt. Sie spielen auch in der landwirtschaftlichen Produktion eine wichtige Rolle. Die plötzliche und massive Abnahme der Eselbestände bedroht und destabilisiert die landwirtschaftlichen Strukturen in Ländern, deren Balance ohnehin schon prekär ist.“ Afrikanische Länder haben inzwischen Exportstopps für Esel gegenüber China verhängt.

          Nicht nur die Kaufkraft in Asien hat enorm zugenommen, auch Erfindungen kommen zunehmen von dort. In China gibt es große Internetunternehmen und eine schillernde Start-up-Szene. Chinesen nutzen ihre Smartphones im Schnitt häufiger und vielfältiger als Menschen in den westlichen Industrieländern – das digitale Bezahlen etwa ist eine breit etablierte Selbstverständlichkeit.

          Doch nicht alles ist rosig in der asiatischen High-Tech-Welt. Denn der technologische Durchbruch in autokratischen Regimen wie Russland oder China oft mit einer detaillierteren Überwachung der Bevölkerung einher. Die drei größten chinesischen Telekommunikationsunternehmen (China Mobile, China Unicorn und China Telecom) gehören dem Staat. Amerikanische Tech-Konzerne wie Google und Facebook dürfen ihre Dienste im Reich der Mitte nicht anbieten.

          Asien steht heute da wie einst Europa

          Frankopan sieht im Aufstieg Asiens eine Parallele zum Aufstieg Europas in der frühen Neuzeit. Nur durch die Erschließung neuer Handelswege und die Eroberung neuer Gebiete auf dem amerikanischen Kontinent konnte Europa ins Zentrum der Weltwirtschaft rücken. Jetzt geschehe in Asien etwas ähnliches: Der Aufstieg des Kontinents lässt sich nur verstehen, wenn man die enge Vernetzung mit der westlichen Welt und deren Abhängigkeit von asiatischen Gütern, Dienstleistungen und Rohstoffen bedenkt.

          Die Abhängigkeit Europas von asiatischen Ressourcen führt bisweilen zu schwierigen politischen Allianzen, sagt Frankopan, sieht das selbst indes pragmatisch: „Damit deutsche Haushalte und Unternehmen bei der Energieversorgung nicht eingeschränkt werden, sind Abkommen wie das mit Gasprom (zur Nordstream-2-Pipeline) notwendig – oder mit Saudi-Arabien.“ Und er ergänzt: „Wir leben leider alle nicht im Garten Eden, wo wir nie Kompromisse eingehen oder schwierige Entscheidungen treffen müssten.“

          Zentralasien wächst zusammen

          Auch regionale Kooperation erreicht inzwischen neue Ausmaße. In den zentralasiatischen Staaten wird über die Schaffung einer Freihandelszone diskutiert. Im Juni 2018 wurde die Transanatolische Pipeline TANAP eingeweiht, die Aserbaidschan mit Osteuropa verbinden soll. Eine neue Stromtrasse soll ab dem Jahr 2020 Energie aus tadschikischen und kirgisischen Wasserkraftwerken nach Pakistan und Afghanistan bringen. Überall entstehen neue Straßen und Eisenbahnstrecken, die zum Beispiel Yiwu in China mit Teheran verbinden.

          Ein neuer Grad der Vernetzung entsteht im Herzen Asiens – dort verknüpften einst die Seidenstraßen, die wichtigsten Handelsrouten der mittelalterlichen Welt, den fernen Osten mit Europa. Heute versucht China, diese Idee in seiner „Belt and Road“-Initiative wiederzubeleben, einem gewaltigen Infrastrukturprojekt. Im Jahr 2015 stellte die China Development Bank 890 Milliarden Dollar für 900 Projekte in den Bereichen Verkehr, Infrastruktur und Energie zur Verfügung. Insgesamt soll es Investitionen in 49 Ländern geben, von Kasachstan bis Ostafrika, von Griechenland bis Indonesien.

          Hier war vor kurzem noch der Indische Ozean. Die Belt and Road Initiative investiert Milliarden in Sri Lanka, wo ein neuer Hafen entsteht.

          Die Konsequenzen könnten weitreichend sein: Laut Schätzungen der Weltbank sollen entlang der neuen Seidenstraße Handelskosten um 10 Prozent sinken. China investiert in Häfen in Sri Lanka, Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken in Kenia, Tunnel durch das Himalaya-Gebirge und Kohlekraftwerke in Pakistan. Dazu wurden Handelsgerichtshöfe in Xian und Shenzen eingerichtet, die internationale Streitigkeiten schlichten sollen.

          Rohstoffbedarf, Überschüsse, Sicherheit

          Und woher kommt der chinesische Expansionsdrang? Frankopan identifiziert drei Hauptmotive für das Seidenstraßenprojekt. Erstens habe China langfristig einen gewaltigen Rohstoffbedarf. Zentralasiatische Pipelines dürften helfen, den Energiehunger der chinesischen Wirtschaft zu stillen. Zweitens entwickele sich China immer mehr von einem Industrie- zu einem Dienstleistungsland. Dadurch längst entstandene Überkapazitäten in der Stahl- und Zementindustrie sollen infolgedessen im Rest Asiens und dem Pazifikraum zum Einsatz kommen können. Dort gibt es der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge bis zum Jahr 2030 Investitionsbedarf in Infrastruktur von 22,6 Billionen Dollar.

          Ein dritter Faktor seien aber auch sicherheitspolitische Erwägungen. Die chinesische Regierung, so Frankopan, blicke mit Sorge auf die Instabilität in der Region, von Afghanistan bis Syrien. Im eigenen Land verleitete das die Regierung zu drakonischen Maßnahmen gegen die muslimische Minderheit, einschließlich der Internierung in sogenannten „Umerziehungslagern“. International glaube China, seine Interessen zu wahren, wenn es in Afghanistan die Grundlagen für wirtschaftliche Entwicklung legt.

          Nicht alle Versprechen erfüllen sich

          Diese neue geopolitische Behauptung äußert sich aber auch zum Beispiel im südchinesischen Meer, wo China künstliche Inseln aufschüttet und militarisiert. Es beruft sich dabei auf historische Rechte an den dortigen Handelsrouten. Der Ausgang dieses Machtkampfs mit den anderen Anliegerstaaten ist für die ganze Welt von Bedeutung. 40 Prozent des gesamten chinesischen Außenhandels wird durch die Meerenge zwischen Vietnam und Borneo verschifft, aber auch 10 Prozent des deutschen.

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          Bekannt ist auch: Nicht überall stoßen die chinesischen Expansionen auf Gegenliebe. Viele Länder haben sich hoch bei den chinesischen Banken verschuldet, um Projekte zu finanzieren, die nicht hielten, was sie versprachen. Im Süden Sri Lankas entstand ein 1,3 Milliarden Dollar teurer neuer Hafen, der viel weniger genutzt wird als erhofft, rechnet Frankopan vor. Das Land musste ihn schließlich an ein chinesisches Staatsunternehmen verpachten. Die Investitionen gehen trotzdem weiter. Vor der Küste Colombos entsteht gerade eine komplett neue Stadt für 80.000 Menschen auf Land, das vor kurzem noch Teil des indischen Ozeans war – finanziert mit chinesischem Geld.

          Asien bereitet sich auf eine sich verändernde Welt vor und Europa spielt dabei Frankopan zufolge eine nachrangige Rolle. Neben Chinas „Belt and Road“-Initiative entsteht zum Beispiel eine Eurasische Wirtschaftsunion zwischen Russland, Weißrussland, Kasachstan, Armenien und Kirgistan. Kasachstan plant eine „Helle Straße“, Vietnam das Projekt „Zwei Korridore, ein wirtschaftlicher Kreis“, die Türkei einen „Mittleren Korridor“. An keinem dieser Pläne ist ein westeuropäisches Land beteiligt.

          Was die Europäische Union dem entgegenzusetzen hat, dazu ist Frankopan pessimistisch: Europa bewege sich „nicht so sehr in unterschiedlichem Tempo, sondern in eine andere Richtung“. Während in Asien die Vernetzung der Länder erst richtig beginne, erlebten wir in Europa eine Zeit der De-Globalisierung, vom Brexit über das Erstarken nationalistischer Parteien bis hin zu Unabhängigkeitsreferenden in Schottland und Katalonien.

          Europa marschiert in eine andere Richtung

          Frankopan hält die Erzählung für falsch, dass die Globalisierung ein Kampf des Westens gegen China sei: „Wenn (der deutsche Roboterhersteller) Kuka ein besseres Angebot von anderswo erhalten hätte, hätte es dieses sicher angenommen.“ Überhaupt seien die globalen Versorgungsketten schon jetzt viel komplizierter, als dass man alleine auf ein Unternehmen wie Huawei fokussieren könne: „90 Prozent aller PCs werden in China produziert, solche mit nicht-chinesischen Markennamen eingeschossen.“ Für zielführender hält er mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung in Europa. Amerika sei da mit seinem großen Technologiesektor heute schon unabhängiger als die EU.

          Anstatt sich zu isolieren müsse Europa eher selbst besser werden. „Wir sollten viel mehr in Technologien wie Künstliche Intelligenz und Robotik investieren“, fordert er: „Weltklasse-Ingenieure wachsen nicht auf Bäumen. Und sie brauchen Arbeitsbedingungen auf dem neuesten Stand der Technik.“

          Dass Italien nun der „Belt and Road“-Initiative beitritt, sieht er gelassen: „Hier in Europa scheinen wir halb hysterisch in unseren Reaktionen auf Veränderungen in der Welt zu sein, und haben uns schnell selbst überzeugt, dass wir uns existenziellen Bedrohungen von allen Seiten gegenübersehen“, urteilt er. „Das Abkommen Chinas mit Italien hat eine eher begrenzte Bedeutung, abgesehen davon, dass Investitionen in italienischen Häfen in Zukunft willkommen sein könnten, solange die Bedingungen stimmen.“

          Dabei zitiert er auch den kambodschanischen Premierminister Hun Sen: „Andere Länder kommen zu uns mit einer Menge Ideen, aber keinem Geld. Wenn China zu uns mit einer Idee kommt, dann bringt es auch Geld mit.“

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