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Neue Seidenstraße : Das Zentrum der Welt hat sich verschoben

Chinesische Lokführer auf der Jungfernfahrt der neuen ostafrikanischen Zugverbindung zwischen Addis Abeba und Dschibuti. Bild: Reuters

China ist auf dem Vormarsch. Wir leben bereits im „asiatischen Jahrhundert“, sagt der Oxford-Historiker Peter Frankopan. Was bedeutet das für Europa?

          7 Min.

          An China führt für Europa kein Weg mehr vorbei. Die EU-Länder arbeiten an einer neuen Strategie im Umgang mit der Volksrepublik, der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping ist gerade in Rom, um ein Rahmenabkommen mit Italien zu unterzeichnen. In Deutschland stellt sich derzeit zum Beispiel die Frage, wie der chinesische Tech-Konzern Huawei Zulieferer für den nächsten Mobilfunkstandard 5G sein kann – die amerikanische Regierung übt Druck aus und macht sicherheitspolitische Bedenken geltend, nicht nur in Berlin. Und nicht alleine Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warb für die versuchte Fusion zwischen Siemens und Alstom mit dem Argument, gegen Konkurrenz aus Fernost gewappnet zu sein.

          Alexander Wulfers
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Peter Frankopan ist das wenig überraschend. Seiner Ansicht nach leben wir längst im „asiatischen Jahrhundert“. Die wichtigsten Fragen unserer Zeit, so glaubt er, werden zunehmend in Peking beantwortet. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. „Manche Projektionen gehen davon aus, dass bis 2050 das Pro-Kopf-Einkommen in Asien um das Sechsfache wachsen könnte“, sagt er. „Damit währen zusätzliche drei Milliarden Asiaten wohlhabend.“

          Frankopan ist Professor für Weltgeschichte und Leiter des Zentrums für byzantinische Forschung der Universität Oxford, sein Buch „Die neuen Seidenstraßen“ ist gerade auf Deutsch erschienen. Er unterlegt seine These mit vielen Bespielen. Westliche Markenhersteller etwa schneiden ihre Produkte schon lange auf asiatischen Abnehmer zu – vom „KOBE X Seidenschuh“ des Sportartikelunternehmens Nike bis zum Hermès-Parfum „Samarcande“ findet man überall Namen, die an die alten Handelsmetropolen Zentralasiens erinnern und Kunden in Fernost ansprechen sollen. Der Immobilienunternehmer Donald Trump ließ sich schon im Jahr 2007 in mehreren zentralasiatischen Ländern seinen Namen als Markenzeichen eintragen.

          China ist längst überall

          Verändert hat sich nicht nur das. Vor noch nicht allzu langer Zeit bedeutete Globalisierung vor allem, dass westliche Unternehmen in Asien investieren. Heute fließt Geld oft in die andere Richtung. Frankopan zählt das Basketballteam „Brooklyn Nets“ auf, die „New York Post“, das Waldorf-Astoria-Hotel und den Musikkonzern Warner Music als Beispiele für große Unternehmen und Marken, deren Besitzer heute, ganz oder teilweise, in Asien sitzen.

          Das Filmstudio, das einst Jurassic Park produzierte? Ist heute in chinesischer Hand. Der Inhaber der exklusiven Fernsehrechte an der Fußballweltmeisterschaft 2022? – Ebenfalls. Gerade der chinesische Markt ist in den vergangenen 30 Jahren enorm gewachsen. Im Jahr 2008 betrug das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch 62 Prozent des amerikanischen, 2016 waren es schon 114 Prozent, wenn man diese Zahlen um die tatsächliche Kaufkraft anpasst. Und der Abstand wird größer, trotz zuletzt schwächerer Wachstumszahlen.

          Peter Frankopan ist der Leiter des Zentrums für byzantinische Studien an der Universität Oxford.
          Peter Frankopan ist der Leiter des Zentrums für byzantinische Studien an der Universität Oxford. : Bild: Jonny Ring

          Das führt so weit, das auch sehr traditionelle Unternehmen wie französische Weingüter inzwischen Produkte mit Namen wie „Château Antilope Tibetaine“ („tibetische Antilope“) im Angebot haben. Frankopan rechnet damit, dass in fünf Jahren Wein im Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar nach China verkauft wird; der europäische Markt spiele da nur noch eine nachgeordnete Rolle.

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