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Neue Seidenstraße : Das Zentrum der Welt hat sich verschoben

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Ein neuer Grad der Vernetzung entsteht im Herzen Asiens – dort verknüpften einst die Seidenstraßen, die wichtigsten Handelsrouten der mittelalterlichen Welt, den fernen Osten mit Europa. Heute versucht China, diese Idee in seiner „Belt and Road“-Initiative wiederzubeleben, einem gewaltigen Infrastrukturprojekt. Im Jahr 2015 stellte die China Development Bank 890 Milliarden Dollar für 900 Projekte in den Bereichen Verkehr, Infrastruktur und Energie zur Verfügung. Insgesamt soll es Investitionen in 49 Ländern geben, von Kasachstan bis Ostafrika, von Griechenland bis Indonesien.

Hier war vor kurzem noch der Indische Ozean. Die Belt and Road Initiative investiert Milliarden in Sri Lanka, wo ein neuer Hafen entsteht.

Die Konsequenzen könnten weitreichend sein: Laut Schätzungen der Weltbank sollen entlang der neuen Seidenstraße Handelskosten um 10 Prozent sinken. China investiert in Häfen in Sri Lanka, Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken in Kenia, Tunnel durch das Himalaya-Gebirge und Kohlekraftwerke in Pakistan. Dazu wurden Handelsgerichtshöfe in Xian und Shenzen eingerichtet, die internationale Streitigkeiten schlichten sollen.

Rohstoffbedarf, Überschüsse, Sicherheit

Und woher kommt der chinesische Expansionsdrang? Frankopan identifiziert drei Hauptmotive für das Seidenstraßenprojekt. Erstens habe China langfristig einen gewaltigen Rohstoffbedarf. Zentralasiatische Pipelines dürften helfen, den Energiehunger der chinesischen Wirtschaft zu stillen. Zweitens entwickele sich China immer mehr von einem Industrie- zu einem Dienstleistungsland. Dadurch längst entstandene Überkapazitäten in der Stahl- und Zementindustrie sollen infolgedessen im Rest Asiens und dem Pazifikraum zum Einsatz kommen können. Dort gibt es der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge bis zum Jahr 2030 Investitionsbedarf in Infrastruktur von 22,6 Billionen Dollar.

Ein dritter Faktor seien aber auch sicherheitspolitische Erwägungen. Die chinesische Regierung, so Frankopan, blicke mit Sorge auf die Instabilität in der Region, von Afghanistan bis Syrien. Im eigenen Land verleitete das die Regierung zu drakonischen Maßnahmen gegen die muslimische Minderheit, einschließlich der Internierung in sogenannten „Umerziehungslagern“. International glaube China, seine Interessen zu wahren, wenn es in Afghanistan die Grundlagen für wirtschaftliche Entwicklung legt.

Nicht alle Versprechen erfüllen sich

Diese neue geopolitische Behauptung äußert sich aber auch zum Beispiel im südchinesischen Meer, wo China künstliche Inseln aufschüttet und militarisiert. Es beruft sich dabei auf historische Rechte an den dortigen Handelsrouten. Der Ausgang dieses Machtkampfs mit den anderen Anliegerstaaten ist für die ganze Welt von Bedeutung. 40 Prozent des gesamten chinesischen Außenhandels wird durch die Meerenge zwischen Vietnam und Borneo verschifft, aber auch 10 Prozent des deutschen.

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Bekannt ist auch: Nicht überall stoßen die chinesischen Expansionen auf Gegenliebe. Viele Länder haben sich hoch bei den chinesischen Banken verschuldet, um Projekte zu finanzieren, die nicht hielten, was sie versprachen. Im Süden Sri Lankas entstand ein 1,3 Milliarden Dollar teurer neuer Hafen, der viel weniger genutzt wird als erhofft, rechnet Frankopan vor. Das Land musste ihn schließlich an ein chinesisches Staatsunternehmen verpachten. Die Investitionen gehen trotzdem weiter. Vor der Küste Colombos entsteht gerade eine komplett neue Stadt für 80.000 Menschen auf Land, das vor kurzem noch Teil des indischen Ozeans war – finanziert mit chinesischem Geld.

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