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Neue Seidenstraße : Das Zentrum der Welt hat sich verschoben

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Die vielfältige Vernetzung zwischen West und Ost führt bisweilen zu bemerkenswerten Verbindungen. Der berühmte Carrara-Marmor aus Italien wird schon seit römischer Zeit in Großbauten auf der ganzen Welt verwendet. Dazu zählt auch das One World Trade Center in New York. Heute ist der Steinbruch in Besitz einer saudi-arabischen Bauunternehmer-Dynastie: der Bin-Laden-Familie.

Und weil in China die Haut von Eseln als alternatives Heilmittel gilt, ist die Nachfrage nach den Tieren stark gestiegen auch andernorts. In Tadschikistan vervierfachte sich der Eselpreis, auch in Afrika stieg er stark an. Frankopan beschreibt, was das für Auswirkungen hat. „Esel werden als Lasttiere benötigt. Sie spielen auch in der landwirtschaftlichen Produktion eine wichtige Rolle. Die plötzliche und massive Abnahme der Eselbestände bedroht und destabilisiert die landwirtschaftlichen Strukturen in Ländern, deren Balance ohnehin schon prekär ist.“ Afrikanische Länder haben inzwischen Exportstopps für Esel gegenüber China verhängt.

Nicht nur die Kaufkraft in Asien hat enorm zugenommen, auch Erfindungen kommen zunehmen von dort. In China gibt es große Internetunternehmen und eine schillernde Start-up-Szene. Chinesen nutzen ihre Smartphones im Schnitt häufiger und vielfältiger als Menschen in den westlichen Industrieländern – das digitale Bezahlen etwa ist eine breit etablierte Selbstverständlichkeit.

Doch nicht alles ist rosig in der asiatischen High-Tech-Welt. Denn der technologische Durchbruch in autokratischen Regimen wie Russland oder China oft mit einer detaillierteren Überwachung der Bevölkerung einher. Die drei größten chinesischen Telekommunikationsunternehmen (China Mobile, China Unicorn und China Telecom) gehören dem Staat. Amerikanische Tech-Konzerne wie Google und Facebook dürfen ihre Dienste im Reich der Mitte nicht anbieten.

Asien steht heute da wie einst Europa

Frankopan sieht im Aufstieg Asiens eine Parallele zum Aufstieg Europas in der frühen Neuzeit. Nur durch die Erschließung neuer Handelswege und die Eroberung neuer Gebiete auf dem amerikanischen Kontinent konnte Europa ins Zentrum der Weltwirtschaft rücken. Jetzt geschehe in Asien etwas ähnliches: Der Aufstieg des Kontinents lässt sich nur verstehen, wenn man die enge Vernetzung mit der westlichen Welt und deren Abhängigkeit von asiatischen Gütern, Dienstleistungen und Rohstoffen bedenkt.

Die Abhängigkeit Europas von asiatischen Ressourcen führt bisweilen zu schwierigen politischen Allianzen, sagt Frankopan, sieht das selbst indes pragmatisch: „Damit deutsche Haushalte und Unternehmen bei der Energieversorgung nicht eingeschränkt werden, sind Abkommen wie das mit Gasprom (zur Nordstream-2-Pipeline) notwendig – oder mit Saudi-Arabien.“ Und er ergänzt: „Wir leben leider alle nicht im Garten Eden, wo wir nie Kompromisse eingehen oder schwierige Entscheidungen treffen müssten.“

Zentralasien wächst zusammen

Auch regionale Kooperation erreicht inzwischen neue Ausmaße. In den zentralasiatischen Staaten wird über die Schaffung einer Freihandelszone diskutiert. Im Juni 2018 wurde die Transanatolische Pipeline TANAP eingeweiht, die Aserbaidschan mit Osteuropa verbinden soll. Eine neue Stromtrasse soll ab dem Jahr 2020 Energie aus tadschikischen und kirgisischen Wasserkraftwerken nach Pakistan und Afghanistan bringen. Überall entstehen neue Straßen und Eisenbahnstrecken, die zum Beispiel Yiwu in China mit Teheran verbinden.

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