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Frankfurter Stadtteile im Wandel : Spritzen, Sex und Szeneköche

Im Frankfurter Bahnhofsviertel treffen Welten aufeinander Bild: dpa

Im Frankfurter Bahnhofsviertel gibt’s Sex, Drogen und Gewalt. Und immer mehr Menschen, die dort wohnen wollen. Eine Reportage aus dem trendigsten Teil der Stadt.

          Wenn diese Stadt ein Labor ist, ist das die Laborküche: Der „Club Michel“ öffnet donnerstags, freitags, samstags. Münchener Straße 12, erster Stock. Im Bahnhofsviertel. Frankfurts Rotlichtbezirk.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Michel sprechen die Clubbetreiber wie den französischen Frauennamen aus: Michelle. Doch die Code-gesicherte Tür bewacht keinen Puff, sondern ein Szenerestaurant. Der Blick durchs Panoramafenster geht hinunter auf Frankfurts hippsten Boulevard. Hier entsteht gerade das neue In-Quartier der Stadt. Ein Ort, wie es ihn in anderen Städten nie geben wird.

          Nirgendwo sonst ist man näher dran an allem, was geschieht in der Stadt, nirgendwo sonst kann man so luxuriös leben: riesige Gründerzeitwohnungen locken längst die Gutverdiener. Meist sind es Kreative. Komplette Familien noch selten.

          Das Experiment Bahnhofsviertel

          Denn wer ins Bahnhofsviertel zieht, der wagt ein Experiment. Überwacht wird es in der Universität Frankfurt. „Kinder im Bahnhofsviertel“ heißt das Forschungsprojekt. Das Zwischenergebnis stellt fest, die „soziale Kontrolle“ im Viertel funktioniere: Wer sich hier auf der Straße an Kindern vergreift, bekommt es mit türstehenden Kickboxern zu tun.

          Andererseits ist dann mit dem Kinderwagen zuweilen auch nur schwer durchzukommen. An einem schönen Mainachmittag war zum Beispiel wieder mal die Moselstraße mit rotem Flatterband abgesperrt, nach einem mit Schlagstöcken ausgetragenen Streit vor dem Irish Pub waren Schüsse gefallen. Eine Kugel traf einen Sozialarbeiter vor dem Café Fix, einem Kontaktladen für die 4000 Süchtigen, die regelmäßig zwischen Nidda- und Gutleutstraße Drogen kaufen und konsumieren. Ein „Zufallsopfer“. Was man von dem Spielhallenbesucher nicht sagen konnte, der eine Woche zuvor mit einer abgeschlagenen Bierflasche im Hinterzimmer niedergestochen wurde.

          Arm und Reich so nahe beieinander wie sonst nur in Rio

          Aber auch mitten auf der Kreuzung gehen manchmal zwei Viertelbewohner mit den Fäusten aufeinander los. Und wer in der Münchener Straße lebt wie der 37 Jahre alte WG-Bewohner David Meves (Nachbarn: DJ/Filmbranche/Filmbranche), lernt zudem schnell den Unterschied zwischen deutscher Küchenschabe und ihrer Artgenossin aus Asien kennen: Die ist doppelt so groß, eifriger im Eierlegen und dank der Korianderpalettenlieferungen an die Asia-Imbisse häufiger anzutreffen als etwa in Frankfurts Westend. Meves hat sein Restaurant trotzdem zehn Hausnummern von seiner Wohnung entfernt aufgemacht: „Ein spannender Ort.“

          Der Betreiber des Club Michel ist ungelernter Koch. Geburtsort: Berlin. Zur Jahrtausendwende hat er in der Hauptstadt gelebt, Frankfurt findet er intimer: „Wir sind eine Familie.“ Vergangenen Oktober zog er mit DJ und Gastronom Ata Macias im vormaligen Modeshow-Room sein Restaurant hoch, einen „Verein zur Förderung der Esskultur“, der seine Mitglieder per Mail zum Dinner einlädt. Mitglied kann jeder werden, der sich ins Internetformular einträgt.

          Die sieben Euro für ein Hauptgericht im „Michel“ geben 300 Meter entfernt die Hedgefondsmanager im „Ivory Club“ neben der Deutschen Bank gerade mal für das Parkservice-Trinkgeld aus. Wie sonst wohl nur in Rio sind in Frankfurt Arm und Reich so nahe beieinander wie an der Grenze zwischen Banken- und Bahnhofsquartier.

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