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Frankfurt : Der mächtige Magnet am Main

Die Kriterien dafür sind höchst subjektiv und lassen sich kaum fassen. Viele Vergleiche werden derzeit mit dem weit größeren London angestellt. Man überlegt, warum ein Banker aus London nach Frankfurt ziehen sollte oder was ihn abschrecken könnte. Internationalen Spitzenfußball sieht er hier wohl anders als in London auch künftig nicht. Und auch die Zahl der Museen ist niedriger, wenn auch nicht zu verachten. Ebenfalls nur selten zu bieten hat Frankfurt die Queen, die vor zwei Jahren immerhin Frankfurt besuchte und nicht München, Hamburg oder Köln. Dafür blickt man von Frankfurt auf die Taunushänge, die sich – je nach Verkehrslage – in weniger als 20 Minuten erreichen lassen. Frankfurt gehört zu den wärmsten deutschen Städten. Im nahen Umfeld gedeihen Spargel, Wein, Kirschen und Erdbeeren. Der Verkehr stockt in den Stoßzeiten zwar auch in Frankfurt – das ist aber kein Vergleich zu den Zuständen in der Londoner City.

Doch die gute Entwicklung der vergangenen Jahre birgt auch Risiken und Veränderungen, die nicht allen gefallen. Auf dem Gleisfeld des ehemaligen Güterbahnhofs entsteht im „Europa-Viertel“ mal eben Wohnraum für mehr als 10.000 Menschen. Einziehen werden dort keine Durchschnittsbürger, sondern die gehobene Mittelschicht und Spitzenverdiener. Luxussanierungen in Altbauten sind überall in Frankfurt sichtbar. Es werden neue Wohnhochhäuser gebaut. Wer in „Immobilienscout“ sucht, findet eine Wohnung für 18.650 Euro monatlicher Kaltmiete am Opernplatz – immerhin 600 Quadratmeter groß.

Durchschnittsverdienern macht die Entwicklung der Mieten Angst

Die Durchschnittskaltmiete bei Erstbezug hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren von gut 9 auf rund 14 Euro je Quadratmeter um 50 Prozent erhöht. Die Bezugspreise für Eigentumswohnungen haben sich sogar auf 4500 Euro je Quadratmeter verdoppelt – im Durchschnitt und ganz ohne Einfluss von Brexit-Bankern. Die teuer erscheinenden Wohnungen werden den Maklern aus den Händen gerissen, teilweise wird zu den Terminen gleich Bargeld mitgebracht. Die steigenden Preise sind Gesprächsthema in der Stadt, für manche werden sie zur Belastung.

Verweise darauf, dass Frankfurt im Vergleich mit internationalen Metropolen noch immer eher günstig ist, mögen für Immobilieninvestoren eine Rolle spielen. Rentnern und Durchschnittsverdienern macht die Entwicklung eher Angst. Mit Peter Feldmann (SPD) haben die Frankfurter vor fünf Jahren einen Sozialbetriebswirt zum Bürgermeister gewählt, der glaubhaft den Eindruck erweckt, den Sorgen der normalen Frankfurter näher zu sein als den Luxuspartys der Banker. Seine Frau Zübeyde leitete die erste deutsch-türkische Kindertagesstätte in Frankfurt.

Am Geld fehlt es jedenfalls nicht in der Stadt. Die Gewerbesteuereinnahmen von Frankfurt erreichen jährlich neue Rekorde von zuletzt gut 1,8 Milliarden Euro. Das sind rund 2500 Euro je Einwohner. München kommt auf weniger als 1700 Euro. Es ist die große Aufgabe der Frankfurter Politik, mit den hohen Steuereinnahmen die soziale Balance der Stadt zu erhalten. Rentner und Familien der Mittelschicht sehen sich am ehesten an den Rand gedrängt. Im Umland werden täglich neue Neubaugebiete für Familien ausgewiesen.

„Wenn mich jemand früge, wo ich mir den Platz meiner Wiege bequemer, meiner bürgerlichen Gesinnung gemäßer oder poetischen Ansicht entsprechender denke, ich könnte keine liebere Stadt als Frankfurt nennen“, zitiert die Stadt Goethe auf ihrer Internetseite. Es dauerte offenbar, bis sich diese Ansicht weit verbreitet hat. Das Wachstumswunder Frankfurt dürfte den berühmtesten Sohn der Stadt aber kaum verwundern.

Frankfurt am Main : Der größte Internetknoten der Welt

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