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Frankfurt : Der Flughafenstreik wird zur Zitterpartie

  • -Aktualisiert am

Machtkampf auf dem Rollfeld: Auch in der Streikphase erhält Betreiber Fraport 80 Prozent des Flugbetriebs aufrecht. Bild: dpa

Trotz weiterer Streiks der 200 Flughafen-Kontrolleure bleibt das Chaos aus. Fraport und Lufthansa hebeln die Branchengewerkschaft aus.

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          Die Streikwelle der 200 Vorfeldmitarbeiter auf dem Frankfurter Flughafen dauert zunächst bis Mittwoch an. Gleichzeitig arbeiten Manager des Betreibers und der Lufthansa mit Hochdruck daran, die Folgen des Arbeitskampfes für die Passagiere auf dem größten deutschen Flughafen zu mildern.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Trotz der mehrtägigen Streikaktionen der Branchengewerkschaft GdF blieb das Chaos in Frankfurt aus. Fraport teilte am Montag mit, dass wohl nur rund 240 der 1250 geplanten Flugbewegungen entfallen. Damit sind rund 80 Prozent des normalen Flugbetriebs in Frankfurt gewährleistet. Während die internationalen Verbindungen fast vollständig bedient werden, sind von den Annullierungen vor allem deutsche und innereuropäische Strecken betroffen. Dabei bietet die Lufthansa, die von dem Ausfall am stärksten betroffen ist, kostenlose Stornierungen oder Umbuchungen auf Bahntickets an.

          Tarifforderungen der GdF

          Fraport gelingt es, die Folgen der Streikwelle zu mildern, weil die Arbeit der 200 streikenden Vorfeld-Mitarbeiter zunehmend Freiwillige und Führungskräfte aus dem operativen Management übernehmen. Dabei gilt der Ersatz der 90 Vorfeld-Losten in Frankfurt, die die Rolle eines klassischen Fluglotsen auf dem Flugfeld ausüben und über langjährige Berufserfahrung verfügen, unter dem Aspekt von Sicherheit und Haftungsfragen als besonders kritisch.

          Die Fronten sind verhärtet

          Um hier Abhilfe zu schaffen, ist an den Abzug von Vorfeld-Lotsen von anderen Flughäfen oder intensive Schulungen von Fachkräften an der Akademie der Deutschen Flugsicherung gedacht. Der Einsatz von „Streikbrechern“ hat allerdings Folgen für das Betriebsklima: „Die Atmosphäre zwischen arbeitendem und streikendem Personal ist vergiftet“, klagt ein Arbeitnehmervertreter.

          Die Fronten zwischen Fraport und GdF sind nach den gescheiterten Tarifverhandlungen ohnehin verhärtet. Fraport lehnte Anfang Februar die Forderung der Gewerkschaft als völlig überzogen ab. Diese sah für die 200 Vorfeld-Lotsen, Verkehrsdisponenten und Fahrer der „Follow-Me“-Fahrzeuge bis zu 70 Prozent mehr Gehalt und weniger Arbeitszeit vor.

          Rückenwind für diese Forderung erhielt die GdF nach ihrem jüngsten Coup in München, wo sie nach monatelangem Ringen für die 36 dort tätigen Vorfeld-Lotsen jeweils zweistellige Gehaltszuwächse durchsetzte: „Es war für uns ein Tarifabschluss an der Schmerzgrenze“, sagte der Münchner Flughafen-Chef Michael Kerkloh dieser Zeitung, „aber angesichts des Erpressungspotentials der Gewerkschaft hatten wir keine andere Wahl“.

          Ähnlich erfolgreich hatte die Gewerkschaft unlängst beim Tarifkonflikt der rund 2000 Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung agiert. In den monatelangen Verhandlungen hatte die GdF 6,5 Prozent mehr Gehalt sowie mehr Mitsprache bei unternehmerischen Fragen gefordert. Als die Verhandlungen im vergangenen Herbst festgefahren waren und ein bundesweiter Streik drohte, schaltete sich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ein. Er beendete den Konflikt, indem er den Lotsen Lohnsteigerungen von insgesamt 9 Prozent gewährte. Ein teurer Kompromiss: Denn die mit diesem Tarifabschluss verbundenen Kosten sind mit 40 Millionen Euro etwa doppelt so hoch wie von der DFS damals veranschlagt.

          Debatte um die Macht der Branchengewerkschaften

          Der Flughafenstreik in Frankfurt entfachte eine politische Debatte um die Macht der Branchengewerkschaften. Doch bislang sind die Reaktionen in Berlin zögerlich: „Wenn in Deutschland Tarifvertragsparteien Forderungen gegeneinander stellen, dann geschieht das im Rahmen der verfassungsrechtlich geschützten Tarifautonomie“, sagte der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag. Es obliege nicht der Regierung zu beurteilen, ob Streiks oder Forderungen einzelner Gruppen angemessen seien. Einige Unionsabgeordnete forderten dagegen schon vergangene Woche, das Prinzip „ein Betrieb, eine Gewerkschaft“ gesetzlich festzuschreiben. Widerstand kam bislang aus der FDP. Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Martin Lindner, fordert nun aber ein Eingreifen der Politik. Er schlägt eine arbeitsgerichtliche Zweck-Mittel-Prüfung vor. Die Gerichte müssten verpflichtet werden, die Verhältnismäßigkeit solcher Streiks zu überprüfen, sagte er dieser Zeitung. Maßstab könne die Zahl der Streikenden im Verhältnis zu allen Beschäftigten im Konzern oder zu den vom Streik Betroffenen sein.

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