https://www.faz.net/-gqe-7yqcz

Franken-Aufwertung : Schweizer genießen den günstigen Einkauf

In Weil am Rhein vollgepackt: Nach der Freigabe des Franken ist es für Schweizer noch günstiger, in Deutschland einzukaufen. Bild: dpa

Der stark aufgewertete Franken lockt die Schweizer in deutschen Läden - die deutsche Wirtschaft fürchtet dennoch stärkere Belastungen. An den Finanzmärkten ist die Unruhe noch größer.

           In den grenznahen Städten Konstanz und Weil in Baden-Württemberg hatten sich die Geschäfte und Einkaufszentren mit zusätzlichem Personal für den Ansturm von Schnäppchenjägern aus der Schweiz gerüstet. Die Baseler Verkehrsbetriebe setzten mehr Straßenbahnen ein, um dem Grenzverkehr zwischen Basel und Weil in den Griff zu bekommen. Am Samstag kamen Tausende Schweizer, um die für sie in Deutschland nun noch niedrigeren Lebensmittelpreise auszunutzen. Seit Donnerstag stützt die Schweizer Notenbank den Euro nicht mehr, und der Franken wertete inzwischen um 20 Prozent auf. Viele Einkaufswagen seien brechend voll gewesen, eine Familie aus der Schweiz habe sich etwa mit 24 Packungen Milch eingedeckt, hieß es aus einem Einkaufszentrum in Konstanz. An Bankautomaten in Konstanz konnten am Samstagmorgen Franken zunächst für 250 Euro getauscht werden, später wurde der Betrag auf 150 Euro gekappt.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schon seit 2003 gibt es diesen Einkaufstourismus aus der Schweiz, weil die Lebensmittelpreise in Deutschland günstiger sind. Im Rhein-Center in Weil sind mehr als 60 Prozent der 34.000 Kunden am Tag Schweizer. Nachdem nun ein Euro nicht mehr 1,20 Franken, sondern nur noch knapp 1 Franken wert ist, wurde das Preisgefälle zwischen deutschen und Schweizer Lebensmittelhändlern noch größer: Butter kostet nun in der Schweiz oft doppelt, Gemüse sogar mancherorts viermal so viel wie in Deutschland. Dennoch lassen die Schweizer noch Luft nach oben: Anders als in der Vorweihnachtszeit habe es an diesem Samstagmittag noch freie Parkplätze in der Innenstadt von Konstanz gegeben. Auch die Staus vor den Zollhäuschen an der Grenze, an denen sich die Schweizer nach dem Einkauf in Deutschland die Mehrwertsteuer erstatten lassen, seien nicht länger als üblich gewesen, hieß es.

          Amerikanischer Hedgefond geht infolge des Franken-Schocks unter

          Obwohl er künftig mehr Schweizer zum Einkauf in Baden-Württemberg erwartet, ist Landeswirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) auch besorgt. Der Einzelhandel und die Gastronomie werde zwar profitieren, doch insgesamt würden die deutsche Wirtschaft durch die Aufwertung des Franken eher belastet. Denn Waren und Dienstleistungen von Zulieferern aus der Schweiz würden erheblich teurer. Tatsächlich fürchtet die eidgenössische Wirtschaft enorme Einbußen bei den Exporten. Nach dem Willen der Arbeitgeber sollen die Schweizer deshalb länger arbeiten und weniger verdienen. „Die Unternehmen brauchen in der jetzigen Ausnahmesituation Spielraum für Maßnahmen wie Arbeitszeitverlängerungen oder Lohnsenkungen“, forderte der Direktor des Schweizer Arbeitgeberverbandes, Roland Müller.

          An den Finanzmärkten hat die überraschende Freigabe des Franken-Kurses einige Marktteilnehmer in die Bredouille gebracht. Ein großer amerikanischer Hedgefonds hat sein gesamtes Eigenkapital verloren und wird deswegen geschlossen: Der Global Fund von Everest Capital habe darauf gewettet, dass der Franken an Wert verliere. Doch das Gegenteil passierte, nachdem die Schweizer Notenbank den seit etwa drei Jahren geltenden Mindestkurs zum Euro abschaffte. Der Hedgefonds-Manager Marko Dimitrijevic schließe nun seinen größten Fonds, den Global Fund, berichten amerikanische Medien. Der Fonds hatte Ende 2014 noch ein Vermögen von etwa 830 Millionen Dollar. Everest Capital verwaltet noch sieben andere Fonds mit einem Kapital von etwa 2,2 Milliarden Dollar.

          Euro-Abwertung machte Franken-Aufwertung notwendig

          Seit 1998, als der Hedgefonds LTCM im Zuge der damaligen Währungskrise in Russland fast zusammen brach, gelten die wenig regulierten Hedgefonds als eine Gefahr für das Finanzsystem. Oft verschulden sie sich hoch. Der Franken bot sich wegen der niedrigen Zinsen als Währung für Kredite an. Hedgefonds investieren damit oft in wenig liquide Anlagen, was sie verwundbar macht. Aber auch streng überwachte Marktteilnehmer sind durch die starke Franken-Aufwertung auf dem falschen Fuß erwischt worden: Die Deutsche Bank soll ähnlich wie die Citigroup nach der Aufgabe der Wechselkursbindung 150 Millionen Euro Verlust erlitten haben. Als größtes Opfer der Franken-Aufwertung gilt ein amerikanischer Online-Broker für Kleinanleger, FXCM. Das Unternehmen wurde mit einem Notkredit über 300 Millionen Dollar gerettet, nachdem der Aktienkurs um 70 Prozent gefallen war. Insolvenz anmelden musste der britische Wettbewerber Alpari wie auch der kleine neuseeländische Devisenhändler Global Brokers.

          Die Schweizerische Notenbank (SNB) verteidigt ihren Kurswechsel. Er sei sich zwar bewusst gewesen, dass die überraschende Abkehr vom Mindestkurs die Schweizer Wirtschaft vor Probleme stelle und die Finanzmärkte einige Zeit bräuchten, um sich von dem Schock zu erholen, sagte SNB-Chef Thomas Jordan. Der Schritt sei aber angesichts des abwertenden Euro nötig gewesen, um langfristig die Kontrolle über die Geldpolitik zu behalten. Um den Franken zu schwächen, verlangt die Notenbank von Geschäftsbanken auf Einlagen bei ihr von diesem Donnerstag an einen negativen Zins von 0,75 Prozent. Als erste Schweizer Geschäftsbank hat Credit Suisse zugegeben, nun im Gegenzug von ihren Großkunden eine „Guthabenkommission“ genannte Gebühr zu verlangen.

          Immer mehr Geld aufzuwenden, um den Mindestkurs von 1,20 Franken zu halten, wäre nicht nachhaltig gewesen und hätte die Glaubwürdigkeit der Notenbank aufs Spiel gesetzt, sagte Jordan. Es sei von Anfang an klar gewesen sei, dass der Mindestkurs lediglich eine zeitweilige Ausnahme gewesen sei. Die heftigen Marktreaktionen bezeichnete er als überzogen.

          Weitere Themen

          Die erste Frau mit Salz Video-Seite öffnen

          Unternehmerin im Senegal : Die erste Frau mit Salz

          Marie Diouf hat es von einer Arbeiterin zur Unternehmerin gebracht: Als erste Frau im Senegal beschäftigt sie 20 Arbeiter auf ihrem eigenen Salzfeld.

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump und sein Außenminister Mike Pompeo

          Saudi-Arabien : Trump umgeht Kongress bei Waffenverkäufen

          Die amerikanische Regierung will Waffen ohne Zustimmung des Kongresses an Saudi-Arabien liefern. Außenminister Mike Pompeo sieht darin eine Abschreckung „iranischer Aggressionen“. Die Demokraten befürchten einen Einsatz der Bomben im Jemen-Krieg.
          Die irische Flagge vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel

          EU-Wahl : Pro-europäische Regierungspartei in Irland vorn

          Irlands Regierungschef warnt nach dem Rücktritt von Theresa May vor einer „sehr gefährlichen“ Phase. Bei der Europawahl hat er offenbar Rückenwind bekommen. EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber verspricht, Europa vor Nationalisten zu verteidigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.