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Flüchtlingskrise : Der Wolf im Beamtenpelz

Frank-Jürgen Weise Bild: Frank Röth

Frank-Jürgen Weise soll die Flüchtlingskrise managen. Doch wer ist dieser Mann? Und: Beißt er sich diesmal die Zähne aus?

          3 Min.

          Schon wieder die Wirtschaftsprüfer. Dass Frank-Jürgen Weise die Dienste von Prüfungs- und Beratungsgesellschaften zu schätzen weiß, daraus hat er in seiner rund eineinhalb Jahrzehnte dauernden Karriere im öffentlichen Dienst nie einen Hehl gemacht. Schon beim Umbau der alten Bundesanstalt für Arbeit zur kundenorientierten Bundesagentur gehörten die hochbezahlten Ratgeber aus der Privatwirtschaft zum engen Arbeitsstab des Vorsitzenden dazu. Und als ihm die Bundeskanzlerin vergangenen Herbst auch noch die Leitung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) antrug, griff Weise ebenfalls auf externe Dienste zurück. Schließlich musste er sich buchstäblich über Nacht einen Überblick verschaffen und einen Plan entwickeln, wie er das Problem bewältigen kann.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Doch nun will Weise die Berater sogar in die eigenen Reihen holen. Wie bekanntwurde, wirbt das Bamf bei den Branchenführern Deloitte, PWC, KPMG und EY um Personal. Vom Sommer an will es sich deren Mitarbeiter ausleihen. Hintergrund der Aktion ist, dass die Behörde ihr Personal auf rund 6300 Mitarbeiter fast verdoppeln will, um den Berg von Asylanträgen – alte und neue – bearbeiten zu können. Am Markt findet sich nicht genügend geeignetes Personal, obwohl Standards gesenkt wurden. Deshalb liegt Weise im Clinch mit dem Personalrat, der sich gegen 750 Turbo-Einstellungen wehrte. 70 Kandidaten mussten in der Probezeit nach Hause geschickt werden, weil sie sich als ungeeignet erwiesen. Also setzt Weise jetzt auf hochqualifizierte Zeitarbeiter aus den „Big Four“ der Beratungsbranche, um die Prozesse voranzutreiben. Denn die Zeit drängt.

          Scharfe Attacken mit spitzbübischen Lächeln

          „Wir haben einen Plan“ – mit diesen Worten hat Weise angekündigt, in diesem Jahr eine Million Asylanträge entscheiden zu lassen. An der Zahl will er sich messen lassen. Die Schließung der Balkan-Route hat den Flüchtlingsstrom nach Deutschland zuletzt deutlich abebben lassen und Weise eine Atempause verschafft. Aber er weiß, dass das Thema schnell wieder in den Mittelpunkt rücken kann, wenn im Frühjahr andere Wege etwa über Italien wieder beliebter werden. Bis dahin muss Weise die dringenden Fragen managen. Er sagt gerne „managen“. Der Begriff stammt schließlich aus der Gedankenwelt des Betriebswirts. Deshalb kann er auch mit dem Vorwurf aus dem politischen Berlin gut leben, er habe die „BWLisierung“ der Arbeitsmarktpolitik vorangetrieben.

          Auf seinem Reformweg durch den öffentlichen Dienst bedient sich Weise eines Tricks: Wenn er sich zwischen den Beamten bewegt, tut er so, als sei er einer von ihnen. Er sieht mit seinem akkuraten Äußeren auch aus, als sei er einer von ihnen. Aber er ist es nicht. Hinter der Fassade des biederen Behördenleiters, ein Wort, dass er äußerst ungern hört, verbirgt sich der Geist eines liberalen Marktwirtschaftlers mit konservativen Wertvorstellungen, der die öffentliche Hand nur dort zupacken lassen will, wo sie es seiner Meinung nach besser kann als ihr privates Gegenstück.

          Weise ist damit so etwas wie der Wolf im deutschen Beamtenpelz. Wenn die Lämmer das merken, ist es oft schon zu spät. Seine schärfsten Attacken auf seine Gegner reitet er dabei mit einem fast spitzbübischen Lächeln. Das wissen auch seine obersten Dienstherren in Arbeits- und Innenministerium nur zu gut.

          Keinen Einfluss auf den Staat

          Sein Ziel ist es, Entscheidungen stets auf der Basis solider Fakten zu treffen. Mit solchen Sachargumenten zieht der Oberst der Reserve in entscheidende Schlachten, egal wie der Gegner heißt. Gelernt hat er aber, wie er einmal sagte, dass am Ende nicht nur Sachargumente entscheidend sind, sondern auch politische. Dem kann er sich fügen. Unfaires Spiel erträgt er jedoch bis heute nur schwer. Als Weise vor einigen Jahren in der Arbeitsagentur übertarifliche Gehälter für gesuchte IT-Experten einführte, warf ihm der SPD-Haushälter Carsten Schneider Rechtsbruch vor und forderte seine Suspendierung. Die Vorwürfe verliefen im Sande, aber Weise dürfte diese Aktion nicht vergessen haben.

          An der Aufgabe als Deutschlands oberster Flüchtlingsmanager kann Weise scheitern. Dabei spielt weniger eine Rolle, dass er derzeit gleich auf mehreren Chefsesseln sitzt. Aus der Arbeitsagentur ist zu hören, dass der Vorstand momentan auch mit den verbliebenen zwei Mitgliedern gut funktioniere, weil Weises Anwesenheit zwangsläufig weniger geworden ist. Ohnehin wird Weise im Oktober 65 Jahre alt, 2017 läuft sein Vertrag aus. Eine Verlängerung, mit der er immer mal wieder kokettiert, scheint schon deshalb unwahrscheinlich, weil in die Spitze von Deutschlands größter Behörde endlich eine Frau einziehen soll. Und die Leitung der Hertie-Stiftung in Frankfurt, die sich Weise schon für die Zeit nach der Arbeitsagentur gesichert hat, kann er mit vertrauten Personen nebenbei leisten.

          Wenn Weise stürzt, dann am ehesten, weil er bei einer der komplexesten Aufgaben im föderalen Staat auf zu viele Faktoren keinen Einfluss hat. Eine Konstellation, wie er sie von der Arbeitsteilung mit den Kommunen in den Jobcentern kennt. Nur ist die Lage hier noch komplizierter: Bund, Länder, Kommunen, Polizei, Zoll, Ausländerbehörden, Bamf, Arbeitsagentur – alle müssen für ein effektives Management unter einen Hut gebracht werden. Sein Vorteil ist, dass seine Kritiker sagen müssen, wer es denn besser machen soll. Im Duktus der Kanzlerin scheint er derzeit deshalb „alternativlos“. Außerdem kann sich der kleingewachsene Mann von großer Statur in Mammutprojekte des öffentlichen Dienstes festbeißen, was er nicht nur mit der Arbeitsverwaltung, sondern auch bei der Bundeswehrreform bewiesen hat. Dass er dazu auch jenseits des offiziellen Rentenalters motiviert ist, dürfte außer Frage stehen. Mit Blick auf den drohenden Ruhestand soll er im engeren Umfeld einmal besorgt geäußert haben, ihm falle zu Hause die Decke auf den Kopf.

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