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Politologe Fukuyama erklärt : Darum könnte Trump wiedergewählt werden

Als zweite Ursache für den gewachsenen Populismus bezeichnete er Probleme und Ineffizienzen in den etablierten Demokratien. Häufig seien Prozesse zu langsam, brauche es zu viel Zeit für notwendige Reformen. Er nannte als Beispiel in Europa Italien und dort konkret das politische System und die Justiz. In den Vereinigten Staaten verwies er auf die ständigen gegenseitigen Blockaden der beiden Parteien im Kongress und die Tatsache, dass etwa seit vielen Jahren schon kein Bundeshaushalt mehr normal beschlossen worden sei. Das sei früher anders gewesen, da habe unter den Parteien auch Einigkeit darüber geherrscht, wie wichtig ein einigermaßen ausgeglichener Haushalte sind. „Deutschland ist da, wo die Vereinigten Staaten vor 50 Jahren waren - ihr macht das sehr gut.“ Aus solchen Blockaden heraus entsteht Fukuyama zufolge dann eben auch - wie derzeit - vielerorts die Nachfrage nach einer „starken Führungskraft“, die das durchbricht.

Dritte Ursache und wichtigste Ursache des gewachsenen Populismus ist nach Ansicht Fukuyamas dessen kulturelle Dimension. Das sei auch der wichtigste Punkt in Europa, es gehe um die Frage nach der eigenen Identität. Zwar gebe es Überschneidungen zu der ökonomischen Begründung. „Am gefährlichsten betroffen“ davon seien nämlich diejenigen, die Mittelklasse waren „und nun denken, sie verlieren ihren Status“. „Identitäre Politik läuft komplett über Anerkennung“, so Fukuyama. Die Eliten in Europa wie auch in Amerika haben seiner Analyse zufolge teils große Fehler gemacht, die das begünstigten. In Amerika nannte er den Irak-Krieg und die Finanzkrise, in Europa die Euro- und die Flüchtlingskrise. „Man kann nicht Schengen haben, wenn man die Außengrenzen nicht kontrolliert.“ Hinzu komme, dass insgesamt auch ohne Flüchtlingskrise die Migration auf der Welt zugenommen habe und die Nachfrage nach kultureller Identität steigern könne.

Und schließlich nannte Fukuyma auch Technologie als einen Treiber von Populismus. „Wir dachten, das Internet, Digitalisierung und soziale Medien ein gutes Instrument sind, um die Demokratie zu stärken.“ Tatsächlich hätten andere Länder wie China und Russland schneller festgestellt, welcher Einfluss darüber möglich sei. „Die nutzen das als Waffe.“ Hinzu käme das Aufkommen von Filterblasen, also Räumen, in denen sich Menschen alleine unter Gleichgesinnten aufhalten, und manche Nachricht oder Entwicklung schlicht nicht mitbekommen.

Schlussendlich machte Fukuyama auch den ökonomischen Erfolg gerade Chinas mitverantwortlich dafür, dass die liberale Demokratie im Weltmaßstab an Attraktivität verloren hat zuletzt. Ganz pessimistisch wollte er es dann aber doch nicht bewenden lassen, denn immerhin gelte auch: Seit dem Ende des Kalten Krieges hat es „eine unglaubliche Wohlstandsmehrung und Armutsverringerung“ rund um den Planeten gegeben. Und auch wenn Terrorismus ein wichtiges Thema sei, seien echte offene Kriege gegenwärtig durchaus weniger wahrscheinlich als damals.

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