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Kommentar : Der neue Öl-Überfluss

Teersand-Felder in Kanada: Wenn der Preis steigt wird wieder gebohrt. Bild: AFP

Das Fracking ist nicht nur eine Methode unter vielen. Es verändert die Logik des Öl-Geschäfts grundlegend.

          3 Min.

          In den Vereinigten Staaten laufen in diesen Tagen Werbespots in Radio und TV mit einer bemerkenswerten Botschaft. Amerika sei dank der hart arbeitenden Männer und Frauen in ein neues Zeitalter des Energieüberflusses eingetreten. Das Land sei die neue Energiesupermacht. Gewöhnlich muss man bei amerikanischen Selbstdarstellungen stets ein wenig diskontieren. Doch diesmal ist alles wahr. Das Land ist der größte Gasförderer der Welt und schickt sich zugleich an, mehr Rohöl aus dem Erdreich zu holen als alle anderen Länder dieser Welt. Die Preise stürzen seit gut einem halben Jahr.

          Diese Entwicklung hatte kaum einer vorhergesehen. Die Welt hatte sich gerade mit dem Gedanken angefreundet, fossile Brennstoffe hinter sich zu lassen, weil sie knapp zu werden schienen und sich zugleich schädlicher als gedacht für Klima und Umwelt herausstellten. Für den überraschenden neuen Überfluss gibt es eine schlichte Erklärung: Ein stark ausgeweitetes Angebot traf auf eine unerwartet niedrige Nachfrage.

          Gerade in den Industrieländern entkoppelt sich der Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum. Die Länder werden energieeffizienter. Aufsteigerland China bestellte zugleich weniger Rohöl als kalkuliert, weil die Wirtschaft dort deutlich langsamer wächst. Entscheidend aber war der Großverbraucher Amerika, der wacker den Pfad zur Selbstversorgung beschreitet. Damit fällt den Produzenten der Welt der beste Kunde weg.

          Große Investitionen zahlen sich jetzt aus

          Fracking lautet das Stichwort. Das ist eine alte Fördermethode, die seit knapp 50 Jahren praktiziert wird, übrigens auch in Deutschland. Amerikanische Ölmänner haben sie mit der Technik des horizontalen Bohrens verknüpft. Zugleich haben sich die Verfahren zur Auslotung der Vorkommen verbessert. Das ist die technische Erklärung für das Comeback des Öllandes Amerika.

          Wichtiger aber als die Technik ist das Kapital. Die jahrelang hohen Ölpreise haben die Ölkonzerne in die Lage versetzt, viel Geld in Technik und Exploration zu investieren. Die Produzenten haben unvorstellbar hohe Summen investiert. Diese Investitionen tragen Früchte.

          Das erklärt nicht nur den abermaligen Aufstieg des Ölproduzenten Amerika, sondern auch die Förderrekorde in Kanada und in verschiedenen Tiefwasser-Gebieten. Kapital und Technik erschließen neue Quellen und verlängern das Leben der alten Vorkommen. Hohe Ölpreise waren mithin nicht nur die Voraussetzung für einen gewaltigen Investitionsschub, sie brachten auch altbekannte Ölquellen über die Gewinnschwelle.

          Das gilt für die Teersandvorkommen in Kanada, verschiedene sibirische Projekte und natürlich für die amerikanischen Vorkommen. Allerdings stellt sich angesichts des aktuellen Preisverfalls jetzt die Frage, ob der Boom schon wieder vorbei sein könnte, bevor er so richtig angefangen hat. Haben sich Amerikas fleißige Fracker womöglich selbst ins Knie geschossen?

          Hinweise dafür gibt es. Überall beschneiden die Ölkonzerne ihre Investitionsbudgets. Erste Produzenten sind insolvent, die Zulieferer der Industrie feuern schon Tausende Beschäftigte. Die Branche steckt weniger Geld in die Ölproduktion von morgen und läutet damit einen neuen Zyklus ein, der in einigen Jahren zu neuen Knappheiten und Preisrekorden führen könnte.

          Allerdings verändert gerade das Fracking die alten Regeln des Ölgeschäfts. Um klassische konventionelle Vorkommen zu erschließen, haben die Produzenten viel Geld investiert in der Erwartung einer langen Ausbeutungsphase. Bis sich die Investitionen materialisierten, vergingen einige Jahre. Wenn die gesamte Branche gleichzeitig investiert hatte, kamen zur gleichen Zeit neue Vorkommen an die Pipeline, die die Preise sinken ließen. Das ist eine Erklärung für das Auf und Ab am Ölmarkt über lange Jahre hinweg.

          Sinkender Preis : Welche Folgen hat der Öl-Dumpingpreis?

          Mit dem Fracking wird das Geschäft kurzatmiger. Die neuen Ölförderer können viele schneller reagieren. Sie sind wegen der Besonderheit der Fördermethode ohnehin gewohnt, permanent neu zu bohren, um das Produktionsniveau zu halten. Das hat zwei wichtige Effekte: Der eine ist, dass die Fracker viel schneller effizient zu bohren lernen, weil sie dauernd bohren müssen. Deshalb gelingt es ihnen, die Produktionskosten pro Fass Rohöl (159 Liter) viel schneller zu senken als gedacht.

          Im Herbst noch hatten Fachleute behauptet, ein Ölpreis unter 70 Dollar je Fass würde die Fracker ruinieren. Dann hieß es, 60 Dollar seien tödlich. Neuerdings vernimmt man Stimmen, dass viele Fracker womöglich auch mit einem Ölpreis von 40 Dollar überleben könnten.

          Der zweite Effekt wiegt ebenso schwer: Einmal unterbrochene Produktionen können viel schneller reaktiviert werden als in der alten Ölwelt. Selbst wenn der Preis so tief sinken sollte, dass die Amerikaner die Produktion stoppen, um Verluste zu minimieren, sind sie sofort wieder da, wenn der Ölmarkt ihnen wieder höhere Preise verspricht. Fracking ist eben doch nicht nur eine Methode von vielen, um an begehrte Rohstoffe heranzukommen. Es verändert die alte Logik des Ölgeschäfts für immer.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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