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Forscher zu Virus-Ausbreitung : „Deutschland muss jetzt aggressive Maßnahmen ergreifen“

Berufsverkehr in Tokio Bild: dpa

Der Coronavirus zwingt uns, die Globalisierung zu überdenken, sagt Komplexitätsforscher Bar-Yam. China habe die Welt mit seinem Vorgehen vor Schlimmerem bewahrt.

          4 Min.

          Herr Yaneer Bar-Yam, wie gefährlich ist der Corona-Virus?

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Rund jeder fünfte Krankheitsfall ist ernst, jeder fünfzigste ist tödlich. Und die Krankheit breitet sich sehr schnell aus. Mitte Januar hatte China rund 20 Krankheitsfälle. Bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit hätte China fünf Wochen später rund 100 Millionen infizierte Personen gehabt, wenn das Land nicht so drastische Maßnahmen ergriffen hätte.

          Ist der Corona-Virus in den Folgen mit Sars oder Ebola vergleichbar?

          Jede diese Krankheiten hat ihre Eigenheiten, was die Übertragung, die Schwere der Krankheit und die Todesfälle angeht. Sie sind deshalb nicht gut zu vergleichen. Vergangene Erfahrungen sind kein Ratgeber bei extremen Ereignissen.

          In Deutschland wird die Krankheit noch nicht als besonders schwerwiegend wahrgenommen. Infizierte Personen hatten kaum Symptome gezeigt und langweilten sich in den Krankenhäusern.

          Deutschland hatte bisher nur verhältnismäßig wenige Fälle. Das sagt wenig aus über die Schwere der Krankheit, weil 80 Prozent der Fälle mild verlaufen. Es kann sein, dass bis zu hundert Fälle ohne schweren Verlauf auftreten, weshalb die Leute nicht alarmiert sind. Sie sind trotzdem ansteckend. Wenn diese Fälle verborgen bleiben, kann das sehr gefährlich sein. Deshalb muss Deutschland jetzt aggressive Maßnahmen ergreifen, um alle Fälle zu identifizieren.

          Von Manchem wird die Isolation von infizierten Personen als Überreaktion empfunden.

          Am Fall China sehen wir, wie notwendig die Isolations- und Quarantäne-Maßnahmen und die Beschränkung der Mobilität sind. Wir müssen uns die Schwere der Krankheit vor Augen führen. Wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der jeder infiziert ist, 20 Prozent an schweren Lungenentzündungen erkranken und zwei Prozent sterben, verändert das alles. Eine solche Welt, in der Familienmitglieder, Freunde oder Mitarbeiter sterben, kann man sich kaum ausmalen. Harte Maßnahmen sind keine Überreaktion, sondern nötig.

          Manche Leute weisen darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit, durch Autounfälle oder an Herzinfarkten zu sterben, auch ziemlich hoch ist.

          Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen solchen gewöhnlichen Gefahren und multiplikativen Prozessen wie Pandemien, die in einem Desaster münden. Wenn wir solche multiplikativen Prozesse nicht früh stoppen, kosten sie viel mehr Menschenleben.

          Steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Infektionskrankheiten weltweit ausbreiten?

          Das ist keine Frage der Wahrscheinlichkeit, sondern der Entschlossenheit, sie zu bekämpfen. Es ist unter Epidemie-Experten die Vorstellung verbreitet, dass Pandemien kaum zu stoppen sind. Doch China hat es geschafft, Kontrolle über den Ausbruch zu bekommen. Die Zahl der neuen Fälle ist dramatisch zurückgegangen. Leider kam das in China verhängte Reiseverbot eine Woche zu spät. Deswegen haben Reisende nun in Südkorea, Italien und Iran Ausbrüche verursacht. Diese und womöglich andere Länder müssen jetzt drastische Maßnahmen ergreifen.

          Ist es glaubwürdig, dass noch kein Fall in Afrika registriert wurde außer in Ägypten? In Afrika wimmelt es von Chinesen.

          Das ist keine Frage des Glaubens. Wir müssen das einfach herausfinden. Gewiss gibt es ein sehr reales Risiko verborgener Ausbrüche in Afrika, aber auch in Indien oder Indonesien. Man sollte aber auch berücksichtigen, dass überall auf der Welt Menschen in Alarmstimmung sind bei Fällen von Lungenkrankheiten. Lasst uns hoffen, dass schnell die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.

          Stellen Pandemien die Globalisierung in Frage?

          Dieser Ausbruch zeigt uns, wie stark wir global miteinander verbunden sind. Das Verhalten von Irgendjemandem irgendwo kann Auswirkungen auf jeden überall haben. Wir müssen nicht mehr nur mit lokalen Herausforderungen umgehen, sondern mit globalen.

          Müsste man die globale Mobilität beschränken?

          Wir belegen in einer Studie, dass der globale Transport die Gefahren von Pandemien deutlich erhöht. Tödliche Erreger treten häufiger auf und können sich weiter ausbreiten.

          Warum?

          Wenn die Verkehre lokal beschränkt sind, sterben tödliche Erreger, wenn sie keinen gesunden Wirt mehr finden. Sie sterben mit der infizierten lokalen Bevölkerung. Das beschränkt ihre Ausbreitung. Krankheitserreger, die unter Menschen verbreitet sind, sind in der Regel nicht tödlich. Gefährlicher sind dagegen Infektionskrankheiten wie Ebola, die von Tieren auf die Menschen übergreifen. Wenn diese nicht lokal begrenzt werden, können sie sich schnell ausbreiten mit tödlichen Folgen.

          Welche Konsequenzen sind zu ziehen?

          Wir sollten ernsthaft über die Risiken nachdenken, die mit globalem Transport verbunden sind. Ist es wirklich nötig, dass wir von überall nach überall hinfliegen? Die ernsthaft zu analysierende Frage lautet: Mit wie viel Globalisierung können wir überleben.

          Das klingt schon etwas erschütternd.

          Entscheidend ist, wie auf Krankheitsausbrüche reagiert wird. Mit der Ausbreitung der Krankheitserreger breitet sich dank der globalen Vernetzung auch das Wissen schneller aus, wie Krankheiten bekämpft werden. Das erhöht die Überlebenschancen der Menschheit. Wir lernen aktuell, dass Chinas aggressive Maßnahmen fruchten. Trotzdem muss ich sagen, dass wir Pandemie-Risiken nicht ernst genug nehmen. Eine systematische Evaluierung über mögliche Gegenmaßnahmen fehlt ebenso wie eine Analyse der globalen Transports.

          Verdienen Chinas Maßnahmen Lob?

          Kein Zweifel. Es beginnt damit, dass sie den internationale Flüge und Fahrten unterbunden haben. Damit haben sie die Welt vor schlimmerem bewahrt. Die Regierung hat es geschafft, die Krankheit binnen einen Monats im eigenen Land unter Kontrolle zu bringen Das ist ein dramatischer Erfolg. Allerdings hat das Land zunächst die Schwere der Krankheit nicht erkannt und Nachrichten unterdrückt.

          Ist Chinas Erfolg der Tatsache zu verdanken, dass es von einem autoritären Regime regiert wird.

          Ich weiß nicht, ob das Schlüssel zum Erfolg ist. Wenn kompetente Persönlichkeiten in verantwortungsvollen Positionen sich klar machen, dass schweres Leiden nicht hingenommen werden kann, können Ausbrüche gestoppt werden. In der Epidemiologie herrscht ein gewisser Fatalismus, der die Möglichkeit, dass man etwas tun kann, unterschätzt.

          Sie haben einen Tweet verbreitet, demzufolge die Weltgesundheitsorganisation Probleme mit der Multiplikation hat. Warum?

          Multiplikative Prozesse stellen offenbar eine Herausforderung dar. Besorgter bin ich aber über die Zurückhaltung und Zögerlichkeit der Weltgesundheitsorganisation. Ihre Politik ist seit Jahren, dass die Begrenzung von Reisen einen zu große ökonomische Folgen habe.

          Ganz praktisch gefragt: Würden Sie in diesen Wochen internationale Konferenzen besuchen?

          Das hängt davon ab, wo sie stattfinden. Im Iran nicht, Südkorea hat einige Regionen abgesperrt. Bei Italien bin ich mir nicht so sicher. Ich bin fest davon überzeugt, dass in den nächsten Tagen internationale Reisen beschränkt werden angesichts der schnellen Ausbreitung des Virus’. Grundsätzlich gilt, dass internationale Konferenzen Veranstaltungen sind, wo Übertragungen gut möglich sind. Das sollte man sich immer klar machen. Konferenzen in London oder Mexiko-City würde ich wohl besuchen. Aber die Nachrichtenlagen ändert sich stündlich.

          Würden Sie einen Fahrstuhl betreten mit vielen Chinesen?

          Außerhalb von China ja. Die wenigen ausgereisten Chinesen sind eine geringe Gefahr, sie dürften nicht infiziert sein.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat am Montag getwittert, Amerika habe die Krankheit unter Kontrolle.

          Das möchte ich nicht kommentieren außer mit dem Hinweis, dass wir den Virus global unter Kontrolle bekommen müssen. Amerika für sich ist irrelevant. Wenn wir den Virus nicht global unter Kontrolle bekommen, kommt er nach Amerika zurück.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es: „Mitte Januar hatte China rund 20.000 Krankheitsfälle“. Korrekt ist: „Mitte Januar hatte China rund 20 Krankheitsfälle“. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

          Zur Person

          Der am Massachusetts Institute of Technology ausgebildete Physiker Yaneer Bar-Yam ist Gründer und Chef des Neu-England Instituts für komplexe Systeme.

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