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Pfiffiges aus Schwaben : Schilfgras statt Rohöl

Die Wunderpflanze: Wissenschaftler Kiesel mit dem Schilfgras Miscanthus Bild: Susanne Preuß

Für Treibstoff ohne Erdöl und crashsichere Kunststoffe könnte es einen großen Markt geben. Forscher und Unternehmen machen Tempo, um aus Wunderpflanzen das Beste herauszuholen.

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          Unabhängiger werden vom Rohöl der Scheichs und mit dem alternativen Rohstoff umweltfreundliche Produkte herstellen: Das ist nicht nur der Traum irgendwelcher Öko-Idealisten, sondern auch das Ziel des von der EU finanzierten Forschungsprojekts mit dem Namen „Grace“. 15 Millionen Euro stehen bereit, damit das Wunder Wirklichkeit wird. Nutzpflanzen sollen dafür sorgen, darunter Hanf und vor allem Miscanthus.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Für eine Wunderpflanze wirkt der Miscanthus sehr unspektakulär: ein Schilfgras, wie man es auch als Zierpflanze kennt. Über den Winter stirbt es langsam ab, im Frühjahr treibt es neu – und so ist das natürlich nicht nur in den Vorgärten der Deutschen, sondern immer und überall. Zum Beispiel vor den Toren von Stuttgart. „Diese Plantage existiert jetzt seit 30 Jahren“, sagt Andreas Kiesel, der sich damit für seine Promotion an der Universität Hohenheim befasst.

          Wunderpflanze aus China

          Der Agrarwissenschaftler ist 31 Jahre alt, kaum älter als dieses Feld der Universität. Aber jetzt laufen bei ihm die Fäden für das Grace-Projekt zusammen, in dem 22 Partner aus Wissenschaft, Landwirtschaft und Industrie ihre Aktivitäten zu den Nutzpflanzen Miscanthus und Hanf bündeln und vorantreiben.

          Das Interesse sei überraschend groß gewesen, berichtet er. Die ursprünglich aus China stammende, anspruchslose Pflanze trifft den Nerv in vielen Branchen, weil sich aus ihr eine Fülle an Produkten herstellen lässt. Bioethanol natürlich, wie man es aus vielen Pflanzen herstellen kann. Aber auch zum Beispiel Chemikalien, die als Ausgangsstoff für Kunststoffprodukte dienen, seien es Damenstrümpfe oder Sprudelflaschen. Oder Wirkstoffe, die als Herbizid eingesetzt werden können, zum Beispiel als Alternative zum viel kritisierten Glyphosat. Oder leichte, dämmende Baumaterialien. Oder Verbundwerkstoffe, aus denen man Autoteile herstellen kann. „Naturfaserverstärkte Kunststoffe haben ein besseres Crashverhalten, weil sie nicht so scharfkantig brechen“, erläutert Kiesel die Interessenlage der Autoindustrie.

          Landwirten fehlt es an Motivation

          Fragt sich also, warum das robuste Schilfgras nicht längst massenhaft verbreitet ist. Es sei, wie so oft, das Henne-Ei-Thema, erklärt der junge Bioökonom. Die Landwirte sind bisher nicht sehr motiviert, Miscanthus anzubauen, weil sie nicht wissen, wie sie daraus Geld machen können. Die Industrie wiederum bekommt nicht genug Rohstoff, dass es sich lohnen würde, Produkte daraus zu entwickeln. Aktuell, so berichtet Kiesel, sind von 12 Millionen Hektar Ackerland in Deutschland nur 5000 Hektar mit Miscanthus bepflanzt.

          Dabei ist die Idee nicht neu, mehr aus dem Schilfgras zu machen. Schon der Öko-Veteran Franz Alt habe das propagiert, berichtet Kiesel – aber damals sei der Pflanzenanbau noch nicht so erforscht gewesen. „Das ist eine logistische und technische Herausforderung“, erklärt er. Einmal Samen ausbringen und dann warten: So funktioniert die Sache mit Miscanthus nämlich nicht. Die Pflanze bildet nämlich Rhizome, also einen Wurzelstock, über den die Vermehrung möglich ist, aber das ist eben auch aufwendig. Die Rhizome dürfen nicht austrocknen, und wenn sie eingepflanzt sind, muss man sie vor Unkraut schützen. Aber Andreas Kiesel gibt sich zuversichtlich: „Wir wissen, wie es geht“, sagt er selbstbewusst. Und dank dem „Grace“-Projekt kann alles viel einfacher werden. Jetzt forschen Wissenschaftler an den Universitäten Wageningen in den Niederlanden und Aberystwyth in Großbritannien gemeinsam mit Mitarbeitern des Saatgutproduzenten Semo in den Niederlanden und dem Miscanthusproduzenten Terravesta in Großbritannien an neuen Sorten, die sich über Saatgut vermehren lassen, was den Start schon einmal viel einfacher machen würde.

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