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Folgen des Tsunamis : Neuanfang mit Hindernissen

Spuren der Verwüstung: Auch zwei Jahre nach dem Tsunami leidet Kesenuma noch unter den Folgen der Katastrophe. Bild: AP/dpa

Vor zwei Jahren hat der Tsunami die japanische Hafenstadt Kesenuma weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau verläuft schleppender als erwartet, weil die Bürokratie in Tokio und die Angst vor radioaktiver Belastung der Fische ihn bremsen. Eine Reportage.

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          Seit kurzem hat Shigeru Sugawara, der Bürgermeister von Kesenuma, eine neue Visitenkarte. „Umi to ikiru“ steht in großen Lettern darauf, „mit dem Meer leben“. Rund 80 Prozent der damals knapp 70.000 Einwohner lebten hier vom Fischfang, der fischverarbeitenden Industrie oder vom Tourismus, bis vor zwei Jahren der verheerende Tsunami die Stadt verwüstete. Sugawaras Stadtverwaltung hat die Spur der Verwüstung damals genau dokumentiert: Genau 17 Minuten nach dem Seebeben erreichten die Flutwellen die Wohngebiete am Eingang der Bucht von Kesenuma, 23 Minuten waren vergangen, als der Tsunami mehr als 20 große Öltanks im Industriegebiet zerstörte. Nach genau 28 Minuten rissen die Fluten die Wände des Fischmarkts in der Nähe des Stadtzentrums ein. „Es waren Bilder der Apokalypse“, erinnert sich Fischer Sanno, der sich damals auf das Dach des Fischmarkts flüchtete. „Die See stand in Flammen“, sagt er. Das Öl hatte sich entzündet. „Ich habe mir damals nicht vorstellen können, dass diese Stadt eine Zukunft haben wird.“ Fast zehn Quadratkilometer der bebauten Fläche, 20,5 Prozent der Stadt, begrub der Tsunami damals unter sich.

          Mit ihren roten Laternen ein Lichtpunkt in der Ödnis: Restaurants in Übergangsbaracken in der Nähe des Hafens von Kesenuma
          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Kesenuma war einer der fünf größeren Häfen an der Küste Tohokus. „Wenn die Stadt überleben will, müssen wir unsere Zukunft um die Fischindustrie herum aufbauen“, sagt Bürgermeister Sugawara. Wichtigste Aufgabe ist es also, den Fischmarkt wiederaufzubauen. Die alte Auktionshalle ist bereits wiederhergerichtet worden. Morgens versteigern die Fischer hier ihren Bonito - eine Thunfischart -, Schwertfische, auch Haie. Für frischen Bonito ist Kesenuma schon wieder der wichtigste Hafen in Japan. In der Fangsaison landen hier täglich mehr als 30 große Schiffe ihren Fang an. Ein neuer, 400 Meter langer Pier ist in Arbeit, 2014 soll er fertig sein. „Es wird“, sagt Sanno, der seit 37 Jahren für die Fischereigenossenschaft in Kesenuma arbeitet. Dann seufzt er. „Wir haben hier nach dem Tsunami buchstäblich bei null angefangen“, berichtet Sanno. Die Fischhändler seien schon wenige Tage nach der Katastrophe wieder in der Stadt gewesen und hätten die Lage begutachtet. Viele seien abgewandert. Vor allem die Häfen der nördlichen Insel Hokkaido hätten den Häfen von Tohoku Marktanteile abgenommen.

          Den Wiederaufbau vorantreiben

          In Kesenuma sind in diesem Wirtschaftsjahr, das am 31. März endet, bislang 57 Prozent der Menge an Fischen angelandet worden wie vor der Zerstörung durch den Tsunami. Das entspricht 57.000 Tonnen Fisch. Weil die Preise gestiegen sind, liegt der Umsatz schon wieder bei 65 Prozent. Für ganz Tohoku liegen die Zahlen etwas höher: Die Fänge liegen bei 69 Prozent des Vor-Tsunami-Niveaus, der Umsatz schon bei 80 Prozent. Bürgermeister Sugawara ist hin und her gerissen, wenn er solche Zahlen hört. „Der Wiederaufbau geht nicht so schnell, wie ich es erwartet hatte“, sagt er. Aber viele Probleme habe er in den ersten Wochen nach dem Desaster nicht einmal ahnen können. So hat das Beben die gesamte Stadt um vier bis fünf Meter in Richtung des Epizentrums verschoben - und um einen Meter gesenkt. „Schon bei normaler Flut schwappte jetzt das Wasser in die Hallen“, erinnert sich Sanno. Der gesamte Fischmarkt musste um einen Meter aufgeschüttet werden. „Das hat uns Zeit gekostet“, sagt er.

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