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Folgen des Tsunamis : Neuanfang mit Hindernissen

In einer provisorischen Halle haben Fischer wieder ihre Arbeit aufgenommen.
In einer provisorischen Halle haben Fischer wieder ihre Arbeit aufgenommen. : Bild: F.A.Z.

Vor allem die Hochseefischerei hat sich schnell erholt. „Ich werde nie den Tag vergessen, als hier im Juni der erste Bonito wieder angelandet worden ist“, erzählt der Fischer. Er habe damals geweint vor Glück. Schon wenige Tage nach dem Tsunami haben sich die Fischer im Fischmarkt versammelt, um über die Zukunft zu beraten. Ryosuke Sato, der Präsident der Genossenschaft, hielt damals eine flammende Rede und kündigte an, von Juni an werde der Markt wieder arbeiten. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich das damals selbst nicht geglaubt“, sagt er heute. Sato ist in Kesenuma einer der Männer, die den Wiederaufbau unerbittlich vorantreiben. „Brauchen wir einen neuen Schutzwall? Wenn ja, wie soll er aussehen? Über alles das wird immer noch diskutiert“, berichtet er, und sein Gesichtsausdruck verrät, wie sehr ihn die fehlende Flexibilität der Ministerialbürokratie aufregt, die selbst in Detailfragen im fernen Tokio das letzte Wort behalten will. Obwohl er nach außen Optimismus zeigt, macht sich Sato Sorgen über die Zukunft seiner Heimatstadt. „Wenn das noch drei Jahre in diesem Tempo weitergeht, dann könnte Kesenuma untergehen“, sagt er.

Boote wurden weggeschwemmt

Dabei gibt es durchaus Erfolgsmeldungen. Wer heute nach Kesenuma kommt, der sieht zwar überall noch die Spuren der Verwüstung. Doch der Schutt ist weggeräumt, das Straßennetz wiederaufgebaut. Und mit 14867 Tonnen Bonito war Kesenuma bei diesem Fisch im vergangenen Jahr schon wieder auf Platz eins in Japan. Die Hochseefischer liefern wieder, sie haben kaum Boote durch den Tsunami verloren. Anders sieht es bei den vielen kleinen Fischern aus. Sie haben alles verloren. Von 3566 Booten, die vor dem Tsunami in Kesenuma gemeldet waren, hat der Tsunami 3000 fortgespült. Viele der Fischer seien älter als 70 Jahre. „Die fangen nicht noch mal von vorne an“, sagt Sato.

2014 soll ein neues großes Pier fertig gebaut sein
2014 soll ein neues großes Pier fertig gebaut sein : Bild: F.A.Z.

Und die Kinder wollen den harten Beruf nicht übernehmen. Überalterung, zu viele kleine, nicht wettbewerbsfähige Betriebe, Abwanderung der gut ausgebildeten jungen Menschen, eine stagnierende Wirtschaft - der Tsunami hat alles das, worunter Tohoku ohnehin litt, zu einem noch größeren Problem werden lassen. 200 Händler gehören der Genossenschaft in Kesenuma an. Die 20 größten machen 80 Prozent des Umsatzes auf dem Fischmarkt aus. Sie meinen, dass Kesenuma die kleinen Fischer und die kleinen Händler in der Zukunft nicht mehr benötige. Sato widerspricht. „Ich glaube, dass wir beide brauchen“, nur dann könne Kesenuma als Standort attraktiv bleiben.

Der Wiederaufbau verzögert sich

Doch auch hier verzögert der japanische Verwaltungsaufbau, der viel zu viele Entscheidungen nach Tokio gezogen hat, einen schnelleren Wiederaufbau. Für eine Katastrophe wie die vom 11. März 2011 seien diese Strukturen nicht geeignet, klagt Bürgermeister Sugawara. Das fing schon bei den Kosten an. Die Gesetze sahen vor, dass nach Naturkatastrophen zwei Drittel des Wiederaufbaus von der Zentralregierung, ein Drittel von der Kommune getragen wird. „Aber bei einer Katastrophe wie dieser?“, fragt Sugawara. Länger als ein halbes Jahr hat es gedauert, bis er Tokio überzeugt habe, beim Wiederaufbau des Fischmarkts mehr Kosten zu übernehmen. Wie stark das auch das Geschäftsleben der Stadt beeinträchtigt, davon weiß Uji Onodera stundenlang zu erzählen. Er leitet das „Kezenuma-Yokocho“, ein kleines Viertel, in denen Restaurants in Übergangsbaracken untergebracht sind. Abends sind sie mit ihren roten Laternen ein Lichtpunkt in der Ödnis, die rings um den Hafen in der Innenstadt herrscht. Weil der Tsunami alle Restaurants und Kneipen nahe dem Hafen zerstört hat, haben 20 Geschäftsleute hier einen kleinen Neuanfang versucht.

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