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Folgen der Pandemie : Das überschätzte Homeoffice

In der Pandemie ein neuer Standard: Arbeiten von Zuhause aus Bild: dpa

Zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ist die Arbeit am Schreibtisch zu Hause ein wichtiger Baustein. Langfristig hat sie aber auch gravierende Nachteile.

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          Für viele Berufstätige mag es ein Segen sein, ihre Arbeit vom heimischen Schreibtisch aus zu verrichten, während im Land die Pandemie wütet. Keine vollen Büros, keine überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel, keine Warteschlangen in Kantinen und Restaurants.

          Auch Arbeitgeber profitieren davon, dass weite Teile der Belegeschaft seit nun bald einem Jahr ihre Arbeit aus dem Homeoffice erledigen. Das dämmt die Ansteckungsgefahr am Arbeitsplatz erheblich. Die großen Infektionsherde lodern nach wie vor im privaten Umfeld, nicht in der Arbeitswelt.

          Zugleich hat die lange Zeit schleppende Digitalisierung einen gewaltigen Schub erfahren, als sich Millionen Erwerbstätige im Frühjahr plötzlich vom eigenen Schreibtisch aus in den Arbeitsprozess eingeklinkt haben. In kürzester Zeit hat sich ein Volk von Autodidakten die Fähigkeiten der Zusammenarbeit über Softwareprogramme wie Skype, Teams oder Slack angeeignet – aus der simplen Erkenntnis heraus, dass es anders nicht funktionieren würde.

          Gewaltige Sparpotentiale

          Mit der Verlängerung des neuerlichen Lockdowns werden nun etwa von den Grünen abermals Forderungen nach einem Rechtsanspruch auf Homeoffice laut. Die Union hat solchen Bestrebungen des sozialdemokratischen Arbeitsministers Hubertus Heil aber zu Recht einen Riegel vorgeschoben.

          Der Staat muss nicht regeln, was vielerorts schon im Gange ist, weil es schlichtweg im tiefen Interesse der Unternehmen ist. Längst brüten in den Managementetagen die Entscheider über der Frage, wie viele Mitarbeiter nach dem sich allmählich abzeichnenden Ende der Pandemie überhaupt dauerhaft an ihren festen Arbeitsplatz zurückkehren sollen.

          Der Umstand, dass im Frühjahr trotz vielerorts leerer Flure der Betrieb weiter gut lief, ließ Phantasien erblühen. Was wäre, wenn der Großteil der Belegschaft dauerhaft in den eigenen vier Wänden ihr Werk verrichten würde? Schnell lassen sich gewaltige Sparpotentiale addieren. Der französische Autokonzern PSA verkündete damals, seine Angestellten nur noch höchstens eineinhalb Tage in der Woche in der Verwaltung haben zu wollen. Beobachter sahen den Büromarkt in die Knie gehen.

          Adidas-Chef Kasper Rorsted will lieber im Team spielen
          Adidas-Chef Kasper Rorsted will lieber im Team spielen : Bild: dpa

          Nach der anfänglichen Begeisterung über die Entkopplung von Arbeitsleistung und Arbeitsort macht sich mit zunehmender Dauer des Lockdowns aber auch Ernüchterung breit. Denn neben dem unbestreitbaren Nutzen offenbaren sich erhebliche Kosten, wenn weite Teile der Belegschaft nicht mehr physisch präsent sind, sondern auf Distanz geführt werden müssen.

          Kasper Rorsted ist einer der prominentesten Kritiker der vermeintlich schönen neuen Arbeitswelt. Für den Adidas-Chef geht bei dauerhafter Heimarbeit das soziale und kreative Element verloren. Vielleicht hat der Manager auch ein bisschen Angst um seine teuren und kreativ eingerichteten Büros, die künftig leer stehen könnten. Aber man muss kein Arbeitspsychologe sein, um die Gefahren zu erkennen: Arbeiten Kollegen nur noch aus der Ferne zusammen, geht womöglich Zusammengehörigkeit verloren.

          Belegschaften brauchen verbindende Elemente, um sich als Einheit zu definieren. Vor der Pandemie redeten Manager pausenlos vom „Purpose“ eines Unternehmens, also seinem übergeordneten Sinn. Wie soll der entstehen, wenn sich die Angestellten nur noch auf Chat-Plattformen begegnen? Gemeinsame Mittagspausen vor dem Videoschirm waren als Ad-hoc-Maßnahme im Frühjahr innovativ, auf Dauer sind sie frustrierend.

          Mischmodelle statt Leitmotiv

          Die Produktivität im Homeoffice zu messen scheint ohnehin kaum möglich. Mehr denn je verschwimmen hier die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Und je länger das Arbeiten auf Distanz und in der Isolation Bestand hat, desto größer die Gefahr, dass Arbeitnehmer abtauchen und davon sogar ernsthaft krank werden.

          Ihren Fürsorgepflichten nachzukommen fällt Arbeitgebern hier zunehmend schwer. Nicht nur die amerikanische Großbank JP Morgan hat im Sommer aus diesen Gründen ihr Homeoffice-Experiment beendet und die Mitarbeiter zurück ins Büro beordert.

          Wenn die Corona-Krise überwunden sein wird, werden all diese Erfahrungen in neue Organisationsformen einfließen. Viele Unternehmen werden ihren Belegschaften hybride Modelle anbieten, in denen geeignete Tätigkeiten vor allem in Randzeiten zu Hause erledigt werden können.

          Als dominierendes Leitmotiv für die neue Arbeitswelt taugt das Homeoffice jedoch nicht. Kreativität, Produktivität und Interaktion brauchen ein Mindestmaß an sozialem Miteinander. Viele Menschen werden gerade in diesen schwierigen Tagen den Moment herbeisehnen, wenn sie mal wieder ins Büro gehen dürfen.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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