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Folgen der Corona-Krise : Wirtschaftsexperten warnen vor Insolvenzwelle

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Ein Schild mit der Aufschrift „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“ hängt im Schaufenster eines Geschäfts in der Münchner Innenstadt. Bild: dpa

Ende 2021 könnte die Wirtschaft nach Meinung von Experten wieder Vor-Corona-Niveau erreichen. Die Ökonomen warnen jedoch vor Unternehmenspleiten und dem Wegfall von Hunderttausenden Arbeitsplätzen.

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          Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, erwartet in Folge der Corona-Krise eine Zunahme der Unternehmenspleiten. „Die zweite Welle wird härter"“ sagte Fratzscher der „Augsburger Allgemeinen“ (Samstagausgabe). „Je länger es dauert, desto mehr Unternehmen kommen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, desto mehr werden pleitegehen.“ Die Frage sei nicht, „ob eine Welle an Unternehmensinsolvenzen kommen wird, sondern wann.“

          Nach Einschätzung des DIW-Präsidenten droht eine Welle von Unternehmenspleiten, gekoppelt mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Dennoch sei es richtig, den Lockdown zu verlängern. Auch für die Wirtschaft müsse es oberste Priorität haben, dass die zweite Infektionswelle möglichst schnell begrenzt werde: „Wirtschaftliche Lockerungen jetzt mögen kurzfristig manchen nutzen, langfristig würden sie jedoch allen schaden.“

          Der DIW-Chef warf der Politik Versäumnisse beim Krisenmanagement vor: Deutschland habe sich nicht ausreichend auf die zweite Corona-Welle vorbereitet. So sei beispielsweise bei Schulen das digitale Angebot nicht ausreichend erweitert worden. Zudem habe die Politik zu spät auf die zweite Welle reagiert: „Wenn Bundes- und Landesregierungen auf die zweite Welle frühzeitig Mitte Oktober reagiert hätten, hätte man sicherlich Menschenleben retten und Schaden von der Wirtschaft fernhalten können“, sagte Fratzscher.

          Größte Veränderungen im Einzelhandel, Luftfahrt- und Tourismusbranche

          Nach Ansicht des Ökonomen Gabriel Felbermayr werden in Deutschland rund 600.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Am härtesten treffe es Bereiche, die bereits vorher einem strukturellen Wandel unterlagen wie die Luftfahrt- und die Tourismusbranche, sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft der Deutschen Presse-Agentur. „Die Luftfahrt müsste in einer dekarbonisierten Welt ohnehin schrumpfen. Da wird durch Corona vieles vorweggenommen und das nachhaltig.“

          Bleibende Folgen sieht der Ökonom im für Schleswig-Holstein und andere Küstenländer wichtigen Tourismus. „Dort wird auch nicht alles wieder gut“, sagte Felbermayr. „Im privaten Tourismus wird der Rückprall zwar sehr deutlich ausfallen: Die Menschen wollen an die Küsten und in die Berge.“ Im Geschäftstourismus gebe es aber einen deutlichen Strukturwandel. „Es wird weniger geflogen und weniger Kongress-Tourismus stattfinden.“ Das treffe vor allem Stadthotels. Stattdessen werde die Online-Kommunikation wichtiger.

          „Nachhaltig wird die Pandemie den Einzelhandel verändern“, sagte Felbermayr. Im Zuge der Digitalisierung kauften einige Bevölkerungsschichten erstmals im Internet ein. Die sähen gerade, dass Zahlungen mit Kreditkarte nicht zwangsläufig in einem Betrug endeten und Waren unbeschädigt einträfen. „Manche dieser Vorbehalte werden wahrscheinlich verschwinden. Für den Einzelhandel in den Innenstädten und in Einkaufszentren ist die Krise deshalb auch dann nicht vorbei, wenn das Infektionsgeschehen eigentlich die Rückkehr in die Innenstädte erlaubt.“

          Mit Blick auf die von der Politik angekündigten Hilfen sagte Felbermayr, den Umsatzausfall zu ersetzen, sei vielleicht für die Gastronomie geeignet. „Aber wenn Sie im Handel Umsatz ersetzen, dann entsteht die Gefahr einer massiven Überkompensation. Denn der Einzelhandel wird ja Waren, die er im Lockdown nicht verkaufen kann, gar nicht erst einkaufen.“ Für diese Unternehmen seien die Hilfen zu großzügig, jedenfalls langfristig. „Wenn der Staat Unternehmen hilft, dann möglichst gerecht.“ Das Kieler Institut rechnet dieses Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 3,1 Prozent. „Sofern die Pandemie im Sommer abebbt, wird die Wirtschaft das Vorkrisenniveau im vierten Quartal des kommenden Jahres erreichen“, sagte Felbermayr. Die Normalisierung des Beschäftigungsniveaus sei aber erst etwas später zu erwarten.

          Handelsverband warnt vor Ladenschließungen

          Der Handel fühlt  dennoch in der Krise alleingelassen. „Die Lage ist wirklich sehr ernst“, erklärte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) der Deutschen Presse-Agentur. „Ich fürchte, dass die Läden am 10. Januar noch nicht wieder öffnen dürfen. Denn das Ziel, die Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit auf unter 50 zu senken, wird bis dahin wohl nicht zu erreichen sein“, so Gentz. „Bundesfinanzminister Olaf Scholz kündigt zwar immer Milliardenhilfen an, tatsächlich kommen die Hilfen aber nicht zur Auszahlung, weil die Zugangshürden viel zu hoch sind.“ Dadurch habe der Einzelhandel keinen ausreichenden Zugang zu Staatshilfen.

          In den nächsten Monaten drohe eine Insolvenzwelle im Einzelhandel, warnte der HDE-Chef. Viele Handelsunternehmen, die von dem zweimaligen Lockdown betroffen seien, hätten ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigten jetzt wirtschaftliche Unterstützung. Andernfalls drohe das Aus „für bis zu 50.000 Geschäfte“. Vorrangiges Ziel müsse es sein, die Geschäfte wieder zu öffnen, sobald dies aus Sicht der Virologen wieder möglich sei und sie dann auch geöffnet zu halten.

          „Wir können uns nicht von einem Lockdown zum nächsten entlanghangeln. Das werden viele Tausende Handelsunternehmen, insbesondere Modehäuser, nicht überstehen“, so Genth. Dass geöffnete Ladentüren und Pandemiebekämpfung kein Widerspruch seien, habe der Einzelhandel in den vergangenen Monaten bewiesen. Einkaufen sei kein Hotspot. Die Erkrankungszahlen bei den Mitarbeitern im Handel bewegten sich auf unauffälligem Niveau.

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