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F.A.S. exklusiv : Die Bahnen verschmähen die Klima-Millionen

Ein ICE der Deutschen Bahn fährt über eine Bahntrasse bei Immensen in der Region Hannover (Niedersachsen). Bild: dpa

Seit 2018 werden Bahngesellschaften vom Bund gefördert, wenn sie Strom einsparen. Doch nur ein Unternehmen wollte das Geld haben.

          Wenn es ums Klima geht, ist der Staat derzeit spendabel. Überall tauchen Fördertöpfe zur Unterstützung ökologischer Projekte auf, auch für die Eisenbahnen gibt es einen. 100 Millionen Euro stehen seit August 2018 jedes Jahr bis 2023 zur Belohnung von Energieeinsparmaßnahmen bereit. Für 2018 fällt die Bilanz aber ernüchternd aus: Nur eine einzige Bahngesellschaft hat überhaupt einen Antrag eingereicht. Mindestens die Hälfte des bereitstehenden Geldes wird gar nicht abgerufen werden.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis zum 30. Juni dieses Jahres konnten die Bahnen Förderanträge für 2018 abgeben. Bis zu 50 Prozent der Kosten von stromsparenden Maßnahmen werden dann erstattet. Dazu gehören etwa neue Loks, Schulungen der Lokführer und der Einbau von Fahrassistenzsystemen, die energiesparendes Fahren fördern. Bedingung für die Förderung ist, dass die Bahnunternehmen im Vorjahr mindestens 1,75 Prozent Energie eingespart haben. Das klingt machbar. Allerdings sind die meisten Lokomotiven schon jetzt sehr effizient, neue Modelle erhöhen den Wirkungsgrad nur minimal.

          Es spart aber auch Energie, wenn die Züge besser ausgelastet sind, also mehr Personen oder Güter transportieren. Denn gemessen wird der Stromverbrauch im Güterverkehr pro Tonne je gefahrenem Kilometer, bei Personenzügen in Personen je Fahrkilometer. Es spart auch Energie, eine Strecke zu wählen, die weniger stark befahren ist. Denn muss ein Zug wegen Streckenüberlastung ungeplant stoppen, kostet der Neustart viel Energie.

          Die Anforderungen werden strenger

          Bisher hat allein der Marktführer im Güterverkehr, DB Cargo, einen Antrag auf Förderung gestellt. „Auch vor dem Hintergrund der attraktiven Förderung haben wir uns entschieden, weitere 40 neue Lokomotiven zu kaufen“, sagt der Projektleiter bei DB Cargo, Jörg Schneider. „Zudem haben wir Lokomotiven und Waggons mit digitaler Technik nachgerüstet.“ 2,5 Prozent Energie hat DB Cargo 2018 eingespart. Das klingt wenig, aber angesichts des hohen Stromverbrauchs der Bahn (sie ist der größte Verbraucher Deutschlands) ergeben sich daraus deutliche Einsparungen an Kohlendioxid. DB Cargo reduzierte die Menge 2018 nach eigenen Angaben um 88.000 Tonnen. Das ist soviel, wie 27.000 Autos bei 20.000 Kilometern Fahrleistung im Jahr erzeugen. Oder soviel, wie die 10.000 Einwohner einer Kleinstadt jedes Jahr insgesamt mit Autos, Reisen, Wohnen und Ernährung ausstoßen.

          Die Hoffnung des Verkehrsministeriums auf eine Einsparung von einer Million Tonnen bis 2023 hat durch das schwache erste Jahr des Förderprogramms jedoch einen empfindlichen Dämpfer erlitten. Jörg Schneider von DB Cargo gibt zu, dass es ein Kraftakt war, nach dem Start des Förderprogramms im August 2018 noch bis Dezember unterstützungsfähige Projekte zu vereinbaren. „Die Vorgaben sind ziemlich umfangreich.“ In der Tat hat der Bund es den Bahnunternehmen nicht leicht gemacht, die Förderung zu beantragen, der bürokratische Aufwand ist hoch. Die verlangten Daten zum Stromverbrauch müssen die Unternehmen beispielsweise erst einmal neu erheben. Ein Problem ist auch, dass die Unternehmen erst investieren müssen und danach die Förderung beantragen können – ohne zu wissen, ob sie die nötige Stromeinsparung erreicht haben und damit die Förderung auch erhalten. Auch DB Cargo weiß erst in ein paar Monaten, ob das Geld tatsächlich fließt, hofft aber auf 50 Millionen Euro.

          Für 2019 könnten etwas mehr Unternehmen die Förderung beantragen, weil dann ein ganzes Jahr für Maßnahmen zur Verfügung steht. „Ich erwarte mehr Anträge“, sagt Martin Bernhardt von der Unternehmensberatung Berg Lund & Company, die DB Cargo bei der Antragstellung für 2018 unterstützt hat. Zumindest die wichtigsten Wettbewerber von DB Cargo untersuchen nun, ob sie nächstes Jahr den Fördertopf anzapfen wollen. „Wir prüfen aktuell die Möglichkeiten“, heißt es bei Captrain. Der Konkurrent TX Logistik legt sich stärker fest: „Für 2019 ist die Antragsstellung vorgesehen“, heißt es. 2018 habe man keinen Antrag gestellt, weil die Zeit dafür zu knapp gewesen sei.

          Auch DB Cargo will es wieder probieren. 35 Maßnahmen würden 2019 angestoßen. Die 2018 bestellten Loks stünden schon dieses Jahr größtenteils zur Verfügung. Das höchste Einsparpotential bieten weniger Leerfahrten zur Werkstatt und weniger Stopps auf freier Strecke. Das kann über eine bessere Streckenplanung erreicht werden, mehr Digitalisierung könnte dabei helfen. Dabei ist Eile geboten. Denn nächstes Jahr werden die Anforderungen für die Fördermillionen strenger: Dann müssen die Bahnen dafür 2 Prozent Stromeinsparung nachweisen.

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