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Überschwemmung : Der hohe Preis der Wasserflut

Die Wucht der Zerstörung: die Ortschaft Schuld in der Eifel Bild: AP

Viele Betroffene stehen nach den Fluten vor den Trümmern ihrer Existenz. Längst nicht alle sind versichert. Der Staat hat bereits Hilfe angekündigt – und die Versicherungen rechnen mit einem schadenreichen Jahr.

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          Die verheerenden Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben bislang mehr als 80 Menschen das Leben gekostet. Das ganze Ausmaß der Katastrophe war auch am Donnerstagabend noch nicht abzusehen. Ganze Ortschaften wurden überflutet, Häuser weggespült, Menschen in Kellern eingeschlossen, Gebiete evakuiert. Mehr als 1000 Menschen werden noch vermisst.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Während die Betroffenen weiter um Angehörige bangen, stellt sich für andere die Frage nach den wirtschaftlichen Schäden. Im Kreis Ahrweiler sollen 100 Häuser durch die Fluten zerstört worden sein. Die Landesregierung Rheinland-Pfalz versprach Soforthilfen von 50 Millionen Euro, auch NRW-Landeschef und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet sichert den Betroffenen Hilfen zu. Die Staatshilfen allein werden aber kaum reichen, um die wirtschaftlichen Folgen für alle Betroffenen zu tragen.

          Nicht versichert

          Die Versicherungswirtschaft stellte nach den Überschwemmungen in Aussicht, dass dieses Jahr zu einem der schadenträchtigsten seit 2013 werden dürfte. Dazu hätten außer den Fluten auch die Stürme und Niederschläge vor einigen Wochen beigetragen. „Bereits im Juni haben Starkregen und Hagel einen geschätzten versicherten Schaden von 1,7 Milliarden Euro verursacht. Eine aktuelle Schadenschätzung werden wir voraussichtlich in der nächsten Woche vorliegen haben“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Versichererverbands GDV, Jörg Asmussen, am Donnerstag.

          Seit vielen Jahren wirbt der Verband dafür, dass Haushalte neben der üblichen Wohngebäudeversicherung, die finanzielle Schäden aus Stürmen und Hagel begleichen, auch eine Elementarschadenversicherung abschließen. „Es ist erfreulich, dass inzwischen fast die Hälfte der Gebäudebesitzer Schutz vor weiteren Naturgefahren haben“, sagte Asmussen vor wenigen Tagen. Die Quote liegt inzwischen bei 46 Prozent. „Aber für die anderen gilt, dass sie ihren Versicherungsschutz überprüfen und anpassen sollten.“ Der Rückversicherer Munich Re sieht neben dem Klimawandel auch sozioökonomische Veränderungen als Ursache der Schäden. „Das heißt, in den betroffenen Gebieten steigt die Dichte und der Wert von Immobilien und Infrastruktur, den sogenannten Exposures“, sagte ein Sprecher. Der GDV hat im April eine Untersuchung vorgelegt, welche der 50 größten deutschen Städte am stärksten von Starkregen gefährdet sind. Die aktuell stark betroffene Stadt Wuppertal landete dabei auf dem ersten Platz.

          Unternehmen hatten bislang Glück

          Unternehmen sind bislang weitgehend glimpflich davongekommen, allerdings steigen die Pegel an vielen Flüssen noch. Die starken Industrieregionen am Rhein können nach Prognosen des Deutschen Wetterdienstes erst in den nächsten Tagen damit rechnen, dass das Wasser seinen Scheitelpunkt erreicht. Der Chemiekonzern BASF, der direkt am Rheinufer von Ludwigshafen das größte Chemieareal der Welt betreibt, geht nach Angaben einer Sprecherin nicht davon aus, dass es zu Produktionsproblemen kommt. Im Chemiepark Knapsack in Hürth nahe Köln ist eine Abwasseranlage übergelaufen, wodurch Anwohner Hautreizungen erlitten haben.

          Bild: dpa

          Auch in anderen „Chemieparks“ hat das Unwetter für Schwierigkeiten gesorgt. „Wir können nicht ausschließen, dass geringe Mengen Kohlenwasserstoff in den Rhein gelangt sind. Die Behörden sind informiert worden“, teilte ein Sprecher von Shell Deutschland mit, die im Energie- und Chemiepark Rheinland im Kölner Süden sitzen. „Letztendlich haben wir es gut gemanagt, aber das werden nicht die letzten Starkregenereignisse sein. Wir müssen schauen, was wir für die Zukunft daraus mitnehmen.“

          An den Standorten des Industrieparkbetreibers Currenta in Leverkusen und Dormagen waren die Auffangkapazitäten ausreichend, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. „Uns sind keine Schäden bekannt. Barrieren haben den Maschinenbauer Schmale im nordrhein-westfälischen Altena geschützt, die Mitarbeiter des Unternehmens aus einem der vom Unwetter am stärksten betroffenen Orte in dem Bundesland haben ihren Kollegen am Donnerstag deshalb dabei geholfen, ihre Keller auszupumpen.

          NRW-Ministerpräsident Laschet besuchte den völlig überfluteten Ort Altena am Donnerstagmorgen. Automobilzulieferer hätten teilweise einen Totalschaden erlitten, teilte er später auf einer Pressekonferenz in Hagen mit. Die Wupper fließt entlang des Werks des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer in Wuppertal, wo das Unternehmen in Zukunft auch Impfstoffe herstellen will. Obwohl der Fluss den höchsten Pegelstand seiner Geschichte erreicht hat, ist die noch in der Nacht zu Donnerstag befürchtete Flutwelle durch das Überlaufen der Talsperre in der Nähe ausgeblieben.

          Das Produktionsgelände ist nicht betroffen, wir beobachten die Situation weiter“, teilte eine Bayer-Sprecherin auf Anfrage mit. In Verwaltungsgebäuden seien zwar Keller vollgelaufen, jedoch habe die Feuerwehr auf dem Gelände schnell mit Pumpen geholfen. Andere Unternehmen in der Stadt sind nicht so glimpflich davongekommen: „Ich gehe von großen Schäden aus, wir können sie noch nicht beziffern“, sagte Thomas Wängler von der Bergischen Industrie- und Handelskammer.

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