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Flugtaxi aus München : Lilium gewinnt Flughöhe und Tempo

Ein Flugtaxi und die Unternehmensgründer Sebastian Born (von links), Patrick Nathen Daniel Wiegand und Matthias Meiner Bild: Unternehmen

In der ersten Testphase hat das Lufttaxi schwierigere Flugmanöver genommen. In den nächsten zwölf Monaten wollen die Gründer 300 Kilometer in der Stunde fliegen.

          3 Min.

          Das Rennen um die Lufthoheit von Flugtaxis nimmt Fahrt auf. Das Münchner Start-Up Lilium hat seinen weißen Senkrechtstarter mit drehbaren Flügeln knapp zehn Minuten mit bis zu 100 Kilometer in der Stunde fliegen lassen. Dabei wurden komplexe Manöver mit dem Übergang vom senkrechten in den horizontalen Flug vollzogen, wurden Sicherheitstests mit Ausfall von Motoren, Klappen oder Sicherungen simuliert. Die Steuerung erfolgte ohne Pilot vom Boden aus.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Das gab das 2015 gegründete Unternehmen aus Weßling bei München am Dienstag bekannt. Der neue Meilenstein erfolgt sechs Monate nach dem Jungfernflug im Mai, als der Flieger in 40 Sekunden senkrecht gestartet und gelandet ist. Der Wechsel vom Start zum Vorwärtsflug sei eine der größten Herausforderungen in der Luftfahrt und für Lilium schließlich ein charakteristisches Manöver, sagte Vorstandsvorsitzender und Mitgründer Daniel Wiegand der F.A.Z.. Dem gingen rund 100 Tests in der Luft und am Boden voraus.

          Das Start-Up bezeichnet das Objekt bewusst als „Lilium-Jet“; ein vollelektrisch betriebener, 1,5 Tonnen schwerer Fünfsitzer mit markanten Flügeln. Mit ihnen unterschiedet er sich von anderen, ebenfalls in der Entwicklung befindlichen Lufttaxi-Konzepten. Die ähneln meist Drohnen. Gemein haben alle, dass sie wegen des elektrischen Antriebs wesentlich leiser und günstiger im Betrieb sind als konventionelle Hubschrauber.

          Alternative zum ICE

          „Lilium zielt mit seinen längeren Reisedistanzen auf einen anderen Markt ab als die meisten seiner Wettbewerber“, sagte Wiegand. Mit dem Flugzeug könne jede kleinere Stadt im Umkreis von bis zu 300 Kilometer erreicht werden, die keine Anbindung an den ICE habe; und das zu geringen Kosten und mit einem niedrigen Aufwand in der Infrastruktur. „Wir können für Tausende von Gemeinden Hochgeschwindigkeitsanbindungen schaffen.“ Andere Konzepte zielen auf Kurzstrecken in Städten ab, etwa vom Flughafen in das Zentrum.

          Erst Mitte September absolvierte das Start-Up Volocopter aus Bruchsal bei Karlsruhe vor Publikum einen Testflug über vier Minuten. Das Fluggerät ist mehr ein Ultraleichthubschrauber mit 18 elektrisch betriebenen Rotoren. Während Lilium das Jahr 2025 für den kommerziellen Start anstrebt, will Volocopter nach Möglichkeit in zwei bis Jahren regulär in Betrieb gehen. Unter anderem ist eine Kooperation mit dem größten deutschen Flughafen Frankfurt geplant. Noch in den Anfängen befindet sich der „City-Airbus“ des europäische Flugzeugherstellers Airbus. Der Fahrdienst Uber und Kitty Hawk des Google-Gründers Larry Page arbeiten ebenso an schadstoffarmen und später einmal autonom fliegenden Lufttaxis. Der amerikanische Flugzeugbauer Boeing verfolgt wie Lilium ein Flügelkonzept, arbeitet nun auch mit Sportwagenhersteller Porsche einem elektrischen Senkrechtstarter für den Einsatz in Städten.

          Die Flugübungen von Lilium erfolgten fernab der Öffentlichkeit; das Unternehmen hat lediglich Videos dazu veröffentlicht. Die zwei Tragflächenpaare lassen ihn wie ein Flugzeug aussehen. Deren Auftrieb erhöht die Reichweite erheblich. Der Jet kann effizienter fliegen als ein mit Rotoren angetriebenes Fluggerät, weshalb eine Akku-Ladung für eine Entfernung von bis zu 300 Kilometer reicht und ganze andere Flugdistanzen ermöglicht; und das bei wesentlich höheren Geschwindigkeiten.

          Kapitalgeber aus China

          In der jetzt beginnenden zweiten Testphase über die nächsten zwölf Monate wird es nach Aussagen des Lilium-Chefs um Reiseflug-Eigenschaften bei hohen Geschwindigkeiten gehen. Mit dem schnellen Vorwärtsflug würde ein weiterer Meilenstein erreicht sein. In der Zeit soll der Lilium Jet auch einmal die geplante Maximalgeschwindigkeit von 300 Kilometer in der Stunde vollbringen, womit er das schnellste vollelektrische, senkrecht startende und landende Flugzeug der Welt sein würde. Wann das geschehen soll, ließ Wiegand offen. Weitere Testphase umfassen bemannte Flüge. Parallel werde an Zulassungen und Zertifizierungen durch die Behörden gearbeitet sowie die Produktion aufgebaut.

          Das Unternehmen hat gerade ein erstes Werk am Hauptquartier in Weßling nahe dem Flughafen Oberpfaffenhofen mit 50 Mitarbeitern fertig gestellt. Der Bau einer zweiten Fertigung am selben Standort hat begonnen. In beiden Werken umfasst das Programm die Batterien, den Carbonleichtbau, die Elektroantriebe sowie die Endmontage. Die Produktion soll mit jährlich „Hunderten Flugzeugen“ im Jahr 2025 aufgenommen, bis dahin die Stellen auf 500 Arbeitsplätze in den beiden Werken ausgeweitet werden. Heute beschäftigt Lilium 350 Mitarbeiter, weitere 150 Stellenausschreibungen laufen.

          Der jetzt erreichte Meilenstein ist für das Start-Up von großer Bedeutung, weist er doch die Machbarkeit des Konzeptes nach, was auch eine Rolle für die Geldgeber spielt. Bisher sind 100 Millionen Dollar von Investoren wie dem chinesischen Internetkonzern Tencent sowie den Risikokapitalgebern Atomico, LGT, Freigeist und Obvious Ventures beigesteuert worden. Früheren Angaben zufolge könnten weitere 100 Millionen Dollar mobilisiert werden. „Das Start-Up ist für seine aktuellen Aktivitäten gut finanziert“, sagte Wiegand. „Selbstverständlich werden wir auf Stecke weitere Investitionen benötigen, das ist ein ganz normaler Prozess.“ In den nächsten Finanzierungsrunden werde man wahrscheinlich auch neue Investoren an Bord nehmen.

          Die starke Dynamik in dieser Technologie mit gefühlt Hunderten von Ideen nimmt Wiegand zwar wahr, von Hype jedoch will nicht sprechen. „Bei unserer Gründung glaubten wir noch, dass wir anfangs allein auf dem Markt sind und sein werden.“ Es habe positiv überrascht, dass es mittlerweile viele Konzepte gebe und die Akzeptanz steige. „Sie wird mit den weiteren Fortschritten zunehmen.“ In zehn Jahren könnte der Wind drehen. „Wenn der Air-Taxi-Markt erst einmal etabliert ist, werden sich die geeignetsten Konzepte über eine Konsolidierung durchsetzen.“ Wichtig sei aber zunächst, dass Lufttaxis überhaupt auf den Markt kommen, ein Ökosystem entstehe und die Preise sinken würden.

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