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Fluglärm in Frankfurt : Brüllen, Dröhnen, Pfeifen

Es hätte so ruhig sein können. Isses aber nicht Bild: Helmut Fricke

Objektiver Krach und subjektive Ängste: Immer mehr Frankfurter leiden unter dem Fluglärm. Er weckt Existenzsorgen - um den Immobilienwert und um das Lebensmodell.

          5 Min.

          Der Mann, so viel ist klar, war dem Wahnsinn nahe. „All dieses entsetzliche Randalieren, dieses unaufhörliche Brüllen, Dröhnen, Pfeifen, Zischen, Fauchen, Hämmern, Rammeln, Klopfen, Schrillen, Schreien und Toben, womit der Mensch seine Aktionen zu begleiten pflegt“: Das hielt der Philosoph Theodor Lessing schon vor hundert Jahren nicht mehr aus. Seine Verzweiflung schrie er in der 1908 erschienenen Broschüre „Der Lärm“ in die Welt hinaus: eine „Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Dyrk Scherff
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Elke Baumanns Patienten geht es heute ebenso. Sie können nicht schlafen, fühlen sich erschöpft, können sich im Job nur schwer konzentrieren. Schuld ist der Frankfurter Flughafen, der im Zuge des Ausbaus seine Flugrouten verschoben hat. Seither sind die Flieger auch in Stadtteilen und Kommunen zu hören, in denen es zuvor über Jahrzehnte ruhig war - trotz Flughafennähe.

          Krach ist immer subjektiv

          Seit dem Zeitpunkt hat Elke Baumann, Psychotherapeutin in Bad Soden, verstärkten Zulauf von Fluglärm-Patienten. Jeder Flieger lässt sie zusammenzucken, sogar nachts schrecken sie aus dem Schlaf, schweißgebadet. Ist es wirklich so viel lauter geworden? Oder weckt jeder Flieger versteckte Ängste mancher Menschen, an deren Ort sich objektiv so viel gar nicht verändert hat?

          Die Wohnungspreise in Frankfurt steigen...
          Die Wohnungspreise in Frankfurt steigen... : Bild: F.A.Z.

          “Der akute Krach ist das eine“, erklärt die Therapeutin. In manchen Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet ist er tatsächlich unerträglich. „Das andere sind die Existenzängste, die das Rauschen in den Menschen weckt.“ Damit meint Frau Baumann die Angst um den Wert der Immobilie, die Furcht, dass alles, was die Menschen sich über Jahrzehnte vor Ort aufgebaut haben, zerfällt, ohne dass sie daran etwas ändern könnten. Was, wenn das Haus, in dem ein Großteil des Vermögens steckt, plötzlich kaum noch etwas wert ist? In manchen Stadtteilen, wie im Villenviertel Sachsenhausen, ist dies bereits der Fall. Für die Menschen geht es dann um alles - um ihr Vermögen, um ihren Rückzugsort, ihr Lebensmodell.

          Es sind die vermögenden Bürger, die zittern. „Mit jedem Flieger bricht da die Idee einer heilen Welt zusammen“, sagt Baumann. Dass manch ein Nachbar seelenruhig weiterschläft, die Flieger gar nicht wahrnimmt, beruhigt die Patienten überhaupt nicht. Denn Krach ist immer subjektiv. Nicht die Dezibel sind im Zweifel entscheidend, ob Geräusche als Lärm empfunden werden, sondern die Ängste (oder auch der Ärger), die Menschen damit verbinden. Sie breiten sich viel weiter aus als die tatsächlich unerträgliche Flugbeschallung. Es könnte ja noch schlimmer kommen, mutmaßen die Menschen, die neuerdings das Brummen der Maschinen wahrnehmen und die Kondensstreifen am Himmel sehen.

          Flughafenausbau entscheidet womöglich Oberbürgermeisterwahl

          Es muss gar nicht mal ein Großprojekt wie der Ausbau des Frankfurter Flughafens sein, der den Menschen mit einem Mal vor Augen führt, dass ihre Großstadt-Idylle, die sie sich mit Haus und Garten geschaffen haben, bedroht ist. Häufig reichten schon eine neue Schnellstraße, neue ICE-Strecken, ein Einkaufszentrum oder auch die röhrenden Blätter eines Windparks. Ein einziges Neubauprojekt kann die Welt der Anwohner auf den Kopf stellen. Die Losung „Lage, Lage, Lage“ der Immobilienexperten kehrt sich zu ihrem Nachteil: Der Richtwert, gestern noch zur Ermittlung des Vermögens herangezogen, fällt in dem Augenblick, in dem sich das Umfeld plötzlich ändert. Das Haus ist das gleiche, sein Wert aber schrumpft.

          ... doch nicht in den von Fluglärm betroffenen Stadtvierteln
          ... doch nicht in den von Fluglärm betroffenen Stadtvierteln : Bild: F.A.Z.

          Schon Theodor Lessing erkannte das paradoxe Phänomen: Einerseits wächst das Ruhebedürfnis des Menschen mit dem Grad der Zivilisation, andererseits bringt eben diese Zivilisation und das Erfordernis der Mobilität immer neue Geräuschquellen hervor. In den Frankfurter Villenvierteln stößt beides aufeinander. „Kultur ist Entwickelung zum Schweigen“, schrieb Lessing. Niemand rede so knapp, schlicht und leise wie ein englischer Gentleman. Gleichzeitig gebe es ein neues Geräusch, „unvergleichlich schrecklicher“ als der alte Lärm der Barbarei: „Ich denke an die transportablen Maschinen, die Straßenlokomobile, das Motorrad, den Motoromnibus, vor allem aber an das Automobil.“ Und das Flugzeug, ließe sich heute hinzufügen.

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