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Das Wunder
von Berlin

DYRK SCHERFF und ANDREAS PEIN (Fotos)

3. Mai. 2020 · Der neue Berliner Flughafen ist doch noch fertig geworden. Mit neun Jahren Verspätung. Wir haben uns schon mal umgesehen.

Jetzt wäre Willy Brandt vielleicht doch noch glücklich über „seinen“ Flughafen. Der verstorbene ehemalige Bundeskanzler und Regierende Bürgermeister von Berlin ist der Namensgeber des neuen Flughafens im Süden der Hauptstadt. Und nun ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieser Flughafen tatsächlich bald in Betrieb geht – und damit einer der größten Skandale der deutschen Baugeschichte ein Ende findet. Am 31. Oktober dieses Jahres soll es so weit sein. Baubeginn war 2006, der Flughafen sollte 2011 fertig sein. Doch er wurde nicht rechtzeitig fertig. Beim nächsten Versuch 2012 waren die Einladungen für die Eröffnungsfeier sogar schon verschickt, drei Wochen vor dem Termin wurde sie abgesagt. Es folgten viele weitere verschobene Eröffnungstermine.

Das Hauptterminal war lange das Sorgenkind des Flughafens. Hier entstanden die Probleme, die weltweit für negatives Aufsehen sorgten, vor allem beim Brandschutz. Das Gebäude mit dem markanten Dach hat der Architekt Meinhard von Gerkan entworfen. Er hat schon den alten Berliner Flughafen in Tegel und auch den neuen Berliner Hauptbahnhof in der Stadtmitte gestaltet. Unter dem Dach fahren die Busse und Taxen vor, von dort geht es ins Terminal. In diesem zentralen Bereich werden die Lufthansa und große internationale Fluglinien untergebracht sein. Der südliche Teil des Terminals, der einmal für Air Berlin reserviert war, wird nun die Heimat von Easyjet, der zurzeit größten Fluglinie in Berlin. Am einfacher gebauten Nordpier wird dann unter anderem Eurowings abgefertigt. Hier müssen die Passagiere zu Fuß zum Flugzeug laufen. Dafür zahlen die Fluggesellschaften dort aber auch weniger Gebühren an den Flughafen.

Die Haupthalle in Terminal 1 wird von einem roten „fliegenden Teppich“ aus Metall überragt, über dem Aufgang von der Ankunfts- zur Abflugebene (oben). Rot ist auch die Farbe der Beschilderung. Braunes Nussbaumfurnier ist das Material für die Wandvertafelung, heller Sandkalkstein für den Boden.

Der Check-in-Bereich in der Haupthalle ist Ausgangspunkt vieler Tests, die am Donnerstag begonnen haben. Mehrere hundert Mitarbeiter des Flughafens, die Bundespolizei, die Bodendienste und die Fluglinien üben in den kommenden Monaten die Abläufe vom Check-in über die Sicherheitskontrollen bis zum Verladen und Betanken von Flugzeugen. Auch rund 1000 Koffer werden probeweise über die Laufbänder transportiert. Eventuell wird es auch noch Tests mit Freiwilligen aus der Region geben, die wie Komparsen im Film die Rolle von Fluggästen übernehmen. Wegen der Corona-Krise und den Abstandsregeln würde dann aber mit deutlich weniger Teilnehmern als geplant geübt. Auch die Händler bauen gerade ihr Mobiliar ein. Die Ladenfläche ist dreimal so groß wie an den bestehenden Berliner Flughäfen. Im Sommer sollen die Bereiche vor und hinter den Sicherheitskontrollen endgültig voneinander getrennt werden. Danach wird der neue Flughafen zwei Wochen lang unter anderem mit Spürhunden auf verdächtige Gegenstände durchsucht.

Die Technik im Gebäude wurde nach der gescheiterten Inbetriebnahme 2012 teilweise wieder ausgebaut und erneuert, zum Beispiel die Bildschirme und Lautsprecher.


Es gab Probleme mit dem Brandschutz, Kabel wurden falsch verlegt. Zu kurze Rolltreppen sorgten für Häme und Spott. Als besonders problematisch erwiesen sich mehrere Umplanungen während des Baus. Der BER (das für den Flughafen offiziell vergebene Kürzel) stellte im In- und Ausland Deutschlands vielgerühmte Ingenieurskunst in Frage. Und die Kosten schnellten von zunächst vorgesehenen rund zwei Milliarden auf sechs Milliarden Euro in die Höhe. Am Dienstag aber hat das zuständige Bauordnungsamt die Nutzungsfreigabe für den BER erteilt. Der TÜV hatte wenige Tage vorher die letzten Anlagen abgenommen, die besonders lange für Kopfzerbrechen gesorgt hatten. So weit war das Projekt noch nie. Und die Inbetriebnahme dürfte wegen der Corona-Krise viel leichter als ursprünglich gedacht werden. Denn das Flugaufkommen wird noch sehr niedrig sein und die neuen Terminals nicht auslasten. Ohne die Krise wären sie wohl schon zum Start voll gewesen, was entsprechende Risiken mit sich gebracht hätte. Das Hauptterminal hat eine Kapazität von 25 Millionen Passagieren.

Das Flugvorfeld suggeriert schon eifrigen Flugverkehr. Doch die vielen Jets warten nicht auf den Abflug, sondern sind dort wegen der Corona-Krise geparkt. Mehr als 100 Maschinen stehen hier. Hinter dem Tower liegt die Zukunft: Dort ist Platz für weitere Terminals, die bis 2040 gebaut werden könnten.

Im Bahnhof mit seinen sechs Gleisen direkt unter dem Hauptterminal sollen künftig 14 Züge in der Stunde ankommen. Der Airport-Express braucht von der Berliner Innenstadt zunächst 30 Minuten, ab 2025 sollen es sogar nur noch 20 Minuten sein. Hinzu kommen Regionalzüge, die S-Bahn im 10-Minuten-Takt und alle zwei Stunden ein Intercity von Rostock über Berlin und den Flughafen nach Dresden. 70 Prozent der Fluggäste sollen mit Zug oder Bus zum BER kommen. Es gibt aber auch einen Autobahnanschluss. Der Bahnhof ist schon seit 2011 fertig. Seitdem fahren zweimal täglich leere Züge hindurch, der Fahrtwind soll Schimmelbildung vermeiden. Im Sommer findet noch eine Räumungs und Brandschutzübung statt.


Kunst am Bau: Wer nach der Ankunft die Zollkontrolle verlassen hat, sollte mal nach unten schauen. In den Boden sind dort Münzen aus vielen Ländern eingelassen.
Kunst am Bau: Wer nach der Ankunft die Zollkontrolle verlassen hat, sollte mal nach unten schauen. In den Boden sind dort Münzen aus vielen Ländern eingelassen.
Ein weiteres Terminal für sechs Millionen Passagiere soll bis zum Sommer fertig werden. Es besteht Platz für weitere Terminals, die bis 2040 entstehen könnten. Dann soll der neue Hauptstadtflughafen mit zwei Startbahnen bis zu 58 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen und damit nach den Flughäfen in Frankfurt und München Deutschlands Nummer drei sein. Die Krise könnte auch den Umzug vom bisherigen Flughafen Tegel erleichtern, der bisher in drei Schritten zwischen dem 30. Oktober und 8. November vorgesehen ist. Doch nun hat Tegel einen Antrag auf zeitweise Schließung eingereicht, um Kosten einzusparen. Wegen der wenigen Flüge wird der Flughafen derzeit nicht benötigt. Es ist wahrscheinlich, dass auch bis zum Oktober kein Bedarf mehr entsteht und der alte Flughafen schon zum 1. Juni dauerhaft geschlossen wird. Dann müsste sich mit dem Umzug nur noch die Bundesregierung beeilen. Deren neues Terminal am BER, wo künftig die Politiker abfliegen und landen sollen, steht bisher noch weitgehend leer.

Das Regierungsterminal am Nordrand des Flughafengeländes ist seit 2018 fertig und eher schmucklos. Hier werden die Bundeskanzlerin und die Minister mit ihren Delegationen zu Dienstreisen aufbrechen. Es umfasst Schlaf- und Büroräume, aber auch einen Check-in und ein kleines Kofferband.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 03.05.2020 18:21 Uhr