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Flüchtlingsstrom : Ein Drittel der Balkan-Flüchtlinge sind Roma

Integration im Alltag: Szene aus Dortmund Bild: Edgar Schoepal

Nach Informationen der F.A.Z. stellen Roma ein Drittel der Flüchtlinge aus dem West-Balkan. Schon jetzt fällt die Integration von Bulgaren und Rumänen schwer - unter ihnen sind viele Arbeitslose und Hartz-IV-Bezieher.

          Nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gehört etwa ein Drittel der Flüchtlinge aus dem Westbalkan der Volksgruppe der Roma an. Früheren Erfahrungen mit Einwanderern aus Bulgarien und Rumänien zufolge lassen sich diese oft schwerer in den Arbeitsmarkt integrieren als andere Zuwanderer. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma weist diese Bedenken zurück. „Die Roma sind keine homogene Gruppe, jede Pauschalisierung führt in die Irre“, sagt der Wissenschaftliche Leiter, Herbert Heuß. Gerade gut ausgebildete Personen kehrten dem Balkan den Rücken, weil sie dort keine Perspektiven sähen. Der deutsche Arbeitsmarkt könne Roma gut gebrauchen, in höherqualifizierten Stellen ebenso wie in der Gastronomie oder in der Pflege: „Die meisten sind so gut integriert, die nimmt man gar nicht als Roma wahr.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Der Anteil der Roma unter den Flüchtlingen ist je nach Herkunftsland unterschiedlich. Einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion zufolge zählten im ersten Quartal rund 9 Prozent der Asylbewerber aus Albanien und dem Kosovo zu dieser Volksgruppe. Unter den Montenegrinern waren es 42 Prozent, unter den Bosniern 60 Prozent, unter den Mazedoniern 72 Prozent. Am höchsten ist die Quote unter den Serben mit 91 Prozent. Insgesamt gehörten in den ersten drei Monaten 34 Prozent der 42.000 Westbalkan-Flüchtlinge zu den Roma.

          Balkan-Flüchtlinge seien oft gut ausgebildet

          Während für die EU-Länder Bulgarien und Rumänien seit 2014 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, dürfen Asylbewerber in Deutschland nur in Ausnahmefällen arbeiten. Die meisten Anträge vom Westbalkan werden abgelehnt. Doch es gibt immer mehr Stimmen, die angesichts des drohenden Arbeitskräftemangels in der Bundesrepublik dazu raten, ihnen zumindest ein befristetes Aufenthalts- und Arbeitsrecht zu gewähren.

          Begründet wird das damit, dass die Menschen vom Westbalkan oft gut ausgebildet seien und vergleichsweise fließend Fremdsprachen sprächen. Das mag für viele Ankömmlinge gelten, für Teile der Roma aber gibt es daran angesichts der bisherigen Erfahrungen Zweifel: Etwa im Berliner Bezirk Neukölln, wo 160 Nationalitäten wohnen und wo eine der größten Gemeinden von Roma aus Bulgarien und Rumänien lebt.

          Der „Roma-Statusbericht“ zeichnet ein anderes Bild

          Im „Roma-Statusbericht“ von 2014 heißt es, dass rund ein Drittel der untersuchten Personen Sozialleistungen empfingen. Ihre Kinder stellten unter den Zuwanderern die größte Gruppe von Schülern ohne Deutschkenntnisse. Viele Jugendliche hätten kaum Grundbildung und müssten erst „das Lernen an sich“ lernen. Weil einige Familien über keine Krankenversicherung verfügten, müssten sie sich selbst mit leichteren Erkrankungen wie Erkältungen in der Notaufnahme behandeln lassen.

          Ihre Wohnbedingungen seien schlecht. Private Vermieter zeigten sich fast nie bereit, Roma aufzunehmen. Selbst unter sozialen Wohnungsbaugesellschaften gebe es Bedenken, „dass sich bei einer Ansiedlung dieser Familien in sozial belasteten Großsiedlungen erneut soziale Problemlagen verschärfen“. Am schlimmsten dran seien Familien, die von einem Ort zum nächsten reisten und kaum Ansprüche hätten. Sie fänden keine Wohnung, schickten die Kinder oft nicht zur Schule, arbeiteten für „dubiose Auftraggeber schwarz“. Derlei Marginalisierung biete einen „Nährboden für Kleinkriminalität und notgedrungene Prostitution“. Nach Ansicht des Senats nimmt auch das Betteln überhand. Wegen der vielen Halbwüchsigen, die in Straßen, U-Bahnen und Plätzen die Hand ausstrecken, will Berlin das Betteln von Kindern verbieten.

          Viele geringfügig Beschäftigte

          Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erhebt die Ausbildung der Ankömmlinge nicht systematisch und nicht nach Ländern. Es teilt aber mit, dass gemäß freiwilliger Selbstauskunft unter allen Asylsuchenden des Jahres 2014 rund 11 Prozent gar keine Schule besucht hätten. 24 Prozent hatten eine Grundschulausbildung vorzuweisen, 35 Prozent sind auf die Mittelschule gegangen, 16 Prozent auf ein Gymnasium.

          Die deutschen Arbeitsmarktstatistiken weisen die ethnische Zugehörigkeit nicht aus. Doch gibt es Angaben zu Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien, unter denen die meisten Roma zu finden sind. Nach einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit aus dem Juni ist die Zahl der Beschäftigten aus diesen Ländern im Vorjahresvergleich um 41 Prozent auf 306.000 Personen gestiegen. Darunter sind besonders viele geringfügig Beschäftigte, nämlich gut ein Fünftel.

          Zentralrat der Sinti und Roma warnt

          Die Zahl der Arbeitslosen unter den Bulgaren und Rumänen hat sich um 46 Prozent erhöht. Die Gruppe jener, die in Deutschland Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) erhalten, ist sogar um 72 Prozent gewachsen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat berechnet, dass die Arbeitslosenquote der Bulgaren im April 16 Prozent betrug. Die der Hartz-IV-Empfänger erreichte 27 Prozent, die der „Aufstocker“ 17 Prozent; damit sind Erwerbstätige gemeint, die zusätzlich Sozialleistungen erhalten. Für die Einwanderer aus den anderen osteuropäischen EU-Ländern sind die Werte geringer: Unter den Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Slowenen und Balten ist nur ein Sechstel geringfügig beschäftigt. Die Arbeitslosenquote beträgt 10 Prozent, die Hartz-IV-Quote 12 Prozent, die Aufstocker-Quote 6 Prozent.

          Herbert Heuß vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma warnt davor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Zum einen entspreche der Anteil der Roma unter den Ankömmlingen nur etwa jenem in den Herkunftsländern, in Bulgarien seien es 9 Prozent. Zum anderen sei die Zahl der Kleingewerbetreibenden besonders hoch. Vergleiche man sie mit ähnlichen Gruppen, dann sei der Anteil der Aufstocker nicht höher. Drittens laufe die Integration der Roma seit ihrer legalisierten Beschäftigung 2014 viel besser als vorher. Besonders bringt Heuß der Vorstoß Berlins auf: „Das Bettelverbot sollte in erster Linie für den Senat gelten: Die bedienen sich doch seit Jahren im Länderfinanzausgleich.“

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