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Ohne Arbeit im Flüchtlingsheim : Auf der Flucht

Rettung auf hoher See: Wie hier werden Afrikaner häufig auf dem Mittelmeer in überfüllten Booten aufgegriffen. Bild: AFP

Nach Deutschland kommen so viele Flüchtlinge wie nie. Sie wollten nur das Sozialsystem ausnutzen, lautet ein Vorurteil. Im Alltag vieler Afrikaner in Hessen geht es um ganz andere Dinge.

          Wenn Amanuel beginnt zu erzählen, klingt das so, als bekäme man eine Führung durch die Hölle. Die Führung beginnt in einer Stadt in Eritrea, im Nordosten Afrikas, wo es heiß und trocken ist und es Strom nur alle zwei Wochen gibt. Amanuel ist ein junger, freundlicher Mann, der viel lacht, obwohl er kaum einen Grund dazu hat. Seine Eltern konnten ihm und seinen Geschwistern kein teures Spielzeug kaufen. Amanuels Bett war hart und schmal. Wegen einer Behinderung war sein rechtes Bein verdreht, und manchmal wurde jeder Schritt zu einer Qual.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Amanuel hat in 26 Jahren gelernt, sich durchs Leben zu tragen. Es ging immer. Irgendwie. Dann kam der Schlag. Die Einberufung zum Militär.

          Eritrea ist nur auf dem Papier eine Demokratie, in Wahrheit regiert der Militärapparat mit harter Hand. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 14 Jahre, und wer stark genug ist, eine Waffe zu halten, wird meist zum Soldatendienst eingezogen. Amanuel wusste, dass er mit seinem verdrehten Bein den Drill in der Kaserne kaum überleben würde. Eritrea befindet sich in einer Art ewigem Unabhängigkeitskampf mit Äthiopien. Dass Amanuel in den Krieg gemusst hätte, wäre nicht unwahrscheinlich gewesen. Er dachte an Flucht – die wäre nicht weniger gefährlich als der Armeedienst. Aber dann hätte er wenigstens eine Chance.

          Amanuel wartet immer noch auf Frieden

          Amanuel erzählt, dass er auf die Ladefläche eines Lastwagens gestiegen ist, der ihn nach Sudan bringen sollte. Er saß dort mit 30 anderen Frauen und Männern. Manche seien gestorben, sagt er. Die Toten warfen sie durch die Luke auf den Asphalt. Amanuel schlug sich bis zur nordafrikanischen Küste durch, dort bestieg er einen Kahn, mehr Nussschale als Schiff. Fünf Tage brauchten sie für die Überfahrt nach Sizilien.

          Er wollte weiter nach Norden, schließlich ist er in Deutschland gelandet, in der zentralen Erstaufnahmeunterkunft für Flüchtlinge in Gießen in Mittelhessen. Dort hatte Amanuel das erste Mal seit langem wieder so etwas wie einen Alltag – und Aufgaben. Er musste einen Asylantrag stellen, Wäsche waschen.

          Eines Tages stand vor der Gießener Unterkunft ein Bus. Der fuhr Amanuel nach Bad Soden, einer kleinen und wohlhabenden Stadt in der Nähe von Frankfurt. Dort hatte man eine ehemalige Sparkasse zur Flüchtlingsunterkunft mit mehreren Wohnungen umfunktioniert, nachdem es lange Diskussionen um die Unterbringung gegeben hatte. Davon ahnte Amanuel nichts. Er packte seine Tasche aus, aß sein Abendbrot. Er war so froh, endlich in Deutschland zu sein. Er setzte sich in dem kargen Raum auf sein Bett. Und wartete: auf Frieden, eine Nachricht seiner Familie, auf Arbeit. 16 Monate ist das nun her. Heute sitzt Amanuel noch immer auf seinem Bett. Und wartet: auf Frieden, eine Nachricht seiner Familie, auf Arbeit. Irgendwas.

          Vorwurf der Wirtschaftsflucht

          Amanuel erzählt seine Geschichte jedem, der sie hören will, aber ohne große Leidenschaft. Vermutlich weiß er, dass sie niemand nachvollziehen kann, der nicht auf der Ladefläche des Lastwagens saß, der nicht auf dem Meer um sein Leben fürchtete. Amanuel hat davon gehört, dass es Deutsche gibt, die im Moment auf die Straße gehen und gegen Flüchtlinge demonstrieren. Die vielleicht Menschen wie ihn im Sinn haben, wenn sie von Wirtschaftsflüchtlingen sprechen, die einen Schlepper bezahlen konnten, und nur nach Deutschland kämen, um das Sozialsystem auszunutzen.

          Würden sie nur mehr über die einzelnen Geschichten erfahren, dann hätten sie auch nicht solche Vorurteile, sind sie sich in der Flüchtlingsunterkunft sicher. Die Demonstranten wüssten es schlicht nicht besser. Wer soll schon durchblicken bei all den Paragraphen und Vorschriften? Die Flüchtlinge tun es ja oft selber nicht. Dass die Höhe ihres Taschengeldes davon abhängt, ob sie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder dem Sozialgesetzbuch bekommen. Dass seit kurzem die Residenzpflicht für Flüchtlinge aufgehoben wurde und sie sich überall in Deutschland frei bewegen dürfen.

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