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Flucht nach Europa : Das Geschäft mit dem Menschenschmuggel

  • -Aktualisiert am

Rund 1.500 Euro kostet die Fahrt übers Mittelmeer Bild: dpa

Tausende Menschen riskieren jedes Jahr ihr Leben, um ins reiche Europa zu gelangen. Davon lebt ein ganzer Wirtschaftszweig. Wer sind die Schlepper und wie sind sie organisiert?

          Am letzten Sonntag im August ist es wieder einmal so weit. Vor der Küste Libyens kentert ein Schlauchboot mit mehr als 100 Menschen an Bord. Die tunesische Küstenwache findet das Wrack rund 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripoli. Mindestens 36 Menschen sterben, darunter fünf Kinder. Erst in der Woche zuvor hatten die Behörden ganz in der Nähe 20 Tote aus dem Wasser gefischt und rund 150 weitere Menschen als vermisst gemeldet. Mittlerweile häufen sich diese Unglücksmeldungen so sehr, dass sie in Europa kaum noch zur Kenntnis genommen werden, wenn das Boot nicht gerade direkt vor der italienischen Küste zerschellt ist.

          Tausende von Menschen sind bereit, Leib und Leben aufs Spiel zu setzen, um nach Europa zu gelangen. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien ist die Zahl sprunghaft gestiegen. 23.000 sind nach Schätzungen der Initiative „The Migrants’ Files“ seit dem Jahr 2000 bei dem Versuch umgekommen. Doch 43.000 schafften es nach Schätzung der EU-Grenzschutztruppe Frontex allein im Jahr 2013 über das Meer nach Europa. Damit lässt sich trefflich Geld verdienen. So ist der anhaltende Exodus von Syrern, die vor dem Bürgerkrieg fliehen, oder Westafrikanern, die der schlechten wirtschaftlichen Lage in ihren Heimatländern entkommen wollen, für manche Bewohner krisengeschüttelter Länder wie Libyen oder Ägypten denn auch nicht vornehmlich eine Tragödie - sondern eine willkommene Einnahmequelle.

          Denn wenn die Flüchtlinge Glück haben und irgendwann in mehr oder weniger seetüchtigen Booten an einem südeuropäischen Strand ankommen, haben die meisten eine lange Odyssee hinter sich - und die gelingt nicht ohne Unterstützung.

          Kriminelle Banden spielen kaum eine Rolle

          „Alle Leute, die hier landen, haben irgendjemandem Geld für ihren Platz auf einem Boot bezahlt“, sagt Ahmed Bugri, der auf Malta das Flüchtlings-Aufnahmelager „Marsa Open Centre“ leitet. Wie viel die Schlepper daran insgesamt verdienen, ist nicht klar zu bestimmen. Der Preis für eine Passage, sagt Bugri, betrage um die 1.500 Euro je nach Seetüchtigkeit des Bootes und Anzahl der Passagiere. Gezahlt werde in der Regel an einen libyschen Verbindungsmann. Libyen ist für die Überfahrten nicht nur günstig gelegen, sondern gleitet seit dem Ende des Regimes von Muammar Gaddafi auch zunehmend ins Chaos ab. Die überforderte Küstenwache kann die Abfahrt der Flüchtlingsboote kaum verhindern: eine ideale Ausgangslage für Schlepper.

          Deren Geschäft ist laut Bugri zwar lukrativ, aber eher informell. Organisierte Kriminalität sei selten. „Meistens läuft das über persönliche Netzwerke“, sagt der Jurist. „Einer hat es nach Europa geschafft, gibt eine Telefonnummer nach Hause durch und sagt: Geh nach Libyen, und wenn du in Tripoli bist, ruf diesen Typen an, der bringt dich weiter.“ Oft würden etwa arbeitslose Fischer auch spontan zu Schleppern, wenn sich die Gelegenheit biete: „Einer hat ein Boot und braucht Geld, der andere will nach Europa, und dann sagt der mit dem Boot, bring mir 100 Leute für die Überfahrt, und du kannst umsonst mit.“ Kriminelle Banden, die die verzweifelte Lage der Flüchtlinge ausnutzen oder etwa Frauen zur Prostitution zwingen, spielen seinem Eindruck nach eher eine untergeordnete Rolle. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge sei sich des großen Risikos bewusst und gehe es bereitwillig ein. Wovor die Menschen fliehen, ob Bürgerkrieg oder Armut, sei dabei relativ unerheblich.

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