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Flüchtling George O. : Nur geduldet

Der Syrer George O. verkauft in seinem Imbiss Salate, Schnitzel und „lecker Pizza“. Bild: Max Kesberger

Der Syrer George hat vor 15 Jahren Asyl in Deutschland beantragt – ohne Erfolg. Wie ist das Leben, wenn man jeden Tag die Abschiebung fürchten muss?

          6 Min.

          Seit Silvester ist für George O. alles anders. An dem Tag fand er einen großen Umschlag in seinem Briefkasten. Es war der Brief, auf den er 15 Jahre lang gewartet hat. Die Bundesrepublik Deutschland gewährt dem 33 Jahren alten Syrer Asyl, stand da drin. George strahlt, wenn er von diesem Tag vor sechs Wochen erzählt. Seitdem fühle er sich ganz anders, sagt er, wenn er morgens aufsteht, wenn er zur Arbeit geht. Er hat einen kleinen Imbiss, nur ein paar Stockwerke unter seiner Wohnung. „Lecker Pizza“ verkauft er da, Salate, Schnitzel.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          15 Jahre lang war er in Deutschland nur geduldet, jeden Tag musste er damit rechnen, dass Beamte zu ihm kommen und ihm von einem Tag auf den anderen sagen: Sie müssen hier weg. Das ist nun anders. Jetzt kann er Pläne schmieden. Und er hat einiges vor.

          Jeden Samstag Besuch des orthodoxen Klosters

          Über Menschen wie George O. wird derzeit viel geredet. Über die Muslime, die aus Syrien in das Land strömen. Dabei ist George tiefgläubiger Christ, ein großes Kreuz baumelt an seinem Hals, Bibelsprüche zieren seinen Imbiss, jeden Samstag geht er in ein orthodoxes Kloster.

          Viel gesprochen wird auch über Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde und die trotzdem nicht abgeschoben werden. Darüber, dass die Behörden inkonsequent sind und zu zaghaft. Das stört viele. Und die Kirchen setzen auch noch einen drauf. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat sie gerade dafür kritisiert, dass sie mit ihrem Sonderasyl für einzelne Flüchtlinge immer wieder dazwischen grätschen und die Entscheidungen der Gerichte torpedieren. Kirchen könnten sich schließlich nicht über geltende Gesetze hinwegsetzen, argumentiert er.

          Viel wird über sie geredet, nur wenige allerdings reden mit Menschen wie George O. Nicht einmal darüber, woher er kommt, warum er hier ist und was er hier tut. Dabei hätte Deutschland mit seinen ernüchternden demographischen Aussichten ein großes Interesse daran, mehr zu erfahren.

          Viele halten George ungefragt für einen Türken. Ein orientierungslos wirkender Jugendlicher poltert an einem Samstagnachmittag in seinen Laden auf der Suche nach Stift und Papier. Er sieht George und japst nur: „Türkisch?“ George zieht die Augenbrauen hoch, schüttelt den Kopf, fragt ihn höflich, was er will.

          Die achtlos dahingeworfene Vermutung trifft George ins Mark, denn es erinnert ihn an seine größte Lebenslüge. Er versteht nicht, warum die Leute ihn nicht einfach fragen. Dann würde er bereitwillig Auskunft geben, freundlich, zurückhaltend, und mitunter schonungslos ehrlich. An seinem Deutsch kann es nicht liegen: Er spricht flüssig und fast fehlerfrei, mit einem überraschenden Gespür für pointierte Formulierungen.

          Zuflucht bei der Tante in Hessen

          An den Tag, an dem George Syrien verließ, kann er sich noch bestens erinnern. Es war der 20. Juli 1996, und er war 14 Jahre alt. Er kam mit seiner Mutter, die er noch immer Mama nennt. Sein Vater war tot, die älteren Geschwister waren ausgezogen. Fragt man nach den Gründen für die Flucht, kommt die Sprache nicht auf seine Religion oder auf systematische Verfolgung, sondern zuerst auf seinen Onkel. Der hatte sich den Besitz des Vaters unter den Nagel gerissen und die Familie aus dem Haus geworfen. Die Mutter nahm George und suchte Zuflucht bei ihrer Schwester in Deutschland. Die lebte schon seit Jahren in Hessen, hatte geheiratet und Kinder bekommen.

          Die ersten Wochen in Deutschland waren für George eine Tortur. Bei der Tante lebte er nur von Tee und Brot, er vermisste Alt-Damaskus, er vermisste seine Geschwister. „Alles war fremd“, sagt er. Die Tante, die Cousins. Selbst die Luft. Die Cousins zeigten ihm eine fremde Welt voller Alkohol und Zigaretten. „Ich war schockiert“, sagt George und lacht verlegen. Nichts von all dem kannte er aus Damaskus. „Gut“, sagt er dann, „mit der Zeit geht alles.“ Er brachte seinem Cousin Arabisch bei, der ihm Deutsch.

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