https://www.faz.net/-gqe-6pbdl

Firmengeschichte : Der Aufstieg von Mittal Steel

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Bei gelungener Übernahme von Arcelor durch Mittal Steel betriebe der Konzern 61 Stahlwerke in 27 Ländern und wäre in fünf von neun Märkten absoluter Marktführer - mit entsprechender Macht in der Preisbildung.

          3 Min.

          Keine 20 Minuten brauchten Vater Lakshmi Mittal und Sohn Aditya auf der Londoner Pressekonferenz, um aus ihrer Sicht die Logik der weltgrößten Übernahme in der Stahlbranche zu erklären. „Vor nicht langer Zeit hat der Chef von Arcelor auf einer Rede betont, wie wichtig die Konsolidierung in der Stahlbranche sei. Direkt danach habe ich genau das gleiche in meiner Rede gesagt“, sagt Lakshmi Mittal, der weltgrößte Stahlbaron. Jeder solle erkennen, daß die Strategie von Mittal Steel und Arcelor übereinstimme und man diese Strategie besser gemeinsam umsetze.

          Für Mittal ist die Stahlbranche in der Welt noch zu zersplittert. Die Übernahme des zweitgrößten Stahlproduzenten Arcelor durch den weltgrößten Produzenten Mittal Steel treibe die notwendige Konsolidierung in der Branche endlich kräftig voran. „Das hebt die gesamte Branche auf ein anderes Niveau. Das erst Mal haben es die globalen Kunden der Stahlbranche mit einem globalen Marktführer zu tun“, schwärmt Mittal, der seinen in Rotterdam angesiedelten Konzern von London aus führt.

          27 Prozent Umsatzrendite

          Mittal scheint endlich am Ziel angelangt zu sein. Er hat den Konzern aus dem kleinen indischen Stahlunternehmen Ispat seiner Familie aufgebaut. 1989 begann Mittal in Indonesien damit, verlustreiche Stahlkonzerne aufzukaufen und zu sanieren. Dann kaufte er marode Werke der Regierung in Trinidad und Tobago, später folgten alte Kombinate in Osteuropa. Allein in den vergangenen fünf Jahren sammelte Mittal mit seinem Sohn fast 20 Stahlunternehmen auf der Welt ein.

          Firmenchef Lakshmi Mittal (re.) will eine „Konsolidierung der Stahlbranche”

          Kritiker hat Mittal immer wieder eines Besseren belehrt, die ihm vorwarfen, Sanierungsfälle zu teuer zu übernehmen. Heute zahlt sich seine Strategie aus: Die massive Stahlnachfrage aus Asien, vor allem China, und die Ineffizienz in der Branche hat die Stahlpreise in den vergangenen Jahren drastisch ansteigen lassen und umstrukturierten Stahlunternehmen mittlerweile wieder hohe Gewinne beschert. Mittal kann heute auf eine Umsatzrendite von kräftigen 27 Prozent verweisen. Mittal Steel ist in nur wenigen Jahren zum größten Stahlkonzern der Welt aufgestiegen.

          Mittal kann daher gar nicht verstehen, warum die Geschäftsführung von Arcelor ihm am 14. Januar bei einem kurzen Gesprächsversuch über das Angebot die kalte Schulter zeigte. „Gestern konnte ich telefonisch überhaupt niemanden erreichen. Da haben wir heute morgen das Übernahmeangebot abgeben“, sagt Mittal ungerührt, und sein Sohn, der als Finanzchef des Konzerns agiert, spult in wenigen Minuten die Finanzlogik der gigantischen Transaktion herunter.

          „Das macht keinen Sinn“

          Die Mittals haben das Management von Arcelor in indisch-freundlicher Manier zu kooperativen Gesprächen eingeladen. Mittal meint, Arcelor und sein Konzern sollten künftig nicht mehr als Konkurrenten auftreten. Er erinnert an den unsinnigen Übernahmekampf im vergangenen Oktober um den Stahlkocher Kryvorizhstal. Um das ukrainische Stahlunternehmen hatten sich Mittal Steel und Arcelor einen erbitterten Schlagabtausch geboten. Beide trieben den Übernahmepreis auf 4 Milliarden Euro hoch, die Mittal letztlich zahlte. Dies war weit mehr, als Analysten als sinnvollen Kaufpreis mit 2,5 Milliarden Euro errechnet hatten.

          Mit der Übernahme der US Steel Group im vergangenen Jahr für 4,5 Milliarden Dollar behauptete Mittal dann seinen Platz in den Vereinigten Staaten. „Deshalb brauchen wir auch Dofasco nicht“, sagt Mittal zu dem von Arcelor und Thyssen-Krupp umkämpften kanadischen Stahlkonzern, den Mittal bei geglückter Übernahme von Arcelor Thyssen-Krupp überlassen will. „Die sind zu klein, zu unbedeutend und bringen uns nicht weiter“, winkt Mittal ab. Warum er kein Stahlunternehmen in Asien, zum Beispiel in Japan oder Korea übernommen hat? „Das macht keinen Sinn. Die Stahlindustrie in beiden Ländern ist bereits genug konsolidiert. Die haben bereits große Marktführer dort.“

          Wettbewerbsvorteile

          Arcelor und Mittal Steel haben keinerlei Überlappungen im Geschäft, weder geographisch noch von den Produkten her. Der Konzern würde bei gelungener Übernahme von Arcelor 61 Stahlwerke in 27 Ländern betreiben und in fünf von neun Märkten absoluter Marktführer sein mit entsprechender Macht in der Preisbildung. Dabei pocht Mittal auf Wettbewerbsvorteile, zum Beispiel, daß 44 Prozent des für den Stahl benötigten Eisenerzes von Mittal Steel aus eigenen Minen bezogen wird.

          Vor zehn Jahren noch produzierten die Vorgängerunternehmen von Mittal Steel gerade einmal 5,7 Millionen Tonnen Stahl - mit Arcelor soll die Produktionskapazität auf 115 Tonnen steigen, ein Weltmarktanteil von 10 Prozent. „So eine aufregende Übernahme wie diese wird der Markt lange Zeit nicht mehr sehen“, meint Sohn Aditya.

          Weitere Themen

          Als das Krisengefühl verschwand

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant wie kaum eine andere Branche. Seit wann ist das eigentlich so?

          Topmeldungen

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant wie kaum eine andere Branche. Seit wann ist das eigentlich so?

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.
          Streit mit dem Ehemann? Der erste Schultag nervt? In solchen Fällen übernimmt im Film „Alles steht Kopf“ die Wut das Steuer in der Kommandozentrale im Gehirn.

          Unterdrückter Zorn macht krank : So lässt sich die Wut beherrschen

          Im Alltag ist die Wut verpönt, gleichzeitig steigt die Hasskriminalität, und im Internet sind Beleidigungen an der Tagesordnung. Über ein mächtiges Gefühl, das jedoch demjenigen Kraft spenden kann, der es zu beherrschen versteht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.