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„Finanztest“-Chef Tenhagen : Der Bankenpolizist wütet laut und gnadenlos

„Das ist ein Riesenskandal”: Hermann Josef Tenhagen in seinem Berliner Büro Bild:

Verbraucherschützer Hermann Josef Tenhagen kämpft gegen Banker und Journalisten. Sein Heft „Finanztest“ wittert das Böse immer und überall. Er will die Leser aufrütteln.

          Wenn es wieder laut wird, wenn ihn wieder Bankvorstände durch den Telefonhörer beschimpfen, weil er ihren Kundenberatern erneut die Note „Mangelhaft“ verpassen musste, dann erholt sich Hermann Josef Tenhagen beim Blick auf die Wand gegenüber seinem Schreibtisch.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Dort, auf Augenhöhe, hat er die gerahmte Auszeichnung eines Medienmagazins aufgehängt: „Wirtschaftsjournalist des Jahres 2008“. Der Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“ habe durch seine vielen Fernsehinterviews nach Ausbruch der Finanzkrise „erheblich dazu beigetragen, dass eine Bankenpanik vermieden werden konnte“. Ein Urteil, das Tenhagen mit kräftigem Nicken bestätigt.

          Der Journalist, der das blau-weiße Finanztest-T am Revers trägt wie Barack Obama das Sternenbanner, hat das Anleger-Magazin der Stiftung Warentest und sich selbst zur Marke gemacht. Gut 250 000 „Finanztest“-Hefte werden jeden Monat verkauft, in denen die 50-köpfige Redaktion aus Journalisten und Wissenschaftlern den Lesern in einfachen Worten erklärt, was nun zu tun ist mit Tagesgeldkonto, Geldmarktfonds und Krankenversicherung.

          Die Wirkung, die das Magazin und sein Chefredakteur haben, geht weit über den Leserkreis hinaus. Seit Ausbruch der Bankenkrise sehnen sich die Deutschen nach Erklärern, denen sie wieder vertrauen können. Deutschland vertraut der Stiftung Warentest, also ist Tenhagen seit Zusammenbruch der Lehman-Bank in deutschen Medien omnipräsent und versichert unermüdlich, das Geld auf den Konten sei sicher. Den Kauf von Gold nennt er spekulativ, den von Immobilien gefährlich. Im März verkündete Tenhagen, dass die Bundesregierung Griechenland nicht pleitegehen lassen wird. Eine Wette, die sich „Gott sei Dank bewahrheitet hat“, wie er rückblickend seufzt.

          „Die Banken haben nichts gelernt“

          Dass der Fotograf auf der Suche nach guter Perspektive im Büro umherspringt, wirft Tenhagen nicht um. Hier, im fünften Stock der Stiftung am Berliner Lützowplatz, gäben sich Kamerateams die Klinke in die Hand, berichtet er. Ende Juli war es wieder so weit: Tenhagen stellte den neuesten Bankentest der Zeitschrift vor. Sieben Testkunden haben nacheinander die Kundenberater von 21 Banken und Sparkassen gefragt, wie sie 35 000 Euro sicher, aber trotzdem mit der Aussicht auf eine ordentliche Rendite anlegen sollten.

          Was Tenhagen im Testergebnis erblicken musste, ließ ihn „schwanken zwischen Unglauben und Wut“, wie er neben seinem stattlichen Foto im Editorial der Zeitschrift schrieb. Zwar haben die Banker im Gegensatz zum vorigen Test häufiger nach der Vermögenssituation der Kunden gefragt und durchweg bessere Anlagetipps gegeben. Zu selten jedoch haben sie - wie seit diesem Jahr gesetzlich vorgeschrieben - ein Beratungsprotokoll angefertigt, wenn von Wertpapieren die Rede war. Dass die Berater das Gesetz missachten, sei „ein Riesenskandal“, erfuhren die Leser schwarz auf weiß. Kein Wunder also, dass Deutschlands Banker wieder mal das Klassenziel verfehlt haben. Sechs Institute erhielten die Note „Mangelhaft“.

          Die Banken hätten nichts gelernt, findet Tenhagen. Also hat er auch keine der mit „Befriedigend“ benoteten zum Sieger gekürt. Stattdessen zog die Redaktion das Fazit, dass man sich nicht einfach auf einen Bankberater verlassen könne. Das vermag angesichts des Ziels privater Banken, Gewinne zu erwirtschaften, zwar nicht zu überraschen. Dass der Sinn der Beratungsprotokolle für den Kunden umstritten sei und diesem nach Meinung von Kritikern eine zusätzliche Sicherheit vorgaukele, die es so nicht gebe, ist für Tenhagen kein Thema. „Wer das Gesetz missachtet, hat keinen Preis verdient“, sagt er.

          Kuscht die Branche oder hat sie resigniert?

          Beim Gespräch über Recht und Gesetz kann Tenhagen schnell fuchsig werden. Dann schraubt sich seine Stimme, deren Ruhe die Zuschauer sonst so schätzen, drei Tonlagen höher. Was Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, die das Institut mit 5 Millionen Euro jährlich finanziert und mit Tenhagen in Talkshows auftritt, an neuen Regularien durch die Legislative drückt, ist der Maßstab, an dem der Verbraucherschützer sein Urteil gemessen wissen will.

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