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Finanzplatz Deutschland : Eine zweite große deutsche Bank

  • -Aktualisiert am

Der Bankenturm in Frankfurt ist schon hoch - doch jetzt wächst die Commerzbank selbst nochmal ein gutes Stück Bild: AP

Mit der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank fallen Tausende Arbeitsplätze weg. So manchem hätte wohl auch aus diesem Grund eine Übernahme durch die Chinesen besser gefallen. Dass die Commerzbank sich durchgesetzt hat, ist trotzdem eine gute Nachricht.

          Für den Finanzplatz Deutschland ist die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank eine gute Nachricht. Die fusionierte Bank schließt im Heimatmarkt zur Deutschen Bank auf, wird international aber weiter nur im Mittelfeld spielen. Global zählt lediglich die Deutsche Bank zur Weltspitze, dank des starken Investmentbankings. Die anderen Banken sind in der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde ungewöhnlich klein. Grund hierfür ist der Schutzzaun, den die öffentliche Hand um Sparkassen und Landesbanken gezogen hat. Genossenschaftsbanken und Privatbanken dürfen sich nur in einer Hälfte des Marktes tummeln.

          Die fusionierte Bank kommt wie der Platzhirsch auf einen Marktanteil von etwa acht Prozent. Wichtiger als Größe ist, dass die führende Mittelstandsbank Deutschlands entsteht. Die deutschen Unternehmen freuen sich auf eine zweite heimische Großbank, viele wünschen sich schon eine Alternative zur Deutschen Bank für ihre Geschäfte im In- und Ausland. Auch für Privatkunden ist die neue Kombination eine Macht. Nur die Postbank zählt mehr Kunden, dafür liegt der Ertrag pro Kunde im fusionierten Institut viel höher. Hinzu kommt die gute soziodemographische Struktur der Dresdner mit älteren und wohlhabenderen Privatkunden und der jüngeren, dynamischeren Kundschaft der Commerzbank. Das sind die strategischen Vorteile der Fusion.

          Großes Potential für Kostensenkung

          Auch wirtschaftlich kann sich der Zusammenschluss rechnen. Der steigende Marktanteil eröffnet ein großes Potential für Kostensenkung. Durch die Fusion werden mindestens 9000 Arbeitsplätze überflüssig, vor allem im Investmentbereich der Dresdner in London und in der Verwaltung in Frankfurt, aber auch in den Filialen. Die Vorsitzenden von Vorstand und Aufsichtsrat der Commerzbank haben am Wochenende in intensiven Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat für die Fusion geworben. Es ist verständlich, dass sich die Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten von Allianz und Dresdner Bank schwerer tun, die Stellenstreichungen mitzutragen. Der Abbau von Arbeitsplätzen wird erst einmal Geld kosten. Zusätzliche Kosten entstehen durch die technisch schwierige und teure Verschmelzung der Informationstechnikabteilungen zu einem System; auch die Integration der Filialnetze wird nicht billig. Es könnten eineinhalb bis zwei Jahre vergehen, bis die neue Commerzbank am Markt einheitlich auftreten kann.

          In den nächtlichen Schlussverhandlungen wurde um den Kaufpreis von knapp 10 Milliarden Euro und um die Finanzierung und Sicherheit der Transaktion gerungen. Die Commerzbank kann und will den Kaufpreis nicht auf einmal entrichten. Sie möchte sich aber im ersten Schritt die Mehrheit an der Dresdner sichern, rasch die Integration vorantreiben und erst später die Verschmelzung auf die Commerzbank samt Kapitalerhöhung von der Hauptversammlung beschließen lassen. Der Kaufpreis für die erste Stufe wird in einer Mischung aus Bargeld, Aktien und Tauschgeschäften entrichtet. Außerdem wird die Allianz mit einem Vertriebsvertrag entlohnt, damit die Versicherung ihre Policen über das Netz der Fusionsbank verkaufen kann. Wie bei jedem Verkauf liegen auch hier die Werte für die jeweilige Komponente des Kaufpreises im Auge des Betrachters. Jedenfalls soll zunächst die Commerzbank mehr als 60 Prozent der Aktien der Dresdner halten und die Allianz Großaktionär der Fusionsbank werden.

          Der Abbau von Arbeitsplätzen wird schmerzlich

          Über den Erfolg der Fusion wird am Ende der Kapitalmarkt richten. Dass gegenwärtig die Börsenkurse der Banken wegen der Finanzkrise gedrückt sind, muss kein Nachteil sein. Von einer Erholung könnte die neue Commerzbank überdurchschnittlich profitieren. Umgekehrt ist aber auch das Risiko hoch, wenn sich die Krise weiter zuspitzen sollte. Der traurigen Nachricht vom Abbau vieler Arbeitsplätze stehen die Hoffnung auf steigende Renditen für Aktionäre und langfristige Vorteile für den Finanzplatz Deutschland gegenüber. Anders als die Commerzbank hat der andere Kaufinteressent, die chinesische Staatsbank China Development Bank, dem Aufsichtsrat der Allianz keinen entscheidungsreifen Vertrag vorlegen können. Das etwas höhere Angebot Chinas stand zudem unter politischem Vorbehalt. Der mögliche Verkauf der Dresdner Bank an die Staatsbank der autoritären Volksrepublik hat das Kanzleramt überrascht. Das ist in Zeiten einer empfindlichen Abkühlung der geopolitischen Großwetterlage kein Wunder. Für die Verhandlungsführung der Allianz war die China-Karte aber nützlich.

          Am Tag der Entscheidung gab es im Aufsichtsrat des Versicherers hitzige Debatten mit den Vertretern der Arbeitnehmer. Am Ende steht wohl eine Entscheidung im Sinne der Eigentümer. Die Aktionäre der Allianz dürften froh sein, künftig die Risiken des Bankgeschäfts nicht mehr direkt zu tragen. Der Zusammenschluss wird schwierig und wegen des Abbaus von Arbeitsplätzen auch schmerzlich. Die neue Bank wird Zeit brauchen. Doch wenn die Fusion gelingt, gibt es auch Gewinner. Der Finanzplatz Deutschland ist einer von ihnen. Er bekommt eine zweite große deutsche Bank.

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