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Finanzmarkt : Wie die Investmentbanker reich wurden

Aber der Banker als Unternehmer war schon in den siebziger Jahren ein Auslaufmodell. Im Jahr 1971 ging Merrill Lynch als erste der führenden amerikanischen Investmentbanken an die Börse. Eigentümer der Bank waren von nun an großteils externe Aktionäre. Die Banker wurden zu Angestellten. In den achtziger und neunziger Jahren folgten Konkurrenten wie Morgan Stanley, Bear Stearns und Lehman Brothers diesem Schritt. Im Jahr 1999 ging mit Goldman Sachs die letzte große Investmentbank der New Yorker Wall Street an den Aktienmarkt. „Damit hat sich die Geschäftsgrundlage in der Branche verändert“, sagt der Banker: „Die Investmentbanker sagten: Wir sind jetzt keine Teilhaber mehr. Wenn wir bleiben sollen, dann müsst ihr uns dafür bezahlen.“

Gedopt mit dem Kapital der Geschäftsbanken

Als eigentlichen „Sündenfall“ sieht er jedoch eine andere Zäsur an: „Die Aufgabe des Trennbankensystems hat die Weltfinanzkrise von 2008 verursacht“, glaubt der Banker. Der sogenannte Glass Steagall Act hatte seit dem Jahr 1933 vorgeschrieben, dass amerikanische Geschäftsbanken nicht im Investmentbanking aktiv sein durften und umgekehrt. Das Geschäft mit Einlagen und Krediten sollte nicht mit der Emission und dem Handel von Wertpapieren und anderen Geschäften an den Finanzmärkten vermischt werden. Mit der Trennungslinie zog die amerikanische Regierung die Konsequenzen aus der Erfahrung der damals gerade überstandenen Weltwirtschaftskrise, die das Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte.

Formell abgeschafft wurde das Trennbankensystem in den Vereinigten Staaten zwar erst im Jahr 1999, doch schon zuvor waren die Regeln zunehmend aufgeweicht worden. 1990 übernahm die Schweizer Geschäftsbank Credit Suisse die Kontrolle über die kurz vor der Insolvenz stehende amerikanische Investmentbank First Boston. Die amerikanische Notenbank nahm diesen klaren Bruch des Glass Steagall Acts bewusst in Kauf, um den Zusammenbruch von First Boston zu verhindern. „Das war ein Dammbruch“, sagt der Banker. In den folgenden Jahren expandierten viele europäische und amerikanische Geschäftsbanken im Investmentbanking, darunter Institute wie die Citicorp, Société Générale, BNP und die Royal Bank of Scotland. Die Deutsche Bank übernahm im Jahr 1998 für 10 Milliarden Dollar die amerikanische Investmentbank Bankers Trust, die vor allem im aufstrebenden Derivategeschäft eine starke Marktposition hatte.

Die Kombination des Know-how der Investmentbanker mit der Kapitalstärke führender Geschäftsbanken führte zu einem revolutionären Wandel. „Plötzlich standen den Investmentbankern die großen Bilanzen der Geschäftsbanken zur Verfügung“, sagt der Banker. Das Kapital wirkte wie Doping und machte das Investmentbanking in den neunziger Jahren zu einer Geldmaschine, deren Räder sich immer schneller drehten – und die Einkommensspirale drehte sich mit.

Weiter auf Kollisionskurs mit dem Rest der Welt

„Investmentbanker bestreiten das zwar häufig, aber letztlich können viele nicht zuletzt deshalb so gut verdienen, weil sie die Bilanzstärke ihrer Bank nutzen“, sagt der Branchenkenner. Die Kreditabteilung der Bank spielt häufig Türöffner für die Investmentbanker: Es ist in der Branche gang und gäbe, dass etwa eine Bank einem Unternehmen, das an die Börse strebt, vorab ein Darlehen gewährt und sich im Gegenzug den Auftrag für die spätere Aktienplazierung sichert. Auch Beratungsmandate der Investmentbanker bei Unternehmensübernahmen sind oft an Darlehen zur Finanzierung des Kaufs gekoppelt. Im Geschäft mit Finanzderivaten wiederum brauchen Banken eine starke Bilanz, um zum Beispiel Fluggesellschaften Hedging-Kontrakte zur Absicherung gegen steigende Treibstoffpreise anbieten zu können. Der Kapitalmarktexperte hat einen drastischen Ausdruck für diese Vermischung der Geschäftsmodelle: „raping the balance sheet“ – die Vergewaltigung der Bankbilanz durch die Investmentbanker.

Und was bringt die Zukunft? Das Problem sei weiter ungelöst, glaubt der Banker: „Die Fehlentwicklungen der Bonikultur wurden in Nuancen angegangen, aber sie sind nicht wirklich korrigiert worden.“ Weiterhin verteilten die Investmentbanken auch für schlechte Ergebnisse hohe Boni. Ein halbes Jahrzehnt nach der Beinahe-Kernschmelze des globalen Finanzsystems sieht der Bankenveteran die Geldhäuser unverändert auf Kollisionskurs mit dem Rest der Welt. „Wenn eine Branche, die total versagt hat, trotzdem so viel bezahlt, dann verletzt das ein natürliches Gerechtigkeitsempfinden“, sagt er: „Die Banken müssen einen Weg finden, ihre Mitarbeiter in einer Art und Weise zu entlohnen, die für die Gesellschaft akzeptabel ist.“

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