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Finanzmärkte : Krise der Analystenzunft

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AQ-Chef Graham Field: „Chance für unabhängige Analysten” Bild: AQ Publications

          2 Min.

          AQ Publications hat die Analystenarbeit im Blick. Die Londoner Forschungsgruppe überprüft, inwieweit Analystenprognosen akkurat waren, ob Realität und Erwartung im Einklang stehen.

          FAZ.NET sprach mit AQ-Herausgeber Graham Field über die zukünftige Rolle der Finanzanalysten.

          Analysten sind ins Gerede gekommen.

          Sie stehen im Scheinwerferlicht. Nachdem ihre Arbeit jahrelang unbeachtet blieb, entwickelten sie sich während des Bullmarkts zu prominenten Machtfaktoren. Sie brachten die guten Nachrichten und wurden von den Anlegern geliebt, weil die Prognosen stimmten. Jetzt sind sie Opfer ihres eigenen Erfolgs. In Zeiten der Baisse stimmen die Empfehlungen nicht mehr, und dann macht man Jagd auf den Nachrichtenüberbringer.

          Aber die derzeitige Kritik ist berechtigt?

          Wir haben das einmal untersucht. Nur drei oder vier Prozent aller Empfehlungen der letzten zwei Jahre rieten zum Verkauf - und das in einem Bärenmarkt. Kein Zweifel, die Prognosen waren inkorrekt und Anleger haben viel Geld verloren. Man muss aber auch die
          Veränderung im Auge behalten. Analysten haben traditionell immer die institutionellen Klienten beraten, und in den letzten Jahren sind die Informationen eben auch bis zu den Kleinanlegern durchgesickert, die ihre Entscheidungen auf Basis der Analystenempfehlungen getroffen haben.

          Und Privatanleger ziehen da den Kürzeren?

          Nun, sie erhalten dieselben Zahlen, aber sie haben keinen direkten Kontakt zu den Analystenabteilungen. Die Salesanalysten rufen nach Beendigung eines Reports ihre zehn wichtigsten institutionellen Großinvestoren an und geben ihnen Hinweise, wie der Bericht zu verstehen ist, wie man die Wahrheit zwischen den Zeilen liest, Codewörter erkennt und vielleicht erfährt, dass diese oder jene Empfehlung nicht wörtlich zu nehmen ist. Darin liegt der Nachteil für Privatanleger. Und wenn diese Informationen den Markt erreichen, dann sind sie praktisch schon eingepreist - zu spät also für den Einzelanleger.

          Gibt es die chinesischen Mauern wirklich?

          Ja, Analysten- und Investmentbankingabteilungen sind meist schon geografisch getrennt. Doch die Gefahr ist, wenn die chinesischen Mauern zu effektiv funktionieren, dann fragen sich die Investmentbanker, warum und wofür sie die Analystenabteilungen bezahlen. Das sind gehörige Kosten, und da ist der Gedanke nicht weit, dass sich der Research für das eigene Haus lohnen muss. Analysten müssen in einer solchen Situation ihre Arbeit mehr rechtfertigen. Am Ende steht dann eine Welt, in der Investmentbanken für ihre Analysebemühungen von den Fondsmanagern bezahlt werden. Das ist derzeit noch schwierig.

          Warum?

          Sie sind es gewöhnt, die Forschungsberichte umsonst zu erhalten, obwohl sie das Ganze natürlich durch die Kommissionsgebühr mitfinanzieren. Hier liegt natürlich die Chance für unabhängige Analysten, die keine riesigen Stargehälter bezahlen, und ihren Research anbieten. Gleichzeitig können auch die Fondsmanager mehr eigene Analysten anstellen, weil sie den Empfehlungen der Investmentbanker nicht mehr trauen- auch in diese Richtung geht es. Fest steht, das Analystenleben wird nicht einfacher.

          Sollte man Analystenempfehlungen nicht ganz abschaffen?

          Das System der Kursziele finde ich nützlich, da weiß der Anleger, wann er nach Einschätzung der Experten verkaufen soll. Bei den allgemeinen Kaufempfehlungen ist es schwieriger, da man ja nicht weiß, wie lange man die Aktie halten soll.

          Hätten Analysten die jüngsten Bilanzierungsskandale à la Enron oder Comroad nicht früher erkennen müssen?

          Analysten haben keine Kristallkugel. Sie müssen sich auf die Informationen des Unternehmens verlassen. Sie vergleichen ihre Zahlen mit denen der Investor Relations-Abteilung, und wenn dort etwas Falsches kommuniziert wird, dann sitzen auch sie in der Falle.

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