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Finanzkrisen : Lateinamerika im Abwärtsstrudel

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der tiefe Fall eines aufstrebenden Kontinents - Lateinamerika fühlt sich von Investoren verraten und verlassen.

          3 Min.

          Die gute Nachricht kam am Donnerstag: Der US-Senat macht den Weg für Freihandelsabkommen mit Lateinamerika frei. Zugleich stellte die US-Regierung nach langem Zögern mehr Finanzhilfen für den krisengeschüttelten Kontinent in Aussicht.

          Doch möglicherweise ist es dafür ein wenig spät. Von Argentinien über Brasilien bis Venezuela steckt das neoliberale Modell in einer schweren Krise, der Washingtoner Konsens, auf dem die liberalen Reformen basierten, hat an Legitimität eingebüßt. Die Wirtschaftsleistung in der Region wird nach Berechnung der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) in diesem Jahr durchschnittlich um 0,8 Prozent schrumpfen.

          Auslöser Argentinien

          Dafür größtenteils verantwortlich und gleichzeitig Auslöser für den tiefen Fall des aufstrebenden Kontinents ist der Zusammenbruch Argentiniens. Einst wurde das Pampaland hochgelobt von den Industrieländern und dem Internationalen Währungsfonds für seine neoliberalen Wirtschaftsreformen und das ehrgeizige Privatisierungsprogramm. Obwohl auch in Washington, Madrid und Brüssel bekannt war, dass damit schwindelerregende Korruption und eine völlige Aushöhlung des Rechtsstaates einher gingen, haben alle die Augen verschlossen, so lange es gute Geschäfte zu machen gab.

          Unbehelligt hat die argentinische Regierung wirtschaftliche Fehlentscheidungen getroffen - etwa die, auch nach der Abwertung des Real im Nachbarland Brasilien an der Parität zum Dollar festzuhalten - und über ihre Verhältnisse gelebt. Als die Schulden nach vier Jahren Rezession nicht mehr zurückgezahlt werden konnten, brach das Kartenhaus in sich zusammen: Abwertung, Zahlungsunfähigkeit, Rezession, Inflation, soziale Unruhen. Argentinien habe den Tiefpunkt der Krise zwar durchschritten, die Steuereinnahmen stiegen wieder, der Wechselkurs habe sich stabilisiert, die Inflation sei gebremst und die Handelsbilanz verzeichne einen Überschuss, meinte der Cepal-Generaldirektor Jose Antonio Ocampo.

          Ein Kontinent wird angesteckt

          Doch dafür wurden die Nachbarländer angesteckt, obwohl dort andere Voraussetzungen herrschen. Doch die Anleger haben das Vertrauen in den Kontinent verloren und bestrafen die Länder global mit dem Abzug von Kapital. Etwa Uruguay, den einstigen Vorzeige-Bankenplatz Südamerikas. Bis Februar hatte das Land noch den Investment-Grad. Doch weil sich die Rahmendaten aufgrund der grossen Abhängigkeit von Argentinien verschlechterten - die Deviseneinnahmen aus dem Export und dem Besuch argentinischer Touristen blieben aus, die Staatsfinanzen gerieten in eine Schieflage - verloren die ausländischen und dann auch die einheimischen Anleger das Vertrauen, zogen ihr Kapital ab und stürzten das Bankensystem in eine Krise.

          In Brasilien passierte Ähnliches, obwohl das Finanzsystem im Gegensatz zu Uruguay und Argentinien nicht dollarisiert ist, das Land weiter wächst, Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet und daher in der Lage ist, seine relativ hohen Auslandsschulden zu begleichen. Doch in Brasilien stehen Wahlen an, und dass der ehemalige Gewerkschafter Luiz Inacio "Lula" da Silva führt, macht Rating-Agenturen und Anleger nervös. Das zeigt, wie stark politische und spekulative Komponenten mitspielen.

          Neoliberales Modell gescheitert?

          Vor allem aber bringt die Krise den wunden Punkt Lateinamerikas ans Licht: die niedrige interne Sparquote, die die Länder abhängig und verwundbar macht von Fremdkapital. Klar erkannt haben das die südamerikanischen Präsidenten, allen voran Brasiliens Staatschef Fernando Henrique Cardoso und Chiles Präsident Ricardo Lagos. Irgendwas könne nicht stimmen mit dem Modell, wenn jedes Jahr irgendwo eine Finanzkrise ausbreche, die auch ordentlich wirtschaftende Länder bestrafe, kritisierte beispielsweise Lagos. Der argentinische Staatschef Eduardo Duhalde erklärte dieser Tage das neoliberale Modell für gescheitert; Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chavez proklamiert das seit langem. „Es klafft eine große Lücke zwischen den Erwartungen an das neoliberale Wirtschaftsmodell, das in den 90er Jahren in der Region zur Anwendung kam, und der Realität", umschrieb die Cepal etwas diplomatischer die Lage. Das werfe einige Fragen hinsichtlich der Tragfähigkeit des Modells auf.

          Die Aussichten für die von George W. Bush für 2005 anvisierte gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA oder Alca) sind deshalb getrübt. Brasilien habe daran nur Interesse, wenn die Industrieländer endlich ihren Protektionismus aufgäben, sagte Cardoso. Derzeit sehe es aber nicht danach aus. Priorität habe daher erst einmal die Stärkung des regionalen Handels und der eigenen Wettbewerbsfähigkeit. Wegen des offenen Unilateralismus der USA sind die Beziehungen zu den südlichen Nachbarn seit einiger Zeit getrübt.

          „Keinen blassen Schimmer“

          Bush habe keine blassen Schimmer von Lateinamerika, beklagte sich Cardoso unlängst in einem Fernsehinterview. Und interessiere sich auch nicht dafür, fügte Duhalde hinzu. Worauf US-Finanzminister Paul O´Neill entgegnete, Washington gebe erst grünes Licht, wenn sichergestellt sei, dass die Hilfsgelder nicht umgehend auf Schweizer Konten landeten.

          Zu den Ausnahmen in der Region gehören Mexiko, das seit 1994 in einem Freihandelsabkommen mit den USA verbunden ist, und Chile, das voraussichtlich noch vor Jahresende einen ähnlichen Vertrag abschließen wird. Doch das Andenland dürfte auch dank seiner politischen Stabilität eine Ausnahme darstellen. Dem Rest des Kontinentes droht eine Phase sozialer Spannungen und politischer Instabilität. 200 Millionen Lateinamerikaner rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung, leben in Armut. Die vom Volk erzwungenen Rücktritte in Argentinien, die Plünderungen in Uruguay, die Straßenschlachten in Peru und Paraguay dürften lediglich der Anfang sein.

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