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Finanzkrise : Wo die Verluste sind

Mehr als 10 Billionen Dollar soll die Welt in der Finanzkrise verloren haben. So haben es einige schlaue Leute ausgerechnet. Solche Rechnungen sind übertrieben. Die Finanzkrise ist zwar schlimm, doch die Welt hat weniger Geld verloren, als sie glaubt.

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          Es ist eine riesige Summe: Mehr als 1500 Euro soll jeder Erdenbürger durch die Finanzkrise verloren haben, die ganze Welt zusammen sogar zehn Billionen Dollar. So haben es viele schlaue Leute ausgerechnet, vom Internationalen Währungsfonds bis zur Asiatischen Entwicklungsbank. Das ist die Wirtschaftsleistung Deutschlands in drei Jahren. Doch diese Rechnungen sind übertrieben. Keine Frage: Die Finanzkrise ist schlimm. Die Welt hat aber viel weniger Geld verloren, als sie glaubt – und viel mehr Illusionen.

          Das gilt zuvörderst für die Aktionäre und Fondsbesitzer. Sie rechnen einander jetzt vor, wie weit ihre Kurse seit dem Dax-Hoch gesunken sind und wie viel Geld ihnen deshalb fehlt. Sie sollten sich nichts vormachen: Sie hatten das Geld nie. Alles, was sie hatten, waren Buchgewinne – und die Hoffnung darauf, dass ihnen jemand tatsächlich den hohen Kurs für ihre Aktien zahlt. Doch selbst der Kurs war ja nur Ausdruck einer Hoffnung, dass die Unternehmen in Zukunft Gewinne machen. Diese Hoffnung ist jetzt ein gutes Stück kleiner geworden. Doch die Welt hat dabei kein Geld verloren, es ist höchstens beim Aktienkauf von einem Aktionär zum anderen gewandert.

          Keine Frage: Die Firmen hätten die Hoffnungen ihrer Aktionäre vermutlich noch erfüllt, wenn die Wirtschaft weiter gewachsen wäre. Dass sie das nicht mehr tut, wird ebenfalls der Krise vorgeworfen: Zwei Billionen Dollar im Jahr verliere die Welt allein dadurch, dass die Wirtschaft jetzt langsamer wachse als in den vergangenen Jahren, heißt es. Doch stellen wir uns eine Welt ohne Finanzkrise vor. Darin hätten die Banken ihre Kredite sorgfältiger vergeben, und die Bankkunden hätten weniger Geld ausgegeben. In dieser Welt wäre schon das Wachstum der vergangenen Jahre deutlich kleiner ausgefallen. In der Realität ist die deutsche Wirtschaftsleistung heute wieder auf dem Stand von 2006. Wir haben vor allem die Übertreibungen der vergangenen Jahre zurückgezahlt.

          An realen Werten hat die Welt wenig verloren

          Wer wirklich Geld verloren hat, das sind die Banken: Rund 1,6 Billionen Dollar haben sie für ihre toxischen Wertpapiere abgeschrieben. Doch auch dieses Geld ist nur den Banken verlorengegangen – und in Form von Krediten in wesentlichen Teilen bei amerikanischen Schuldnern angekommen, die es ihrerseits wieder für Häuser und DVDs ausgegeben haben.

          An realen Werten hat die Welt weniger verloren, als sie denkt. Dahin sind vor allem die unzähligen Häuser in Amerika, die jetzt leer stehen und verfallen. Und die fahrtüchtigen Autos, die rund um die Welt für die Abwrackprämie verschrottet worden sind.

          Viel schwerer wiegt indes, was die Welt an Illusionen verloren hat. Dieser Verlust ist durch die Buchgewinne der Aktionäre noch lange nicht kompensiert. Denn es sind auch wichtige Hoffnungen, auf die wir in Zukunft verzichten müssen: die Hoffnung auf ein stetiges, stabiles und schnelles Wachstum zum Beispiel. „Große Mäßigung“ (Great Moderation) nannte man die vergangenen Jahrzehnte, weil die Welt ohne größere Störungen immer wohlhabender wurde. Die Wirtschaft schien sich so steuern zu lassen, dass große Unfälle ausbleiben. Jetzt müssen wir lernen: Mit Krisen muss man immer rechnen. Es ist ein Auf und Ab.

          Noch schlimmer: Die Welt hat die Illusion verloren, dass die Menschen einigermaßen vernünftig sind. Sie musste lernen, dass die Menschen nicht immer rational sind, zu leicht lassen sie sich zum Beispiel von der Gier wegtragen. Rational sind die Leute vor allem dann, wenn die Gesamtheit darunter leidet – zum Beispiel, wenn sie über ihre Boni verhandeln.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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