https://www.faz.net/-gqe-xqwq

Finanzkrise : Politisch geschürte Blindheit

Kauften Kredite schlechter Qualität: die staatlichen gesponserten Eigenheimfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac Bild: AP

Was war die Ursache für die internationale Finanzkrise? Im Kern der Krise stand das blinde Vertrauen der Anleger und Banker auf die Preise im Immobilienmarkt. Die Fehlanreize, die dazu führten, sprechen für Staatsversagen.

          3 Min.

          In der Ursachenforschung für die Finanzkrise konkurrieren, grob vereinfacht, zwei Erklärungsversuche. Das eine ist die populäre Geschichte, die seit 2008 oft erzählt wurde: Zu sorglose, gierige Banker führten die Welt an den wirtschaftlichen Abgrund, weil sie zu große Risiken eingingen und mit komplexen Finanzprodukten ein immer größeres Rad drehten. Aufseher und Ratingagenturen versagten. Politiker im Deregulierungswahn ließen zu, dass Teile des Finanzsystems keiner Kontrolle unterlagen. Nach dieser Erklärung war die Krise ein Unfall, der passieren musste. Das Platzen der Hauspreisblase und der Zusammenbruch des Hypothekenmarktes in Amerika war nur, wie es Lawrence Summers formuliert, die weggeworfene Zigarettenkippe, die einen ausgetrockneten Waldboden in Brand setzte.

          Die zweite Erklärung der Krise setzt an der Kreditblase an, die sich in den Jahren vor der Krise im amerikanischen Hypothekenmarkt aufbaute. Im Mittelpunkt dieser Erklärung stehen die Liquiditätsschwemme und das abnehmende Risikobewusstsein von Anlegern und Banken. Diese Verwerfungen gelten wahlweise als Resultat einer zu lockeren Geldpolitik oder als Ergebnis des Sparüberflusses in Schwellenländern, der in Europa und Amerika die Zinsen drückte. Diese Erklärung hat den politischen Nachteil, dass sie der Öffentlichkeit keinen Schurken bietet. Sie hat den großen Vorteil zu klären, warum die großen Räder der Finanzwelt Anschub erhielten. Ohne diesen wäre der Waldbrand nie entfacht worden.

          „Nicht alles, was während der Finanzkrise schief ging, hat die Krise verursacht“

          Die demokratische Mehrheit der amerikanischen Kommission zur Untersuchung der Finanzkrise folgt in ihrem jetzt vorgelegten Bericht der populären Erklärung. Mehr Regulierung hätte die Krise vermieden, drei Jahrzehnte der Deregulierung hätten ihre Spuren hinterlassen. Wirklich? Erst 1991 hatten die Amerikaner als Reaktion auf die Savings & Loan-Krise die Bankenregulierung verschärft. 2002 verschärften sie mit dem Sarbanes-Oxley-Gesetz die Regeln zur Rechnungslegung und Unternehmensführung börsengehandelter Unternehmen. Der Zusammenbruch von Bear Stearns oder Lehman Brothers lässt sich auch nicht mit der Aufhebung der Trennung von Investment- und Geschäftsbanken erklären (Glass-Steagall-Gesetz). Solche Einwände verschweigt die Mehrheit der Untersuchungskommission. Richtig ist ihr Vorwurf, dass die amerikanische Notenbank Federal Reserve es willentlich unterließ, schärfere Regeln für Hypothekenkredite zu setzen. Das hätte die Kreditblase zumindest gedämpft.

          „Nicht alles, was während der Finanzkrise schief ging, hat die Krise verursacht“, heißt es in der abweichenden Meinung republikanischer Mitglieder der Kommission. Das ist wohl wahr. Die Demokraten meinen zu wissen, dass Derivate wie etwa Kreditausfallversicherungen (CDS) entscheidend zur Krise beitrugen. Doch nur der Versicherer AIG ging als Folge seiner CDS-Engagements unter und musste gerettet werden. Das riecht eher nach einem Versagen des Managements als nach systematischen Fehlern am Markt für Derivative. Die Kernschmelzen von Washington Mutual, Countrywide, Bear Stearns, Lehman, UBS, Merrill Lynch, Wachovia und Indy Mac hätte es auch gegeben, wenn AIG keine CDS gezeichnet hätte, meinen amerikanische Ökonomen.

          „Greenspan-Put“ und staatliche Absicherung

          Der Kern der Krise lag woanders: Im blinden Vertrauen von Anlegern und Banken darauf, dass die Preise am Immobilienmarkt stetig steigen werden, und in der abnehmenden Qualität der Kredite. Das ist Kreditblasen so eigen. Krasse Fehlanreize können aber zumindest zum Teil erklären, warum das Risikomanagement von privaten Haushalten und Finanzhäusern so versagt hat. Ein guter Ansatzpunkt ist der „Greenspan-Put“. Dieses geflügelte Wort bezeichnete die Erwartung, dass die Fed nach dem Platzen einer Finanzblase mit niedrigeren Zinsen und viel monetärer Liquidität größere Schäden schon verhindern werde. Mit seinem geldpolitischen Beharren, dass Notenbanken sich nicht gegen den Wind lehnen sollten, hat der frühere Fed-Vorsitzende Alan Greenspan diesem Glauben mehr als Vorschub geleistet.

          Ein anderer offensichtlicher Fehlanreiz war die sich selbst erfüllende Erwartung, dass Regierungen große Finanzhäuser nicht untergehen lassen würden. Greenspans vielfach kritisierte Vermutung, dass Finanzhäuser die Gegenparteien ihrer Geschäfte hinreichend kontrollierten, führt notwendigerweise in die Irre, wenn alle einer impliziten staatlichen Absicherung unterliegen. Ein dritter Ansatzpunkt für das blinde Vertrauen in die Preisblase am Häusermarkt ist die amerikanische Politik, die den staatlichen Baufinanzierern und Banken immer höhere Vorgaben setzte, finanzschwache Amerikaner ins eigene Heim zu bringen. In der Folge sank die Qualität der Kredite. Die staatlich gesponserten Eigenheimfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac kauften in den Vorkrisenjahren 30 bis 40 Prozent der Hypothekenkredite fauler Qualität. Das hat die Preisblase deutlich angetrieben.

          Keiner dieser Fehlanreize gründet im Marktversagen, alle drei fokussieren das Staatsversagen. Verwundert es, dass es für sie in der populären Geschichte der Finanzkrise kaum einen Platz gibt?

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Klein und furchteinflößend: Papierfischchen lieben Zellulosefasern.

          Sorge vor Schädlingen : Insekten im Museum

          Alle Museen fürchten Insekten, die ihre Sammlungen als Nahrungsquelle sehen. Trotzdem spricht kaum jemand in der Branche über Schädlingsbefall. Wer es tut, muss mit Konsequenzen rechnen.
          Verkehrsminister Scheuer musste sich wegen der Maut-Vergabe im Juli den Fragen des Verkehrsausschusses im Bundestag stellen.

          Automaut : Rechnungshof kritisiert Scheuer

          Der Bundesverkehrsminister wird seit langem für das Vergabeverfahren für die Pkw-Maut angegriffen. Auch der Bundesrechnungshof ist nicht einverstanden. Es listet gleich eine ganze Reihe von Verstößen auf.
          An der Stelle des Unglücks: Kerzen und Stofftiere erinnern an den Jugendlichen, der hier in der Münchener Innenstadt von einem Raser totgefahren wurde.

          Raserunfall in München : „Keine Hetzjagd“

          Eine Videoaufnahme von dem Raserunfall in München, bei dem ein Jugendlicher starb, soll die Polizei von Hetzjagd-Vorwürfen entlasten und den Vorsatz des Fahrers belegen. Die Staatsanwaltschaft sieht mehrere Mordmerkmale erfüllt.

          Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

          Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.